fanzine: ruebenmus #10

Kennt ihr das, wenn zuhause Lesestoff rumliegt und ihr ihn nicht lest? Also seiner festen Bestimmung zuführt?
Jedenfalls kam mir dieses Cover bekannt vor, ich zog das Heft nochmal vor, hatte das Gefühl den Bericht über „Jamel rockt den Förster“ schon mal gelesen zu haben. Mich beschlich beim Weiterblättern das mulmige Gefühl, dass ich das alles schon mal…. also dieser Bericht über den schlechtesten Film „Sunshine Reggae auf Ibiza“ (aber nur reingucken, wenn ihr kurz 80erJahre Schrott mit Schlagermusik ertragt) – hatte ich mich über den schon kaputtgelacht.
Also Lesestoff der rumliegt und dessen Lektüre vergessen wird: unmöglich! Ich bin empört.

Da es sich immer lohnt über die Ruebe zu schreiben.
Diesmal also ein kunterbunter Reigen an witzigen Stories und Interviews. Prall gefüllt mit angetrunkenen Worten, betrunkene Aktionen und torkelnden Punkbands.
Bemerkenswerterweise haben sie mich diesmal mit „wann ist endlich Schluß“ (…mit Slime, Toten Hosen,… ) gekriegt. Genau: wann ist Schluß, dass die Mächtigen abtreten. Ist ja im Punk schon wie im echten Leben: da wird sich an die Macht geklammert…. nein, Quatsch, darum geht es nicht.
Aber wenn nur noch ein einziges Bandmitglied übrig ist, und das ist dann nicht mal der Sänger, was macht ihre Musik für einen Sinn? Damit ein paar Leute nochmal „ihre“ Helden sehen können?
Ich hab mit meiner Band auch schon als Support von Hass gespielt. Hej, is oke. Muss aber nicht. Set war auch viel zu gleich und viel zu lang.
Inzwischen spiele ich auch in so ner Art Coverband mit Joe von V-Mann Joe, denn nur er ist dabei. Ist das mötig, ist das gruselig?
Ey – egal. Lass einfach mal machen. Wenn das mal so hier und da ein Konzert ist und man nicht gleich der ganzen Welt mit endlosen Touren und dem kompletten Festivalsommer auf den Sack geht – dann ist das doch ne gute Sache; und Geschmackssache.

Schön sind die Collagen von Hummeltittchen und Grundlos, beides Badns, die sich vorstellen mit Bildern und Texten. Schön schnippel. Geil.
Das Inhaltsverzeichnis ist so pickepackevoll, dass ihr das echt lesen müsst!
Bei Laut FM gibt es ruebenmus nun als non-stop-radio mit Schrammeldeutschpunk.
Irgendwie ne geile Idee. Soll ich das auch machen?

Und zum Ende dieses Reviews kommt mir glaube ich auch eine Idee, warum ich die Ruebe habe liegen lassen: ich habe Loser Youth und Jan Off vorgezogen.

buch: wolfgang achnitz & jenny haas – völkischer nationalismus

Das Buch „völkischer nationalismus“ ist mir über die Timeline gelaufen, da ich schon lange der Seite „Aufstehen gegen Rassismus Offenburg“ folge. Das begann ja während der Corona-Zeit, dass sich in Offenburg Menschen versammelten, wie in vielen Städten, um gegen die diktatorischen Maßnahmen auf die Straße zu gehen. Und AgR hat sich von Anfang an dagegen gestellt.
Ich sprach mit Jenny in Ausgabe #7 (2021). Sie setzen sich für ein buntes, aufgklärtes Offenburg ein.

Ich könnte jetzt locker eine 6-seitige Rezension hier in die Tasten prügeln, versuche es aber kurz zu halten.
Gemeinsam mit Wolfgang Achnitz hat Jenny Haas nun über die Zeit nach dem WW II vor allem in Baden-Württemberg recherchiert.
„Völkischer Nationalismus“ erschienen beim Verlag Regionalkultur.

Sie beginnen damit, dass sie sehr klar aufzeigen, wie der Nationalsozialismus in Baden angekommen ist, sich etwickelte und festgefressen hatte; und was nach dem Krieg passiert ist.
Das eine Entnazifizierung in 98% der Fälle bis 1950 quasi relativiert wurde. Auch dadurch, dass viele Veruteilte in Revision gegeangen sind und dann recht bekamen. Es blieben so 200 Menschen übrig, denen eine Schuld nachzuweisen war.

Mediziner, die Versuchsreihen an KZ-Insassen vorgenommen hatten, Juristen, Lehrer, Polizisten …. konnten nach dem Krieg in ihren Positionen bleiben. In Bund, Ländern und Kommunen. Natürlich brauchte man sie.
Eben nicht entnazifiziert.
Was darin mündete, dass bei der Bundestagswahl 1965 (20 Jahre nach dem größten Verbrechen der Menscheit) immer noch 129 ehemalige Nazionalsozialisten im Bundestag saßen. Mehr als die Hälfte für CDU/CSU, ebenso der FDP (die schon 1949 forderte einen Schlußstrich unter die Vergangenheit zu ziehen).

Ihr merkt, hier stecken auf wenigen Seiten schon am Anfang so viele Infos drin, die man eigentlich in Teilen schon mal im Geschichtsunterricht gehört haben sollte, dass einem der Kopf raucht.
Dennoch ist das Buch sehr gut lesbar, sehr sachlich gehalten und mit einigen schwarz/weiß Bildern und hunderten von recherchierten Fußnoten.

Ich habe da Buch noch nicht ganz fertig. Weswegen ich die Rezi aber jetzt schon schreibe: wir müssen aufstehen!
Aufstehen gegen die, gegen die ich schon 1990 aufgestanden bin und immer wieder aufstehen werde. Die Holzköpfe, Altnazis, Stammtischparolenklopfer, die Konservativen, die einfach immer die Rechtsradikalen dulden aber das Progressive nur dann, wenn sie es zur Gewinnmaximierung nutzen können.

Bildet euch.
Bildet Banden!

 

LP: suicidas – exitos e fracasos

Spontan war ich letztes Jahr auf Mallorca und wir haben an einem Tag einen Ausflug nach Palma de Mallorca gemacht und dort einen Plattenladen besucht Mais Vinilo besucht. Dort nahm ich Usura mit (review) und nun also die zweite Platte, die ins Übergepäck kam von Suicidas, einer Punkband aus Barcelona.

Zu finden ist eine FB-Seite. Lang nicht aktualisiert. Und wenn man nach „suicidas“ sucht, bekommt man natürlich Hilfe angeboten.

Hier mal kurz & knackig:
Ein Punk, der auf dem Boden kniet, ist gegenüber eine fauchende Katze.
Die Platte ist eine Compilation von Songs 2011 – 2016. „erfolge und mißerfolge“ so die deutsche Übersetzung.
Suicidas macht gut nach vorne gespielten Punkrock, der ein wenig oldschoolig wirkt durch den mittigen Basssound.
Sie sind ein Trio, alle drei singen. Die Gitarristin eben auch.
Ein wenig erinnern sie mich an Renegades of Punk aus Brasilien.
Bisschen Melancholie, Garage-Sound, Druck in den Drums.

Scheinbar kommt eine LP bei Sabotage Records raus dieses Jahr. Ich bin gespannt. Denn ich finde echt wenig übe die Band und weiß nicht, ob es sie noch gibt.
Diese Platte lohnt sich aber auf jeden Fall!

Laut Bandcamp letzte Split 7inch mit pox – zwei Songs finde ich auf der LP
Nosotros Los Malditos und La Ventana de Atrás – hört mal rein.

LP: krav boca – drapeau noir

Erstmal: total geil, dass die Band Krav Boca wieder an mich gedacht haben, damit ich ihre neue Platte anhören kann.
Immerhin schicken sie das für teuer Porto aus Frankreich zum bedeutungslosesten Musik-Blog, der Grenzen überschreitet, hehe.
„drapeau noir“ heißt die Poatte (schwarze Flagge).
Sie selbst beschreiben sich bei Bandcamp selbst sehr gut.
Und übrigens kann man das Album bei Bandcamp für 0€ mitnehmen…. krass

Die Produktion ist echt ziemlich fett.
Spiegeloptik, Comiczeichnung welches wohl das Kollektiv repräsentieren soll, welches Krav Boca sind. Auf der Rückseite sieht man die Stadt, aus der  dieses Raketenschiff abhebt.
Alles komplett in Eigenregie, so sieht es aus, Boca Records, der Name ihres Labels.

Textlich geht es darum, da sie nicht beiliegen, reime ich mir das mit meinem Schulfranzösisch ein wenig zusammen, Menschen aus verschiedenen Kulturen zusammenzubringen und den Frust und die Kritik am System, die sie haben, möglichst laut loszuwerden.
Sie haben da schon eine recht coole Herangehensweise.
Eine Mischung aus Stop&Go Metalgitarren, Hiphop, ohne dabei nach 90er Jahre zu klingen, nicht das neueste Konzept, aber Krav Boca machen das erfrischend direkt!
Die Metalcore-Quietschtöne der Gitarre kombiniert mit den direkten Beats drücken ordentlich nach vorne. Dazu elektronische Klänge, die auch auf einem Rave laufen könnte.
Einige Coop’s sind dabei. Rapper Magui aus dem Senegal, der queer transfeminist reggaeton Chocolate aus Argentinien (ich hab auf Spanisch noch nie jemanden so schnell sprechen hören!), Loran (ex-Bérurier Noir) und die Metalband Lofofora.
Klar, so abwechslungsreich die Gäste, so wird auch die Gesamtmixtur der Platte.

Mit „ok boomer“ gobt es eine ordentliche Watschen an die Alten, die meinen, alles im Griff zu haben.

Klares Statement mit „siamo tutti (antifascisti)“ – ein hämmender Beat, Punk in der Stimme.

Punk, Oi, Metal, HipHop, Elektro-Einflüsse – alles drin um richtig durchzudrehen.
Insgesamt eine echt gute Platte!

 

 

LP: elmar – vollgeschissen im hassclub

Ich hab mich echt schon ne Weile auf das Album gefreut, welches nun vom Elmar erschienen ist. Nach ein paar EP’s und Samplerbeiträgen das erste Full-Length seit „betriebstemperatur, halten“ in 2017.
Nun also mit „vollgeschissen im hassclub“ schon mal ne richtige Duftmarke gesetzt, man könnte fast meinen, Elmar könnten sich in der Zwischenzeit dem Hardcorepunk verschrieben haben.

Jedenfalls ist es so lang her, dass ich, als die Scheibe endlich läuft, kein Wort dafür habe, wie ich diese Musik beschreiben soll. Also nutze ich nun eine Vielzahl!
Peter Löwe, der Sänger und einer der Gitarristen der Band, hat zwischendurch mal ein Solo-Singer-Songwriter-Album rausgebracht, welches ganz famos ist und hart zu empfehlen! „ein gutes leben

Der Titeltrack ist auch der Eingangstrack und schnell merke ich, dass die Lyrics, so plakativ und direkt sich der Titel anhört, total lyrisch sind!
Emotionaler Punkrock, ein bisschen Lygo, ein bisschen Krawehl und atmen, weiter
Immer wieder fällt mir auf, das die Band textlich nicht so allgemein, wie sich poetische Worte ja eigentlich um ein Thema schlängeln, sondern in ihren Aussagen sehr sozialkritisch.
„popschwein“ ist so ein sehr gutes Beispiel

und überlass jetzt nicht dem zufall
oder dem faschist
eingebunden in reihenfolgen
im geschichtsbuchtwist
komm wir setzen uns nochmal hin
und du erzählst mir dann, wie es morgen war
bin schon beim gestern implodiert
ist so wie beim streiten
über lottozahlen

Dieser Text hat etwas Rachut’sches, obwohl diese Worte mehr Poesie haben als das Vergleichende, was eben Rachut gerne machte.
Dann, bei „bestes kleid“, am Schluß – kann sich noch jemand an die wunderbare Band Barra Head erinnern? – mir wird ganz warm ums Herz, denn Elmar schütteln da einfach mal so nen megaguten Emo-Part aus den Ärmeln.

Ich dreh mal um, zweite Seite.
„astronaut“ ist ein Indie-Song, ein Liebeslied.
Und ich finde noch eine ganz tolle Textstelle:

ich wollte wissen, was das wort heißt
und ob es sich bewegt
ob mans teilen kann
und ob es hölt, was es verspricht

seufz. Schön.
Insgesamt spielt die Band gegen Hörgwohnheiten, hauen gute Riffs, Drive und tolle Texte ohne Ende raus, ohne dabei sofort den Zuhörer einnehmen zu wollen. Nein, sie wollen, dass wir ihrer Musik einnehmen.
Mach ich ja in meinem musikalischem Leben genauso. Und gerade solche Bands werden viel zu wenig gehört. Also tut es!
Elmar!
Sie lassen uns dann am Ende auch noch an einer Session teilhaben, irgendwer hackt auf das Klavier ein, alle singen im Chor, freundschaftlich, versöhnlich, ein schöner Schlußakkord.
Empfehlung des Monats!

Gibt es via Gunner Records in rotem Vinyl. Mit Textbeilage. Yummy. Oder bei der Band direkt. Erschienen 19.06.2026.

konzert: oiro + so n paar andere 09.05.2026

Nach der Albumreview kommt der Konzertreview.
So hat es ja im richtigen Leben auch stattgefunden.
Zuerst haben Oiro die Platte rausgebracht und dann war ich aufm Konzert.

Ich hätte mal aufs Plakat gucken sollen, oft gibt das ja einen Rückschluß darauf, wer wann spielt.
Aber ich guckte nicht, als wunder ich mich, dass Oiro als erste Band des Abends aufspielen.

Johnny war in Plauderlaune, er bezieht ja auch ganz gerne das Publikum ein. Dazu erzählt auch was über die Songs, Inhalt und Drumherum. Wenn Oiro also ein 20-Minuten-Konzert spielen müssten: sie würden es reißen.
Aber es auch gut so!
Live hat die Band richtig guten Druck. Der Bass dengelt mehr, die Gitarre noisig wie eh und je, der Drumbeat rumsst durch die Boxen.
Johnny ist als ein guter Entertainer.

Danach spielten Suck.
Hatte ich vorher nicht gehört und war überrascht. Also erstmal muss ich sie, spaßeshalber, zur seltsamst angezogensten Band, die ich je gesehen habe, küren. Sry. Gar nicht böse gemeint, echt! Und weil ich auch gar nicht lästern will: ich weiß ja nicht, ob sie bei jedem Konzert so aussehen. Ihr könnt euch ja euer eigenes Bild machen. Diplomatisch ausgedrückt: bemerkenswert kreative Outfits, ohne kostümiert zu sein.
Der Sound, so ne Mischung Punk und Thrash-Metal. Also ich hab danach gelesen, dass sie sich anhören wir Metallica bei den ersten Alben. Und ich würde sagen, ja stimmt. Ist nur leider für mich eher ein Ausschlußkriterium als ein Gewinnermerkmal. Wenn ich mir ihr Logo im äußerst professionellen Shop anschaue: Metallica, ja.
Ich verkroch mich in das „du bist zu alte für den Scheiß, um den zu verstehen“ Eck im Biergarten.
Ein paar nette Unterhaltungen später wieder zurück.
Zum Abschluß Bubonix.
Die Band, die durch das lokale Label Twisted Chords bei mir auch früher mal auf dem Plattednreher gelandet war, fetzte nochmal richtig rein mit ihrem, nennen wir es Hardcore-Gebräu.

Ich weiß, diesmal war ich ein bisschen maulig. Aber hej, nicht jedes Konzert kann ein Volltreffer sein und man entdeckt „den“ nächsten Topkandidaten für die Plattensammlung.

PS:
den ersten Tag hatte ich mir Aufgrund allgemeiner Plattheit in Körper und Geist geschenkt. Schade, denn Blut und Eisen hätte ich echt gern gesehen!

fanzine: karl knochen – letzte oelung #5

Drei Jahre nach der Nummer 3 flattert hier die neue Kurzgeschichte von Karl Knochen rein.
Warum fehlt mir die 4?
Grummel.
Ich suche in meiner Zinebibliothek. Dann bei Insta, auf seiner Seite. Weit und breit: keine Nummer 4.
Habt ihr sie gesehen?

Letzte Oelung. Numero 5.
Wunderbar aufgemacht.
Diesmal, das nehme ich vorweg, ist es keine Kurzgeschichtensammlung sondern eine, die durch zwei Protagonist*innen erzählt wird.
Einmal ist da Tantivy, die Geisel des kapitalistischen Warensystems ist und eigentlich nur aus Schaufenstern guckt, oder in Räumen steht, in denen sie beguckt wird, oder auch mal umgeworfen. Eine Puppe. Das merkt man ziemlich schnell, ohne das Karl das direkt bezeichnen würde; doch er zeichnet mit Worten ihre Welt. Die ist echt gut beschrieben und es dauert nicht lang, da fühlt man sich staubig zwischen muffigem Kaufhausinventar.
Tantivy ist so hart in dieser Welt angekommen und dadurch eine sozialistische Sichtweise (ich hoffe, ich beschreibe das politische System im Sinne des Autoren; bin auch immer ein bisschen verwirrt, wen ich ein Kreuz bei einer Wahl mache)
Der Gegenpart ist Charlie Os, ein Fußballfan, er hat ein ganz gutes Verhältnis zum Verlieren.
Beide irren in einer Leipziger Welt umher.

Die Kapitel sind meist getrennt durch kleine Textfenster die Zitate (von Autor*innen oder Bands) enthalten und sowas wie die Kapitelüberschrift sind.
Manchmal beinhalten die Kapitel kurze Strecken von beiden Figuren, manchmal sind sie auch getrennt.
Gegen Ende verdichten sich aber beide Geschichten, nähern sich an, bis sie verschmelzen.
Ein paar Collagen lockern die Textstrecken auf. Im Heft sind sie allerdings s/w, nicht wie auf dem scheren Pappcover, dass den Text einhüllt.

Sprachlich finde ich, dass das unheimlich gut beschriebene Momente und krass gute Sätze auf den Punkt gebracht.

Die müden Strassen der Kindheit

ist so ein Satz.
Ich muss einen Song dazu schreiben.
Er hat auch eine schöne Idee, die wie eine gedankliche Fortsetzung von Dr. Murkes wirkt. Es geht darum, was auf Tonbändern drauf sein kann. Jemand, der sich von Worten ernährt.

Circa 60 Seiten. Zu haben direkt beim Autor Karl Knochen, Link oben!
Eine super Kurzgeschichte, gönnt euch, besorgt euch, Buchstaben sind toll!

 

LP: oiro – zweite kasse, bitte

Düsseldorfs bald einzige Punkband mit neuem Hitalbum.
Wie einige andere Schreiberlingskolleg*innen schon festgestellt haben, passiert so ein neues Album von Oiro inzwischen mit einer gewissen Regelmäßigkeit. Circa alle 2 Jahre liegen 10 neue Brenner auf dem Plattenteller.
Was hat sich geändert?
Vielleicht die Vorgehensweise:
Es gab Songs zum Reinhören und eine Listenig-Party bei Bandcamp. Ein paar Konzerte vorher. Und ich dachte „ich seh sie ja im Mai aufm Hackerei-Geburtstag, dann muss ich das ja nicht vorher hören!“ Ich kann mich dann live überraschen lassen. Werde weder zu euphorisch noch tieftraurig über mittelmäßige Songs. Win-Win.

VIDEO

Erster Song von Oiro ist „steine und keulen“ – Oiro sind live auf jeden Fall krachiger. Die Platte ist schon sehr moderat aufgenommen und gemischt. Das ist vermutlich auch bewusst so gesetzt.
Es hat sich tatsächlich nicht sooo viel verändert, dass ich euch das jetzt Textkolonnenmäßg um die Ohren – in die Augen – hauen könnte.
Aber es ist gut!
„Pfeffi auf Pump“ (siehe oben)

In aller Kürze:
ein gutes Album. Läuft!
Anspieltipp „elektizität“ ein famos melodisches Stück, welches einen großartigen Abschluß bildet.

Vinyl beim Majorlabel (ltd grün und schwarze Version). Kassette bei Raccoone Records.

 

LP: das bildungsbürgertum – verantwortung für doitschland

Eine erste Review hatten Das Bildungsbürgertum von mir bekommen, weil sie mir netterweise das Tape „die gewaltfrage“ zugeschickt hatten. Eine Review in der ich ein wenig probiert habe mit Worten und lauen Witzen, die mir so spontan aus den Griffeln gefallen sind, zu punkten.
Das wir der Band überhaupt nicht gerecht.
Vor allem, wenn man ihr neues Album „verantwortung für doitschland“ ein paar mal durchlaufen lässt.

Das Bildungsbürgertum präsentiert uns das, was wohl die Essenz des manchmal sinnfreien Blicks auf das Land ist: so tun als ob. „Verantwortung für Doitschland“ meint nämlich nicht die Verantwortung der Band gegenüber diesem Lande, geschweige denn machen sie Oi-Musik.
Tut mir ja jetzt ganz doll leid, wenn ihr an diesem Punkt abschaltet.

Das Bildungsbürgertum, aus der ammerländisch-ostfriesischen Provinz, kommt mit einem recht gräulich wirkenden, zerknitternten Papier auf dem Cover auf den Plattenteller. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es dort, so weit weg vom Süden, wo ich wohne, so grau ist.
Eine gute Antwort finde ich leider auch nicht im Promo-Schreiben auf das Artwork, aber vielleicht äußert sich die Band ja irgendwo mal dazu.

Es gibt ein Textblatt – und das ist richtig gut so. Man kann zwar sehr gut verstehen, was Hanno singt, allerdings ist es so gut geschrieben und so viel Text, da kommt man nicht gleich mit.
Man kann also nicht alles mitbekommen.
Musikalisch bietet die Platte etwas, was dem Bildungsbürgertum so eigen ist: man hat in der Jugend die Klavierstunden bezahlt bekommen. Auch Gitarre und „ja, … meinethalben, Junge, dann spiel halt Schlagzeug, wenn du Klarinette nicht magst.“
Alle vier Bildungsbürger können also ihre Instrumente taktgenau spielen.
Sie machen im Grunde Rockmusik mit einer Punkattitüde, ordentlich Ska reingejazzt – vermutlich würde sich das mit Bläsersatz gleich noch ganz anders anhören – und fertig ist der Bildungsbürgersound.
Ich dachte nach dem Hören der ersten Seite, dass ich die zweite nicht gleich hinterherjagen möchte; ein wenig zu viel Off-Beat war es mir dann schon.

Die zweite Seite ist aber tatsächlich wesentlich abwechslungsreicher und der singende Bassist Hanno haut eine coole Nummer nach der anderen raus!
Nach dem 17ten Album der Toten Hosen kann es nun also richtig losgehen – aber huch! wer hat denn da bei „Markus L.“ klammheimlich ein Hosenriff mitbenutzt?

Zum Abschluß denke ich dann: aha! Die Klavierstunden, die erwähnten, waren doch zu was nutze gewesen!
Auch ein sehr schönes Stück „Liebe und Frieden“.
Und an dieser Stelle komme ich mal zu den Texten:
Es geht ein wenig um die Beatles und deren Übersong „all you need is love“, doch am Ende bleibt einem doch ein Kloß im Halse stecken, da das Bildungsbürgertum textlich einfach echt gut zupacken können!
Eigentlich sollte man das Textblatt nochmal in Ruhe lesen, ohne das Musik dazu läuft.
Wenn ich denn alles richtig verstehe, inhaltlich, dann geht es bspw in „1 Mann 1 Wort“ um Beziehungen. Um den Mann als bestimmendes Element, der am Wochenende eigentlich nur sein Testosteron feiert; auch seine Frau.
„kein Sex (mit dir)“ und „36 Grad“ sind einmal ein kritischer Text dazu, dass man am Ende eines Abends sich an der Theke noch in die Augen schauen kann, wenn der eine sagt, er sei schwul und der andere nicht wegrennt.
Im zweiten Song geht es darum, dass ein Mann einfach auch mal hübschen Männern hinterherschauen kann!

Die zwingende Empfehlung, der Anspieltipp, ist „hast du Angst?“ – ich habe seit langem keinen so schlauen, witzigen, hintersinnigen und auf den Punkt gebrachten Text über Polizeigewalt gelesen, bzw gehört!
„in Fahrtrichtung rechts“ mit der schönen Metapher des weißen Schnees, der dann braun wird und am Straßenrand liegenbleibt. Das wäre wirklich schön…. wenn er dann auch noch Rückstandsfrei wegschmelze!
Im Text geht es aber auch eher um die Langeweile die eintritt, wenn der Schnee lange liegt „mein Gott, lass ihn halt liegen“.

Album auf rot transparentem Vinyl mit schwarzen Schlieren bei Bakraufarfita Records. Auch als rotes Tape erhältlich.

 

LP: the melmacs – euphancholia

Es läuft eine Band, die eigentlich so old-schoolig ist und ihren Sound in die Moderne übrtragen hat, dass ich mich frage, was ich da reviewen soll.
The Melmacs.
Ich höre wirklich nicht Neues in dieser Musik, fühle mich aber sofort auch erinnert an die Neat Mentals, die etwas rogher und melancholischer sind, aber nicht unähnlich.
The Melmacs machen gut gelaunten Pop-Rock’n’Roll. Mit Lebendigkeit und Druck. Sie würde irre gut passen auf all die Stadtfeste, an denen man vorbeiläuft und guselige Musik läuft und lauter Deppen rumstehen und in die Hände klatschen. The Melmacs würden deren Welt so hart geil aufmischen und ihnen einen neuen Stern am Firmament geben. Ich seh’s vor mir, ernsthaft: lauter glückliche Menschen!
Aber werden all die Leute, die ich hier so meine, von einem so wunderbaren Punklabel wie Bakraufarfita erreicht – ich fürchte nein. Schade!

Das Artwork ist total gut. „maybe i’m too sensitive or maybe you’re just a prick“ – yep.

Tattoo-Art, kann man sich gut tättowieren. Die rot-schwarz-weiß Kombi mit roten Vinyl – oder wahlweise auch schwarzem – geht runter wie Öl!
Das rundum-Sorglos-Melmacs-Menü bekommt man hier.
Der Titel ist eine Mischung aus Melancholie und Euphorie.
Es gibt auf der Platte schon zwei, drei Nummern, die ein wenig ruhiger sind, indie-esker, dennoch nicht weniger rock’n’roll-ig.

Gute Tanzplatte, viel Spaß und Liebe wünscht ihr Rezensent aus Baden beim Hören der Band aus Dresden!

Bekommt ihr bei BC, bei Bakraufarfita oder Flight13 oder so.