buch: grit lemke – kinder von hoy

Um es mal so anzufangen: auf verschiederlei Kanälen, Gesprächen, habe ich mich schon mit den Ereignissen in Hoyerswerda auseinandergesetzt, die Anfang der 90er diese Stadt krass in den Fokus rückten.
Der offene Rassismus und die Gewalt in der Stadt gegen Flüchtlinge war unfassbar. Die Eskalationsstufe, die damals erreicht wurde, die unerträglich war und sehr schwer in den Griff zu bekommen.

Durch eine Freundin geriet mir nun dieses Buch „kinder von hoy“ in die Hände, über das ich nun ein paar Zeilen verlieren möchte.
Grit Lemke ist eine Autorin und Dokumentarfilmerin. „kinder von hoy“ ist ein dokumentarischer Roman. Kann man das Roman nennen? Es sind viele Zeitzeugen, die eine Stimme bekommen in diesem Buch.
Anfangs empfand ich das tatsächlich als superanstrengend, es zu lesen.
In der Chronologie der Jahre erzählt, wie die Stadt entstanden ist, springen die Aussagen der Interviewten Zeitzeugen allerdings, dazu Worte, die man halt als alter Wessie nicht kennt, oder nur teilweise, dazu dann keine Erklärung oder Glossar. Ohne groß Fließtext, immer wieder Unterbrechungen kommt ein Fluß im Grunde erst gegen Ende ins Buch; die letzten 50 Seiten habe ich dann „gefressen“.

Alles in allem war es wie bei einem Film, den man schon ein paar Mal gesehen hat, oder bspw die Lebensgeschichte von Elvis: ich wusste, worauf es hinauslaufen wird. Und ich weiß, dass das kein gutes Ende nimmt.
Das Buch zeigt ungeschönt die Seite der Bewohner. Menschen, die nicht im „westlichen“ Sinne „links“ waren, aber so gesehen wurden, sich auch bereitwillig auf die Seite der Linken stellten – und in einen Zwiespalt gerieten. Zwischen freiem Leben, Aufbruchstimmung und Gewaltexzessen auf beiden Seiten.
Der Westen, der dorthinkam, der die Rechtsradikalität mit auch krass beschleunigt hat. Der alte Osten, der nie etwas gegen den schwelenden Rassismus getan hat.
Das alles war Zunder genug, um ein lichterlohes Feuer zu entzünden.

Das starke Artwork ist schlicht und treffend.
Der Untertitel ist „Freiheit, Glück und Terror“.
Bedauerlicherweise ist ja damals nicht nur ein Mensch „zu Schaden gekommen“, sondern umgebracht worden. Und dieser rechte Terror wurde nie aufgearbeitet. Immer wieder wird auf den Linken rumgehackt, sie seinen gewaltbereit. Heute noch.
Und ich kann mich auch sehr gut an die 90er erinnern – zu der Zeit war einiges an Straßenkämpfen in der Hafenstrasse schon gelaufen – in der wahrlich keine Seite zimperlich war. Die Bullen nicht, die Rechten nicht, und die Linken, Autonomen, auch nicht.
Seitdem hat sich einiges beruhigt, gefestigt, weil es Strukturen gibt, in den jemansch leben kann.
Und nun sind sie wieder da: die Neider.
Das, was wir heute sehen können sind die Ergebnisse dessen, was die Menschen in Hoyerswerda in ihrem Kosmos erlebt haben.
In meiner Welt ein famoses Buch. Lest es!

 

Nachklapp:
Die, wie soll ich sagen, Gesamtzeit der Wende, die Baseballschlägerjahre, da habe ich auch eine Doku durchgeschaut, die ich euch auch noch mit ein paar Worten vorstellen werde.
Klar, das Buch ist schon eine Weile raus, die Doku auch, es ist nichts „aktuelles“ – aber das Thema! Das wird so lange aktuell bleiben, solange der Braune Sumpf in Deutschland nicht endlich auch, mit der Erkenntnis der Notwendigkeit, aus der Mitte der Gesellschaft, trocken gelegt wurde!

Autor: felixfrantic

post-deutschpunker. Chef-Redakteur bei ProvinzPostille (Fanzine, Online-Mag) seit 2014 Gitarrist*in bei pADDELNoHNEkANU (Punkband) seit 2002 CEO bei Krachige Platten (Label) seit ewig Redakteur bei Vinyl-Keks (Online-Mag) seit 2019 "Irgendwas mit Medien" bei Lautstarke Filme (Videoclips) seit ewig Labertasche bei Plattenschau Podcast seit 2023

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert