interview: #4 – adoney – psych-rock – karlsruhe (r.i.p.)

Jemand taucht aus dem Nichts auf.

Nein, die Tür zum Büro des Artcanrobert geht auf, Jemand kommt rein und schweigt. Jables und ich sitzen auch wie angewurzelt auf der Couch und beobachten den Eindringling. Keiner spricht. Nach einer gefühlten Ewigkeit frage ich dann doch mal ein neugieriges, fragendes: „Ja?“ Ein Rülpser ins Mikrofon.
Klasse. Wäre das nun also auch geklärt.

Fürs Protokoll: es ist der 17.12.2016. Interviewpartner Jables, Gitarrist von ADONEY, einer Karlsruher Rockband und Felix Frantic, dem wildgewordenen Haufen Buchstaben, der aus allem einen Satz macht.

PP:
Ich würde gerne mit „hey, stellt euch mal vor“ beginnen, aber leider, leider, ist keiner da.
(Lachen) Wo sind denn alle?

Jables:
Leider, leider. Ich weiß gar nicht genau, was die anderen heute Abend machen. Ich weiß nur, daß die Probe morgen ausfällt.

PP:
Kein Jahresabschlußkonzert mehr anstehen?

Jables:
Doch. Also hatten wir schon. Letzten Freitag. Im Soundcheck One, von den Sons of Sound in Etzenrot. Kennste?

PP (lapidar):
Nö. Ich kenn keinen.

Jables (erstaunt):
Nicht?

PP (total verwundert):
Ist das in Deutschland?

Jables:
So’n Kaff im Tal bei Fischweiher, Busenbach. Fernab in einer alten Fabrik. Da machen die jedes Jahr das „soundcheck one festival“

Jemand läuft vorbei. Er hat einen Zettel auf dem Rücken kleben. Ich frage Jables, ob wir ihm das sagen sollen. Wir sind uns schnell einig, daß wir es ihm nicht sagen werden.

Jables:
Ne, lass uns mal gucken, was passiert.
(kichern)
Also die Band besteht aus Lars, unserem Sänger. Alex spielt Drums, Chris den Bass und eben ich an der Gitarre.

PP:
Ihr habt im Sommer eurer ersten Album rausgebracht „CHAGRIN“! Wie läufts?

Jables:
Kann es gar nicht so genau sagen. Fühlt sich alles sehr gut an und wir sind auch schon an der neuen Platte dran. Wir haben ziemlich viel neues Equipment gekauft, weil wir uns dazu entschlossen haben, die Nächste auch selbst zu machen. Das kommt daher, daß wir auch schon zur CHAGRIN alles selbst aufgenommen hatten und uns das Klangergebnis so überrascht hat, daß wir es nur noch zum Mastern gegeben haben. Chris hat sich da in letzter Zeit ordentlich reingefuchst.

PP:
Soll heissen: in 2017 kommt schon der Nachfolger?

Jables:
Das weiß ich nicht! (lachen) Man wie ja nie was passiert… Wäre schön! Doch ehrlich gesagt sind wir nicht die schnellsten Songwriter. Wir halten uns gerne an Kleinigkeiten auf und feilen lange, bis alles stimmt. Und wir sind gerade dabei, Gigs für nächstes Jahr zu planen, dieses Jahr läuft nichts mehr.

PP:
Ich sitze auch lieber unterm Tannenbaum und warte auf den Schnee.

Jables:
Oder man geht zum „Christmas Rock“ nach Gaggenau… wusstes Du, daß das dieses Jahr nicht stattfindet?
(verwundertes Gesicht)
Nur mit DJ! Wahnsinn!
Jedenfalls wollen wir versuchen, mehr rauszukommen, haben auch schon mal in Berlin gespielt.

PP:
Ihr seid ja auf einem quasi schon alteingesessenen Label EUCALYPDISC.
(raunen)
Ja, ich glaube, eins der ersten Releases war das EON-Demo Anfang der 2000er. Habe das immer von der Ferne beobachtet, was für Bands kommen und auch gehen und freue mich da für euch, daß ihr dort am Start seid!
(sehr lautes Schlagzeugspiel setzt ein)

Jables (laut):
Wir sind super super glücklich, dort gelandet zu sein, weil der Olli (Basser bei ELECTRO BABY r.i.p.) uns schon begleitet, seid wir zusammen Musik machen. Er hat uns für unsere erste EP auch das Cover gestaltet. Chris ist ohnehin der wahnsinns ELECTRO BABY Fan. (Interview aus Ausgabe 2) Deswegen ist das schon großartig, daß wir uns dort mit einreihen dürfen!

PP (schreit zurück):
Also bleibt ihr dem Label erstmal treu?

Jables:
Ja, auf jeden Fall.
(die Musik stoppt plötzlich, wir können wieder leiser sprechen)

PP / Jabels:
Joa, öh, hatte nen Gedanken, doch der ist nun… Öh.

PP:
Ach, beim Booking waren wir!

Jables:
Durch EUCALYPDISC sind wir in einem Vertrieb „herbie martin“ in Karlsruhe auch. Die machen zusammen ??? (unverständlich, obwohl es leise war!) Da kam der Carsten bei unserer Releaseparty im September im Substage auf mich zu, drückte mir sein Handy in die Hand und meinte „hast du schon den neuesten Post von Herbie Martin gesehen?“.
Wir waren tatsächlich schon am ersten Tag des Release auf Itunes direkt auf Platz 107 der Alternativcharts eingestiegen. Für den Releasetag mit Konzert im proppenvollen Substage mit unseren Labelmates ELECTRO BABY und dem Einstieg bei Itunes – das hat sich schon saugeil angefühlt. Klar, passieren tut da nicht so viel, ich wohne immer noch zuhause,
(Gelächter) es war einfach ein superklasse Tag!

PP:
Wie setzt sich denn eure Art zu spielen zusammen? Gibt’s ne schöne Schublade, in die man euch stecken kann? Alternative ist a doch auch ein recht weites Feld geworden mit einem ganzen Haufen Spielarten.

Jables:
Da tue ich mich, glaube ich, am allerschwersten von allen. Auf jeden Fall ist da Grunge drin. Das kriegen wir auch immer wieder bestätigt! Viele sagen, daß wir sie an PEARL JAM erinnern.

PP:
Mich hat das so an die Band erinnert, die „black hole sun“ gespielt haben. Klingt schwer nach meiner Jugend in den 90ern und einer offensichtlich gut gelungenen Verdrängung. Ich habe diesen Song leidenschaftlich gehasst!

Jables:
Ich sag es mal so: ADONEY ist alles, nur keine Konzeptband. Deswegen auch kein wirkliches festlegen auf ein Genre. In den Anfangstagen hatten wir Visitenkarten auf denen stand, daß wir Hard’n’Blues’n’Roll machen. Damals war mein Gitarrenspiel sehr vom Blues geprägt. Was dann bei mir zum Stonerrock wurde.
Als Lars dann dazukam, hat der auch noch mal musikalisches total viel in den Topf geworfen. In der Band hören wir schon sehr unterschiedliche Musik. Mit Alex höre ich die ganzen alten Rocksachen wie LED ZEPPELIN oder so. Der ist ja als Baby von seinem Vater mit DEEP PURPLE beruhigt worden!
Ich habe mit Musik recht spät erst angefangen. In der Realschule. Ich habe dann auf ner Party vom Kumpel meines Vaters, der immer wieder Jamsessions macht, Eric Clapton’s LEILA für mich entdeckt. Und so kam ich darüber dann an all die älteren Rocksachen.
Ich bin ein wenig abgeschweift. Wie setzt sich das zusammen? Ich würde sagen Grunge, Stoner, ich sag jetzt mal Blues, weil das immer noch voll in mir drin ist. Also passt Alternative Rock schon ziemlich genau!
Finde es echt schwer als Musiker seinen Nenner zu benennen, weil man so viel mehr darin sieht, als es vielleicht andere tun. Und dann fragen: „willste mich verarschen?“
(Gelächter)

PP:
Man hört euch echt an, das da Potential ist, was noch geweckt werden will, bei ADONEY. Ihr spielt gut zusammen! Ihr solltet mal raus aus der Provinz!

Jables:
Yeah, danke und auf jeden!

PP:
Wie entstehen denn eure Texte?

Jables:
Ich würde ja jetzt gerne etwas aufsagen, aber ich kann sie nicht auswendig. Voll peinlich!

PP:
Ich kann eure Texte auch nicht.
(Kichern)

Jables:
Also Texte sind voll Lars‘ Ding! Finde ich auch völlig okay so, denn er darf es singen, nicht ich! Soll nicht heißen, daß sie mich nicht interessieren! Ich will die Musik fühlen und deswegen gehe ich da natürlich eher auf das Zusammenspiel ein, als auf die Lyrics. Songs sind wie ein bisschen wie Menschen. Jeden musst du kennenlernen, ihn anders behandeln, sodaß du vielleicht was mit ihm anfangen kannst.

PP:
Warum habt ihr euch denn für englische Texte entschieden?
(die Musik wird wieder seeeehr laut)

Jables (auch laut):
Ich bin auch ein Fan von Musik mit Dialekten oder so. Es gibt jetzt keinen bestimmten Grund, weswegen wir Englisch singen! Für mich persönlich war es, als ich Englisch gesungen habe, so ein „hinter der Sprache verstecken“. Ach, schwierig, haha! Ich habe das Gefühl, ich kann mich in Deutsch nicht so gut ausdrücken, weswegen ich auf Englisch schreibe. Vielleicht geht es da Lars ähnlich.

PP:
Ich werfe mal in die Runde, daß sich Deutsch vielleicht nicht so leicht singen lässt. Man kann die Uh’s und Oh’s nicht so ziehen! Was hört ihr denn, wenn ihr unterwegs seid, für Mucke?

Jables:
Im Moment eigentlich recht viel HipHop!

PP:
Boah – Aufschrei – Verrat! Verrat!
(Lachen)

Jables:
Ich war tatsächlich nie ein HipHopper! Oder auch die alten Rocksachen. GUNS N ROSES, LED ZEPPELIN, JIMI HENDRIX oder auch gerne ruhige, melancholische Musik.

(Die Tür öffnet sich. Jemand kommt rein: )
Paddelnohnekanu!

PP:
Ich wusste du lauschst!

Jables:
Klar! Paddelnohnekanu. Der größte Witz der Popgeschichte.

 

PP:
Äh. Jetzt geht das aber ein bisschen durcheinander.
(die Musik setzt wieder ein, es war kurz Pause)
Du meinst die GUNS N ROSES!
(wir sind uns einig, lachen)
Da kam neulich ein Vater auf mich zu, im Handballtraining, erzählte mir voll stolz „ey, ich hab Karten für GUNS N ROSES. 135 Tacken“ und ich so: …… toll!
(wir lachen uns schlapp. Warum auch immer)

Jables:
Na die „appetite for destruction“ war schon geil! Da geht nix drüber!

PP:
Scheiße ja. Ich muss gestehen: ich hatte sie mir damals auch gekauft. Und ich meine damals, 1987! Mit dem fiesen Frauenrobotercover. Wir tauschten damals noch Platten untereinander. Jugendlicher Leichtsinn. Hab sie nie wieder gekriegt. Könnte wahrscheinlich meine Rente retten!

Und bevor ich das letzte Wort habe, wünsche ich mal viel Erfolg weiterhin!

Jables:
Dankeschön!

Anmerkung:
Jables spielte bis Ende letzten Jahres in der Emo-Band FINDING HARBOURS.

Und aktuell bei der Band NOMAD, die auch ein ganz wunderbares Tape raushaben! krachige-platten.

LP: drug stop – love you all the time

Ich darf gestehen, hier habe ich mir nun echt Zeit gelassen, sie ans Ende der Warteschlange gestellt. Die Platte traf einfach hier ein. Kein Brief dazu.
Rosa Cover, Einteiler bei der Band, ich bin mir nicht sicher, ob ich das hören möchte.

An einem launigen, lauschigen Nachmittag ist es also soweit. Draußen scheint die Sonne, 15°, kurze Hosen, habe mich mit einem Radler in der Hand gebräunt und lass laufen:
Drug Stop mit der Platte „love you all the time“
Sie starten mit einem Country-esken „fiftyseven years“ Song, der über das Geburtsjahr 1966 von Don Marco, dem Mastermind dieser Band.
Mit dieser 5-köpfigen Band aus München nun die erste Platte zu seinem 60ten Geburtstag.
Er erzählt sehr wortreich, dass er in all den Jahren so circa 80000 Bier getrunken hat. In der Jugend denkt man „hach ist das leben schön, ein grund sport anzufangen, diesdas“, dann kommt das Kiffen und die Musik.

Im zweiten Stück, mit Saxophon-Untermauerung und repetitivem Gesang, der eigentlich schon nach 90 Sekunden zu lang wird.
Ein bisschen „bakerman“ von Laidback? Nein, Drug Stop sind Slacker. Ganz entspannt, man könnte meinen, es ist Pop, isses aber nicht.

„the only one for me“, kombiniert ein sehr rockiges Indie-Riff mit ohoho-Chören und einer zuckersüßen Melodie.
Die Kombination ist krass unaufgeregt und cool dargeboten.

Handwerklich absolut einwandfrei.
Gibt es beim Label Rheinschallplatten.

 

 

Zum Abschluß:
meine Plattensammlung ist beträchtlich angewachsen.
Durch Zukäufe, Neuerwerb oder die vielen Reviews, die ich hier mit Freude schreiben darf.
Ich habe alle Releases mal bei Discogs eingestellt, die nicht bleiben wollen und versuche die Labels nicht zu unterbieten! Würde mich sehr freuen, wenn die ein oder andere Scheibe/MC  einen neuen Besitzer*in finden würde.

LP: hyperdog – dog days

Monate her, dass ich sie live gesehen habe und mich total darüber freute.

Ungestüm, druckvoll und mehr Post-Hardcore als Garage. Obwohl.. doch schon, ordentlich Garage!
Die Platte ist einseitig bespielt. Sollte ja eigentlich schnell gehört sein, hat nicht geklappt, nu isses ja soweit und ich kann euch mitteilen, wie gut ich auch die Platte finde!

Der erste Song ist „the race“ wohl der, den ich aufgenommen habe und bei youtube (so ganz leicht asynchron) online stellte.
Die Aufnahmen sind sehr gut im Klangbild, allerdings die Songs eitwas more laid back gespielt. Hyperdog machen so gar nix faslch, neulich war ich ja aufm OX-Fest und hab die andern Vertreter von Synth-Garage-Wasweißich gesehen und gehört, die mir so gar nicht reinlaufen wollten. „sellout“ ist mal ein recht zügiges Stück, die andern eben etwas reduzierter. Das Artwork zu „dogdays“ ist echt witzig gemacht, könnte auch ne Kaugummiwerbung sein. Liebenswert schön. chrizao hat das gemalt.
Allerdings muss ich sagen, dieser Sound wird schon ganz schön durchgereicht. Hyperdog, und es sei ihnen wahrlich gegönnt, haben sich den Arsch abgetourt und Henry Rollins hat sie in ihrer Sendung gebracht.
Das ist bei sehr vielen Meldungen das einzige, was man lesen kann.
Hey, Namedropping und die Band geht steil. Oke? Oder nicht?

Bekommt ihr beim Label Supervillain.

 

 

LP: gruppe schal – glitzerpunk

Gruppe Schal.
Die kleine Vorgeschichte geht so:
wir schreiben das Jahr 2025 und ich habe mir für meine Band paddelnohnekanu vorgenommen nach ewigen Jahren mit Tuba einen Song zu singen. Er kam kurz vor Ostern vorbei mit einer Idee zu einem Lied, was ich ihm geschickt hatte. Der Vorschlag war super.
Im Sommer bin ich nach Magdeburg gefahren, um die Bande dort zu besuchen und mit ihm den Song „niemand liebt dich mehr“ aufzunehmen.
Dabei fand ein Konzert statt. Mit der Gruppe Schal im Magdeburger Umland, einem Ort namens Dahlenwarsleben.
Tuba ist Sänger und Gitarrist der Band Ben Racken. Und spielt Schlagzeug bei Peppone. Was offensichtlich noch nicht reicht um seinen musikalischen Output unterzubringen, also auch Gitarre bei Gruppe Schal.
Eine All-Star-Band! Per, Gesang (Boitels), Tuba, Gitarre (Peppone, Ben Racken, Buckau Boys) und Denis, Bass (Peppone, Ex-Braying Boredom) gemeinsam mit dem Schlagzeuger Henrik.

Die Gruppe Schal hat ihre ganz eigene Interpretation von Post-Punk, Indie, vermischt mit NDW!
Sänger Per intoniert seine nachdenklich melancholischen Worte, als hätte er noch nie Musik gehört und hat die erste Band auf diesem Planeten. Das ist einfach nur geil! Was in seinen Worten ist, steckt auch in der Musik. Beschreibt sehr gut die Leerstelle der Einsamkeit, die man selbst vielleicht nicht fühlt aber versteht, was sie einsam macht.
Musikalisch ist das Slow-Motion NDW gemischt mit einer ordentlichen Prise Düsterpunk, verträumte Gitarrenriffs.
Tauben. Dr. Drexler Project. Vielleicht auch Fehlfarben.

Kaufen <– hier !
Alles DIY!

7inch: night punch – godisnowhere

Beim letzten Release hatte mich irgendwas gestört, ich weiß nur nicht mehr was. Und ich lese den Tapereview und denke: nö, Night Punch waren damals schon gut – also was?

Hier ihre neue 7inch mit 6 neuen Song plus In- und Outro.
Das fiese Knochencover weist den Weg ins Dunkel des Horrorfilms, den ich letztes Mal schon erwähnt, in dem sich Night Punch wohl ein warmes Stübchen eingerichtet haben.
Das Cover ziert Knochen und einen Drachenvogel, der in ein Gefäß kotzt, in dem sich die Erde befindet. Von Vinstattoo auc Barcelona gestaltet der wohl, bei näherer Betrachtung seiner Werke, ganz Hervorragend mit seinen Mittelalterlichen Bildern zum Soundtrack der Band passt.
Klappcover, keine Texte oder so. Man kann sie eh kaum verstehen, vielleicht muss man sie deswegen nicht abdrucken.
Musikalisch sind die Songs kürzer. Auf ein Maximum komprimierte Synth-Punk-Mucke. Einen gewissen Thrash-Faktor haben sie auch, denn die Gitarren sägen mehr, als das sie aus dem Garage-Punk entsprungen wären.
Da ist ne ganz ordentliche Steigerungskurve drin, Night Punch klatschen hart, erschienen bei  It’s Eleven Records.

Die Musik kann man sich nicht in die Haut ritzen, noch nicht, dafür als Vinyl erstehen oder auf einer digitalen Plattform durchhören. Empfohlen:

interview: #3 loser youth – punk, hamburg

Vorklapp:
Nach und nach werde ich – bis (in 2025 hatte ich euch nicht verraten, welches) Weihnachten – mal alle Printinterviews, auch längst verblichener Bands, hier online stellen. Ich pimp die noch ein wenig, Musik, Links, Fotos. IMMER DONNERSTAGS – zur Tea-Time.Auch die bereits veröffentlichten bekommen einen neuen Termin und werden angepasst.
Alle Ausgaben sind Out of Print und werden nicht wieder aufgelegt.
Ausgabe 13 eventuell in 2026!

 

Irgendwo im Inter-Netz schwirren Töne ohne Ende.
Und am richtigen Ende zieht man dann, wie an einer Schnur,
folgt, hört, schmeisst weg, verheddert sich, bleibt hängen,
hat irgendwann ne scheißcoole Scheibe in der Hand.
So geschehen bei LOSER YOUTH.
Ein kleine Tapeslabel namens UGA UGA TAPES hing mir am Haken
und ich bestellte mir das Magnetband von LOSER YOUTH.
Andreas hat mir ein paar digitale Fragen beantwortet:

PP:
Ich bin aufmerksam geworden auf euch mit dem Taperelease „live in der Elbdisharmonie“. Ist ja doch eine Weltreise von Hamburg nach Bühl. Da kriegt man dann immer nur die kleinen Häppchen der maroden Republik mit. Wie marode seid ihr?

LOSER YOUTH:
Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Frage richtig verstehe. Laut Google beschreibt das Wort ‚marode‘ ja den Zustand, dass man durch sein Verhalten zugelassen hat, dass etwas unbrauchbar und schlecht geworden ist.
Dass die Welt so kaputt ist, wie sie ist, liegt bestimmt mit daran, dass viele ihren Arsch nicht hochkriegen um was dagegen zu tun. Das fängt beim aktuellen Rechtsruck an und geht hin bis zur Zerstörung unserer Umwelt. Wir geben uns da allerdings schon ein bisschen Mühe, der ganzen Scheiße etwas entgegenzusetzen. Das ist aber auch immer nur im Rahmen unserer Möglichkeiten und unserer Motivation. In dem Sinne würde ich sagen, dass wir vielleicht nur moderat marode sind. Ist das in etwa, was du hören wolltest? „wink“-Emoticon

PP:
Ich denke da so wie Du. Es ist halt manchmal nicht klar, ob „die anderen“ einen dazu treiben, alles kaputt zu machen, oder ob man es ganz von allein tut, nur weil man halt so ein „Mensch“ ist. Esgeht dann halt doch weiter(:)
Das Cover eurer Platte zeigt euch auf dem Spielplatz. Was macht ihr da? Die eigentlich spannende Frage ist ja, wo guckt ihr hin?

LOSER YOUTH:
Ah, das Coverfoto. Das ist in Hamburg-Eidelstedt aufgenommen, wo wir aufgewachsen sind. Ganz ulkige Geschichte. Wir haben uns da einfach so spontan getroffen und ein paar Löcher in die Luft gestarrt und – ZACK – hatten wir ein Cover. Da ist nichts gestellt dran!!

PP:
„AstroPunksFuckOff“?

LOSER YOUTH:
Es geht in dem Song darum, dass Astrologie scheiße ist. Genauso wie Verschwörungstheorien, Religion oder diese neurechten Montagsmahnwachen. Versteh ich gar nicht, warum Leute bei soviel
Mist mitmachen.

PP:
Wie geht’s weiter bei euch? Mal ne Reise machen? Musik für ne neue Scheibe?

LOSER YOUTH:
Wir nehmen gerade ne neue Platte auf, die kommt irgendwann dieses Jahr bei Riot Bike Records raus – geiles DIY Label aus Norderstedt! Ansonsten spielen wir mal hier, mal da, wie man das halt tut als Punkband. Im Juni sind wir wahrscheinlich in der KTS in Freiburg, das ist ja quasi um die Ecke von Bühl, oder?

PP:
Jo isses! Wir werden weiterhin darüber berichten!
Danke fürs schreiben!

Nachklapp:
das ist dann wohl diese Platte geworden:

Die Band gibt es aktuell immer wieder. Thommy macht nur ganz doll viele andere Projekte und Bands, hier gibt es so einige im Review auch. Aktuell würd ich sagen Briefbombe und apéro. Beide Bands im Review hier und hier.
Was die andern in der Band so treiben, das weiß ich nicht.
In jedem Fall ist auch noch ein 15 Jahre Jubiläumszine raus, mit Interviews … warte mal… wieso ist denn dieses da nicht drin?
Hatte wohl keiner mehr!

7inch: twenty one children – s/t

Durch einen Timeline-Zufall auf twenty one children aufmerksam geworden.
In 2024 war in drei Wochen in Südafrika zwischen Johannesburg und Indischem Ozean unterwegs. Soweto haben wir dann auch einen touristischen Besuch abgestattet. Halt als weißer Touri auf Reisen zu zweit. Nach Soweto kommt man deshalb auch nur in einer kleinen Gruppe, die mit einem Kleinbus in das South Western Township reist mit Guides.
Wie ich lernen durfte, gibt es auch in Soweto eine Drei-Klassen-Gesellschaft. Die ganz Armen sind meist Mozambiquaner, die als Flüchtlinge im Außenbezirk in Wellblechhütten landen.
Die Mittelschicht hat ein (mehr oder weniger) befestigtes Haus oder Hütte mit (möglicherweise) Strom. Und die Upperclass hat ein Haus mit einem Zaun und Stacheldraht drumherum. Was aber nicht heißt, dass dort irgendwer nicht von der Hand in den Mund lebt oder die Gewalt und der Drogenkonsum nicht eklatante Folgen hätte!

Meine Timeline spülte eine Band an, deren Drummer das Set gegen eine Wand gestellt hat, damit es nicht wegrutscht. In seinem Rücken ein Gitarrist, der ordentlich schreddert und ein Sänger, meist in der Nähe der Handykamera/Mikrofon zu finden, ohne Mikro in der Hand.
Was allein schon mal ne Ansage ist. Was wir uns in unserer europäischen Bubble ja nicht mal vorstellen können, dass man so Musik macht.
Twenty One Children.
Und ein englisches Label namens Slovenly Recordings ist auf sie aufmerksam geworden und hat eine erste 7inch rausgebracht. Die selbstbetitelte 4-Track Single startet wie folgt:

Erster Song „ice cube“:
Ein wenig wie ein Kurzfilm. Ein wenig wirkt es, als ob ich die Lyrics dadurch endlich in einen ziemlich gutgelaunten Zusammenhang bringen kann.
Mal abgesehen davon, dass twenty one children mit ihrer minimalistischen Instrumentierung ganz schön davonbrettern.

Zackiger Song!
„talk shows“ und „let it doom“ sind sehr kurze Stücke, die in gewisser Weise einen anderen Stil haben, als die beiden Hits des Siebenzöllers.
Jeder Song hat ein bisschen eine andere Tonalität. Was ich mir eigentlich von jeder PUNKband wünschen würde, aber die wenigsten hier bekommen das überhaupt auf die Ketten. Dazu die jugendliche Ungestümtheit – saugut!

Vierter und letzter Song:
looney bin beginnt mit einer Therapiestudie in der Irrenanstalt „looney bin“ und zeigt im Folgenden, wie man sich aus Ingwer und diveren anderen Zutaten was Gutes zaubert.

Klar sind das, auch für uns privilegierten Europäer keine neuen Themen mehr. Doch der Kontext der „echten“ Subkultur fehlt den allermeisten hier.
Ich spüre die Frustration und Wut des Trios.
Ein wenig diametral zu dem, was da kommen wird. Album ist raus und sie betouren England, Frankreich, Deutschland,…. Dazu Interviews in großen Magazinen, unter anderem dem „The Guardian“ über die Skateszene sein den Mitt-Zehnern.
Die Band hat nicht diese extreme Angepisstheit vieler europäischer Bands sondern diesen afrikanischen Charme des Bunten und Fröhlichem. Derart Musik wird ja quasi nicht gespielt. Deswegen spielen sie fast nur auf der Strasse und ziehen halt auch Menschen an, die dort erstaunt dem Non-Konformistischen staundend beiwohnen.

twenty one children. LP Review folgt.
Platte kriegt ihr aus Berlin via BC-Bestellung!

 

LP: usura – desafecto

Im Sommer letzten Jahres war ich ein paar Tage auf Mallorca, im Nordosten der Insel.
Klar, wir sind auch mal nach Palma gefahren um uns ein wenig die Stadt anzuschauen. Dazu gehörte auch ein Besuch bei Mais Vinilo, einem kleine, wohlsortierten Plattenladen.
Ich fragte den Inhaber, was er denn an mallorcinischem Punk da hätte und er empfahl mir unter anderem Usura. (auch die Suicidas – anderer Review!)

Klar war ich ein wenig überrascht, die Geballte Ladung Crust um die Ohren gefegt zu bekommen. Muss ich mitnehmen, dachte ich!
Usura heißt übersetzt „(Zins-)Wucher“. Die Scheibe trät den Titel „desafecto“ (Entfremdung). Textblatt ist dabei, auf dem alle spanischen Texte auch ins Englische übersetzt sind.

10 eigene Songs und ein Coversong.
Klar, ich hätte die Platte wohl auch hier in Deutschland (bspw. Kink Records oder auch MyRuin) bekommen, spannender ist es aber, das Fach mit dem Titel „in den Ferien gekauft“ zu füllen!

Wie auch immer. Textlich geht es bspw in „arqutectura carcelaria“ (Gefängnisarchitektur) darum, dass in Städten zu leben bedeutet Klassenzugehörig beinhaltet, Privilegien und eben diese Stadt dadurch unser Gefängnishof ist.
Usura hinterfragen auch, warum überhaupt so dumm sind sich weiter zu reproduzieren.
Die Band gibt es schon knapp 15 Jahre. Sie spielen wirklich richtig gut zusammen und ballern ordentlich nach vorne, ohne sich permanent zu wiederholen. Das hat ein hohes Energielevel ohne Schnörkel.
Man hat gleich von Anfang an das Gefühl, man hebt mit dem sägenden Sound der Gitarre ab!

Wie bei Crust-Veröffentlichungen üblich, hier eine handvoll Labels:
Abnegat, Romantic Song Recordings, Aback Distribution, Corrosión Cerebral Records, 1984 Records und Up The Punx.
Schon 2023 erschienen, heute nicht weniger gut. Und eben bei letztem Label Up The Punx habe ich gesehen, dass Usura eine neue Split LP raushaben mit Sota Terra.

bericht zu schuetter vs die angst – eine persönliche Einschätzung.

Keine Ahnung, wie man sowas hier anfängt. Ganz wichtig ist mir, als jemand der aktiver Teil einer Szene ist, die keine „eine“ große Szene ist, sondern sich aus Mikrokosmen zusammensetzt, dass eine Debatte sachlich geführt wird.
Ich bin ein gerechter Mensch, versuche denen, die ich kenne und Streit oder einen Disput haben, ihre Seiten aufzuzeigen und nach Möglichkeit die Sache runterzukochen.
Hier also mal ein öffentlicher Versuch.

Zur Einordnung:
ich mache nicht nur diesen Blog. Ich stecke auch hinter Krachige Platten, ein kleines Label, wie die meisten, unter Freunden, Bekannten, man hilft sich weiter, wer weiß schon von diesem Label 😉
Auch spiele ich in einer Post-Deutschpunk-Band namens paddelnohnekanu Gitarre. Schreibe die Texte und kümmere mich um all den Bandkram.
Die Meisten hier kennen mich wegen der Postille und / oder meiner Band.
Auch noch Videos für befreundete Bands, alsda wären inzwischen NO°RD, Ben Racken, wehatethesmiths, WuZetian, Klotzs, Stiller, Kuballa, InDecision. (YT Playlist Lautstarke Filme – falls jemand zu Videos abbiegen möchte)
Ich denke ich kann behaupten, das ich als reflektierter, ruhiger Mensch wahrgenommen werde, dessen Worte weder falsche Informationen noch Phrasen enthalten.

Nun: ich habe ein Tape reviewed der Band schuetter. Dieses habe ich über BlackCatTapes bekommen, wenn mich nicht alles täuscht. Ich bestelle ab und zu ein paar Tapes und bekomme dann noch ein oder zwei zu Review-Zwecken dazu.

Die Band Die Angst kenne ich persönlich seit ungefähr 2014. Einige Male habe ich sie live gesehen, auch bei uns im Artcanrobert, einige Male habe ich mit ihnen die Bühne geteilt.

Nachdem ich darauf hingewiesen wurde, dass es einen Song namens „Steine in den Weg“ auf dem Tape von schuetter gibt, welcher sich sehr klar gegen die Band Die Angst richtet, muss ich als Labelmensch, der eine Single mit ihnen produziert hat, reagieren.
Und ich bedauere, dass ich den Text nicht genau genug gehört und gelesen habe.
Es sei euch, der Band schuetter, freigestellt, klare Kante bspw. gegen den Rechtsruck in der Gesellschaft zu richten usw. Das tue auch ich. Und das tut auch Die Angst!
Auch ich heiße nicht gut, was sie, bzw. ein Einzelner in der Band in der Vergangenheit getan hat/haben. Doch ist es nicht so, dass das schon sehr lange her ist und Menschen sich ändern können?
Dass Menschen sich in ihrer Szene engagieren an Ecken und Kanten, die noch nicht glattgeschliffen sind, sondern noch poltern und mit (vielleicht manchmal) sehr einfachen Worten die Gesellschaft kritisieren, auch innerhalb der Szene?
Das, was mir persönlich, all die Jahre, in denen ich nun aktiv Teil dieser Punk-Szene bin, am meisten gegeben hat ist es, zu hinterfragen.
Und den Text dieses Songs ist Ergebnis des Nicht-Hinterfragens!
Wir müssen achtsam sein, müssen unseren Blick schärfen für Bands, die zweifelhafte Inhalte transportieren. Das tun Die Angst nicht.
Und es gibt tatsächlich unglaublich viele Bands oder Bandmember, die (vor allem in amerikanischen Bands) nach Jahrzehnten mit krudem Verschwörungsmist um die Ecke kommen und ihre eigene Geschichte zerstören. Auch das ist hier nicht der Fall.
Es gibt keine Interviews, keine Berichte in denen irgendetwas bestätigt (ja, auch nicht dementiert) wurde. Bspw., dass Die Angst die Linke Szene indoktrinieren würde. Oder Publikum ziehen, welches der Grauzone zuzuornden wäre.
Das ist sehr schwammig und ungenau. Dieses Bild sollte die Band vielleicht nachschärfen. Und innerhalb dieser, für mich, wunderbaren Szene, sollten wir darauf achten, nicht Behauptungen endlos zu wiederholen. Sonst werden sie zu Wahrheiten, die keine sind. Aktuell sehr gut in der rechten bis rechtsradikalen Politik zu begutachten.

Gab es zwischen den Bands Gesprächsversuche?
Ich bekomme mit, dass es immer wieder (auch erfolgreiche) Versuche gibt, die Band Die Angst um Gigs in linken Räumen zu bringen. Das nach weit merh als 10 Jahren Bandgeschichte.
Sprecht miteinander. Und wenn ihr nichts zu sprechen habt, dann tut es nicht. Aber lasst euch doch leben.

LP: rosa extra – extrakte 1980 – 1984

Durch das tolle Video von Rosa Extra bin ich nochmal aufmerksam geworden und habe mir die Platte beim Majorlabel gezogen.

Rosa Extra sind eine Punkband aus der ehemaligen DDR und es handelt sich um gesammelte Werke aus der Zeit 1980-1984.
Ich erfreue mich schon daran, dass wir in dieser tollen neuen Welt leben, in der die Restaurierung der Kassettenaufnahmen heute so gut gelingt, dass man das Gefühl bekommt für die Umstände, in den das entstanden ist, aber eben eine Platte hört und nicht das leiernde, lausige Tape.
Ein 12 seitiges  Booklet ist dabei. In einem Interview werden nicht nur die Gründungsmitglieder Bernd Jestram, Bernd Papenfuß und Günther Spalda vorgestellt, sondern auch einige andere in einem Interview ein paar Anekdoten, bzw. Hintergründe zum entstehen der Aufnahmen erzählen.
1979 gab die Band unter dem Namen „der schwarze Kanal“ ein einzige Konzert und benannte sich dann um. SIe waren sich sicher, dass man mit derart Bandnamen in der DDR nicht mal in einem Mauseloch auftreten würde.
Und Rosa Extra war es sehr wichtig, dass sie nicht als Systemfeinde wahrgenommen wurden.
So schrieben sie ihre Texte nicht zwingend gegen den Staat, das System, und waren dennoch sehr deutlich. Es sollte nicht zu punkig werden und die Texte auf einem lyrischeren Niveau. Eben mehr im Post-Punk, auch durch die Instrumentierung mit Casio-Keyboard oder Alt-Saxophon.
Viele Aufnahmen sind bei Proberaumsessions und Livekonzerten in verschiedenen Locations gemacht wurden.

Zu den Texten sei noch gesagt, dass im Booklet der Aufbau so ist, dass die anwesenden, spielenden Musiker*innen erwähnt werden und wo es aufgenommen wurde.
Dazu dann die Lyrics und die gesungenen Lyrics. Das gibt es teilweise größere Unterschiede. Ein paar Fotos aus und von den Ereignissen. Man kann sich echt ein sehr gutes Rundumbild aus der Zeit um 1980 machen!
Manchmal blickt man als Wessi die Worte nicht und dafür haben sie sie dann nochmal erklärt. Wie bspw gleich im ersten Song „sofadecken und platzpatronen“ ist der Begriff „Komplex-Brigade = Terminus für eine Gruppe von Arbeitern aus verschiedenen Berufssparten“.
Find ich super.

Find die Platte musikalisch auch wirklich ansprechend!
Rosa Extra erinnern mich an West-Bands, die so in dieser Zeit unterwegs waren wie Fehlfarben oder Tod durch Müsli. Post-Punk, der sich klar nach Deutschland anhört!

Gibts bei Majorlabel als Vinyl. Als Tape (gab es das?) bei Edition Iron Curtain Radio.