interview: #3 – außer ich – punkrock, siegen (r.i.p.)

Vorklapp:
Nach und nach werde ich – bis (in 2025 hatte ich euch nicht verraten, welches) Weihnachten – mal alle Printinterviews, auch längst verblichener Bands, hier online stellen. Ich pimp die noch ein wenig, Musik, Links, Fotos. IMMER DONNERSTAGS – zur Tea-Time.Auch die bereits veröffentlichten bekommen einen neuen Termin und werden angepasst.
Alle Ausgaben sind Out of Print und werden nicht wieder aufgelegt.
Ausgabe 13 eventuell in 2026!

Ein Tip von Twinky kam reingeflattert und ich stürzte mich sogleich darauf. Das Punkrockende Trio (Matze, Dennis und Thomas kommt aus Siegen. Die LP / CD „Punkmonium“ ist nicht ihre erste Scheibe, aber die Erste, die eben bei mir reingeflättert kam.
Da der Etat für Reisen bei der Postille extrem zusammengekürzt wurde, schickten wir uns das Frage-Antwort-Spiel einfach hin und her.

PP:
Hallo ihr! Heisst das nicht „außer sich“? Oder „außer mir“?

Thomas:
Evtl. waren wir ja zu denk- und recherchefaul um den korrekten Terminus zu benutzen, aber vielleicht war uns dieser Umstand bisher auch noch gar nicht bewusst, weil wir vorgeben aus bildungsfernen Schichten (um die Streetcredibility zu erhöhen…) kommen.
Matze:
Wir setzen dass, bewusst falsch ein, um zu irritieren.
Dennis:
Für mich war das immer eine deutsche, schwächere und grauere Form von AGAINST ME. Da in Deutschland eh alles etwas grauer ist, sogar der Punk. Man kann sich aber auch einen Doppelpunkt zwischen „außer“ und „ich“ vorstellen. Es ist aber definitiv nicht: „außer sich“ oder „außer mir“

PP:
Ich habe eure Scheibe „punkmonium“ gleich mehrfach durchgehört. Gefällt mir nämlich. Viel Distortion auf der Klampfe, ist ja nicht mehr so gefragt in letzter Zeit. Es geht ja mit „eins, zwei“ recht frustriert los über unsere digitale Gesellschaft.
Wieso stört euch das? Glaubt ihr nicht, daß die Digitale eine unabdingbare Entwicklung ist?

Thomas:
Genau genommen geht es in dem Text darum, dass sich die Menschen so verhalten, wie es von ihnen erwartet wird, dadurch entsteht quasi eine äußerliche und charakterliche Deckungsgleichheit. Objektiv betrachtet ist das Einheitsbrei, subjektiv gesehen, behauptet man, daran nicht beteiligt zu sein, richtig ist aber, dass man mittendrin steckt. Und nur weil
man etwas kritisiert, heißt das ja nicht, dass man sich von der Kritik ausnimmt.
Matze:
Die digitalen Medien sorgen dafür, dass wir daran teilhaben, wie besonders
sich einige fühlen, obwohl diese Besonderheiten kaum noch sichtbar werden. Für das Punkkonzert entscheidest du dich letztendlich doch für die Vans. Selbst wenn man sich bemüht, anders zu sein, landet man in einer Schublade auf der dann vielleicht steht „Leute, die zwanghaft versuchen, anders zu sein“.
Jeder bastelt am Paninialbum seines Lebens auf Facebook. Jetzt haben wir
es schon wieder getan.

PP:
Ist nicht auch heute Punkrock zu machen etwas irre Konservatives geworden?
Die ewige Kritik von schlauen Bands, die kaum jemand hört, und all den PopPunkBands, die die eingängigen Hits raushauen und die Konzerte abgreifen.

Thomas:
Über Punkmonium wurde einmal nicht zu Unrecht sinngemäß geschrieben, dass das Album zu seicht für die einen und zu rau für die anderen sei. Es gäbe somit kaum einen Markt für solche Musik. Textlich sieht das ähnlich aus. In unseren beiden Alben haben wir ernste und auch nicht ernst gemeinte Texte. Oft fällt mir bei Punkbands auf, dass sie entweder das eine oder das andere bedienen. Vor allem dann, wenn sie vergleichsweise erfolgreich sind.
Wir haben das nie so richtig verstanden, weil meiner Meinung nach die Texte aus dem Bauch heraus entstehen und nicht schablonenartig wirken sollten.
Es werden ja eigentlich Gefühle in Texten abgebildet und in der heutigen Gesellschaft ist kaum jemand ausschließlich wütend, traurig, verletzt, lustig oder sonst was.
Wir haben eher das Gefühl, dass der Schlüssel zum Erfolg aktuell heißt, intelligent zu wirken. Kryptische Texte: Personalpronomen streichen, ein zwei Wortspiele, rethorische Fragen mit Pathos raushauen als hätten sie Bedeutung.
Das ist wirklich keine Kunst, aber erfolgreich. Konkrete Texte zu schreiben ist unserer Meinung viel schwieriger. Vor ein paar Jahren hatten alle auch noch mehr Humor, da gabs keine LP ohne nicht mindestens einen witzigen Sample aus einem Film oder einer Serie.
Um auf deine Frage zurück zu kommen: Konservativ finden wir das nicht unbedingt, aber irgendwie absurd.
Konservativ finden wir die Tatsache, dass zu viele Leute bei Konzerten absichtlich Vorbands verpassen, ohne sie vorher mal gehört zu haben. Wir arbeiten aktuell daran, die beste Vorband aller Zeiten zu werden, aber das ist leider auch ziemlich konservativ.

PP:
Was du ansprichst mit der „marktkompabilität“ kenne ich sehr gut von meiner eigenen Band. Da gab es die Zeit, wo das mit den Photoshopcover immer populärer wurde.
Früher konnte man die Musikrichtung noch am Cover erkennen. Wir haben dann nen Punk, der ne Mülltonne schmeisst aufs Cover gemalt. Da wurde dann sofortgeschrieben: Boa hey, das Cover sieht aus, als wären da die HannenAlks oder BecksPistols drin.
Wir Szenegreise (alle Ü30) machen viel Meinung. Auf der anderen Seite guck
en wir uns heute noch Bands an, die vor 25, 30 Jahren schon tourten.
Zurück zum Interview:
Manche eurer Lyrics haben eine gute Kraft, obwohl sie sich in melancholischer, sehnsüchtiger Verzweiflung suhlen. „setz dich mit dem Ipad an den Strand und schau dir dabei Fotos an; vom Meer“
Wer schreibt die Texte? Woher nehmt ihr die Inspiration dafür?

Thomas:
In dem Refrain von „Fotos“, den du ausgewählt hast, wird eine ziemlich absurde Situation beschrieben. Solche Situationen sind häufig Inspiration für die Texte. Letztendlich ändert sich aber sowas mit der Zeit und die Texte hängen stark von dem jeweiligen Geschmack zu dem Zeitpunkt ab.
Bei den ersten beiden Alben wurden oft selbst erlebte Situationen aufgegriffen und meistens überspitzt weitergesponnen oder Stereotypen thematisiert.
Bei den neuen Sachen geht es vielmehr um Menschen in emotionalen Extremsituationen, die stellvertretend für gesellschaftliche oder persönliche Zustände stehen können. Wir finden die Entwicklung unserer Texte, besonders im Wissen derer des kommenden Albums gut.

PP:
Wie geht’s weiter bei euch? Ein weiteres Album in Planung?

Matze:
Tatsächlich haben wir vor kurzem ein neues Album aufgenommen. Vorher gibt es aber noch eine Split 7inch mit Senor Karoshi. Wenn das alles draußen ist, hoffen wir, vor allem mal mehr Konzerte spielen zu können.
Wie das geht, konnten wir aber bisher noch nicht herausfinden. Das kann natürlich daran liegen, dass wir die digitale Entwicklung eher als stille Beobachter an uns vorbeiziehen sehen.

PP:
Tausend Dank für das Interview. Wir hören uns!

Nachklapp:

Außer Ich Discographie:
2011     von vornherein schade CD
2014    punkmonium LP (review)
2016    split 7inch /w Senor Karoshi (review)
2017    split LP /w Guilo Galaxis, Duesenjaeger, Disco // Oslo (review)

dieses famose Video haben sie zur LP rausgebracht!

Auf ihrem Kanal gibt es die erste CD komplett zu hören und einen Vorgeschmack auf ein Album, welches in 2016 dann nicht mehr kam.

 

LP: ferien auf der ratiofarm – monument der hingabe

Die Band mit dem momentan längsten Bandnamen Ferien auf der Ratiofarm kommt mit ihrem ersten Album bei Lighthouse Records & Sterbt alle Records in meine Anlage.
Mit dem Bandnamen kann ich mal so gar nichts assoziieren und auch das Cover gibt nun nicht wirklich Aufschluss darüber, was denn da für Musik drinstecken könnte. Midwestern Emo? Loungemusik?
Das Cover sieht aus, als wäre es ein Sonnenaufgang, wenn man ein drittes Mal hinschaut, fällt einem auf, dass das eine schnöde Lampe an einer Wand mit weißen Tapete ist. Witzig!

Es geht los mit Indie und bleibt dann auch dabei.
Da ich gänzlich unbeleckt bin bei der Band Ferien auf der Ratiofarm, kann es also einfach mal losgehen.
Texte sehr zwischenmenschlich, eher poetisch als direkt. Also Kettcar als Vorbilder.
Vegan oder vegetarisch ist nicht die Frage, sondern erstmal büschn chillen. Meist alles mit einem ordentlich Augenzwinkern serviert.
Der Schlagzeuger, finde ich, da ich ein wenig Affinität zum Getrommel habe, ziemlich gut. Das Songwriting funktioniert im Kosmos Indie / Poppunk sehr gut, ist allerdings bei mir eine Platte, die maximal im Hintergrund laufen wird, dafür reißt mich der Sound nicht wirklich mit.
Gute Straightness, Hooks zum Mitsingen, glücklicherweise kein Grunge.
Gut eingespielt, guter Sound!

Anspieltipp:

Die Songs sind wohl alle schon 2022 eingespielt und 2023 gemastert worden. Es hat wohl ein bisschen gedauert, bis diese gute Platte auf Vinyl erscheinen konnte.

Im Abgang bin ich dann mit den ganzen Namen und der Suchmaschine an ein Ende im Internet gekommen. „ratiopharm“…. Lighthouse Records hat keine Seite und bei Sterbt Alle gibt’s die Platte nicht im Shop.
Gut. Dann nicht.

 

 

Zum Abschluß:
meine Plattensammlung ist beträchtlich angewachsen.
Durch Zukäufe, Neuerwerb oder die vielen Reviews, die ich hier mit Freude schreiben darf.
Ich habe alle Releases mal bei Discogs eingestellt, die nicht bleiben wollen und versuche die Labels nicht zu unterbieten! Würde mich sehr freuen, wenn die ein oder andere Scheibe/MC  einen neuen Besitzer*in finden würde.

MC: pascow – discografie box „7“

Ein Review, von dem ich gedacht hätte, dass er schneller von der Hand geht und fixer hier reingeballert ist.
Nun, Pascow haben etwas wirklich supergeniales gemacht, für mich als alten Tapenerd:
Es gibt alle Releases in einer toll aufgemachten MC-Box.

Jedenfalls ist es eine prima Gelegenheit, mir mal nach und nach die Tapes ins Auto zu legen und unterwegs zu hören.
Ich bin erst wirklich eingestiegen bei der „nächster halt gefließter boden“, weil ich sie damals im Artcanrobert mit Antitainment sah und von beiden Bands echt hart geflasht war.
Anfangs hatten mich Pascow mit ihrer Art Deutschpunk so gar nicht angeholt. Aber wenn man dann einmal auf die MS Pascow zugestiegen ist, dann geht man nur ab und zu mal für eine Exkursion von Bord.

Erschienen in Coop von Kidnap Music (Pascow-Label) und Raccoone Records. Das Ding ist natürlich schon längst ausverkauft und bei Discogs für einen halbwegs schlimmen Preis zu erstehen.
Das Artwork ist bemerkenswert eingängig gemacht, ein Hingucker, Peter Pan, wenn man die Taperücken in der Box betrachtet; natürlich alle Cover im Original  vorne drauf.
Naja, vielleicht hauen sie uns die einzelnen Tapes auch noch einzeln um die Ohren. Wenn mich nicht alles täuscht wurden 100 Stück gemacht. Was ja auch schon, bei 7 einzelnen Tapes, ein irrsinniger Aufwand ist (700 Tapes all in all!)
Einzig schade ist, dass ausgerechnet das Demo, was nur auf Kassette erschienen ist, nicht zu den „7“ zählt. Klar, würde nicht zur Zählweise passen.

Die Tapetäter-Szene ist total unterstützenswert, mehr Underground geht nicht. Diese ganze Planung, um das dann am Ende für einen halbwegs erschwinglichen Preis rauszuhauen – mit Tapes macht man wirklich so gar keinen Gewinn.

MC: zukunft zwei – geister

Von der Band Zukunft Zwei habe ich mir via ihrer Bandcampseite ihr erstes Tape bestellt. Die Band kommt aus Pa-Pa-Paderborn und sie machen Punkrock im Stile von Lygo oder Herr Paulsen und das Zeitproblem vielleicht.
Sehnsucht und Melancholie wehen so durch dieses Demo, mir wird ganz kalt ums Herz, herrlich.
Emopunk, der ganz hervorragend aufgenommen, bzw. gemischt ist. Die vier Songs sind all in all echt rund. Haben ihre Ecken und ihren Pop.
Gut gesetzte Breaks, zwischen Hüpfen und straight-forward, ein paar Synthie-Teppiche, um den Sound noch voller zu kriegen. Gutes SOngwriting. Also bis hierhin schon mal alles richtig gemacht. Weiter!

Musikalisch echt abwechslungsreich, für einen Zwischendurch-Durchlauf, da die vier Songs echt kurzweilig sind, absolut gut geeignet!

DIY.

fanzine: proud to be punk #41

Die Nummer 41 ist, ja man kann sagen „wie immer“, ein umfassender Blick in die Szene von gestern bis heute geworfen worden.
Irre toll, wie akribisch und genau so ein Punkfanzine doch sein kann. Dadurch auch so wenig chaotisch. Lesbar, sozusagen, oder übersichtlich.

Dunkle Tage, eine Hardcorepunkband aus den 80ern, Bomb All, Parcours (ein Bildungsverein), den Angelic Upstarts, König Kurt Buchladen und „wir Punks vom Hinterland“ mit Broesel vom RubberXhead-Fanzine.
Das Menü wird getoppt von „ein tag ohne bier ist wie ein tag ohne wein -teil 7“.
Und beim Lesen dieser Anekdoten mir auffält, dass es im Bereich des Möglichen liegt, dass ich auch mal so drauf war; vor allem, wenn es um den Gebrauch von abgeschnittenen Colaflaschen ging.
Daraus folgend dann einige ihr Abi verpasst oder gerade so auf die Reihe gekriegt haben. Ersteres trifft dann auch mich zu.

Vor einigen Tagen hatte ich ein Telefonat mit eine Redaktionskollegen, der in Chemniz gelebt hat. Während ich das Interview mit dem Bildungsreisen veranstaltenden Verein Parcours las, dass er mir darüber erzählt hatte, dass aus einer Schulklasse schon Ende der 90er, nur drei Kids mitgehen durften bei einem Gedenkstättenbesuch, da die andern schon komplett rechtsradikal waren und man das nicht hätte verantworten können.
Angehängt ist ein Offener Brief an den Bürgermeister Chemitz‘, in dem auf Artikel 1 und 3 des Grundgesetzes aufmerksam gemacht wird, weil die Bullen dort die Linken einpacken und an Orte fahren, von denen sie nur scher wieder zurück in die Stadt kommen. (Irgendwie habe ich diese Praxis schon in Zusammenhang mit der DDR in Erinnerung…)
Oder gleich dorthin, wo „Betreten verboten“ dran steht, damit sie den Personen dann doch noch etwas anhängen können.
Ich fühle mich so hart an den Anfang der 90er Jahre erinnert.
Es hat sich, eine Zeitlang, etwas verbessert, beruhigt, oder ist aus dem Fokus gekommen; geändert hat sich nichts.

Ich könnte noch ein paar Sätze allein zu diesem Thema loswerden. Sehr anregende Lektüre!
Das Proud to be Punk ist da auch niemals verlegen um Worte, da wird hoch gestapelt – in der Anzahl.
Die Themenauswahl ist wieder super gewesen, kein Artikel hat „nur“ 4 Seiten. Meist sind es 8 bis 10.
Die Reviewseiten sind eingeteilt in „Sachsen Szenereport“ und auch dann der Rest der Republik im „Lauschangriff“, bzw. ab und an auch über den Tellerrand.
Sehr cool, auch darin finde ich mich bei so einigen Sachen wieder.

Kriegt ihr per Mail.

MC: schuetter – demo

Schuetter haben ein Demo raus auf dem, außer eine Legobauanleitung, auch 9 Songs enthalten sind. Schuetter haben ihren Namen nicht weil oder wegen dieser Bauanleitung, hat auch, glücklicherweise, nichts mit Menschen mit schütterem Haar zu tun; nach diesem flachen Wortspiel nun zurück zum Tape.
Erschütternd? Ausschütten?
Ich lass es.
Die Band soll das aufklären, sobald sich da mal eine Gelegenheit ergeben sollte.
Schuetter machen eher emotionalen Deutschpunk. Herr Paulsen und das Zeitproblem waren eine der wenigen Vertreter*innen dieses kleinen Subgenres Emo-Punk. Allerdings, das muss ich gleich loswerden, fällt mir der stumpfe Drumbeat, der sich sehr repetitiv durch alle Songs zieht, nach drei Songs aus den Ohren.
Duesenjaeger machen das so ähnlich und auch bei Schuetter gibt es Parts und vor allem den Gesang, die den Beat ab und an vergessen machen. Es klingt ab und an Peppone oder Panikraum an, das ist sehr schön!
„förderpunks fuck off“ hat mein vollstes Verständnis und Sympathie!
Wenn du in einer Punkband spielst, kannst du nicht beim Staat Geld fordern für deine Punkmusik.

Anspieltipp ist „kleinscheiß reitet rein“ – die Basslinie am Anfang ist total Bombe, der Refrain ist ein emotionales Kleinod!

Die Songs sind nicht nach dem Baukastenprinzip, mich lässt dieses Cover nicht los.
Es ist wirklich simpel und cool gemacht.
Tape erschienen bei Black Cat Tapes und Raccoone Records.

 

 

tourbericht: #3 être? (r.i.p.) – eastern europe august 2015

DIY or die – Etre im Osten Europas
Im Sommer 2015 hatten wir die Möglichkeit, unsere erste und bisher einzige Tour zu
spielen. Sie führte uns auf circa 6500 Kilometern 10 Tage durch den Osten Europas.
Im Nachhinein hat sich die Reise in unseren Hirnen zu einem ziemlichen Film
verdichtet. Trotzdem wollen wir versuchen, zu berichten.
Wir sind eine kleine Screamo-Band aus Hessen, die vielleicht in der mittelhessischen
Provinz zu etwas Bekanntheit gekommen ist, mehr aber auch nicht. Als uns Artem
von Cookiesounds DIY Gigs aus Odessa im Mai letzten Jahres anschrieb und fragte,
ob wir auf seinem Festival spielen wollten, freuten wir uns sehr über die Anfrage,
Odessa schien uns aber viel zu fern und zu gefährlich, denn irgendwie war da doch
Krieg. Wir teilten Artem unsere Zweifel mit, wobei wir die logistischen vorschoben.
Diese schien er nicht zu akzeptieren und in wenigen Tagen hatte er uns eine Liste
mit Städten, Venues und VeranstalterInnen, die auf unserer Route liegen könnten,
zusammengestellt. Wir ließen uns darauf ein und begannen, Menschen
anzuschreiben und weitere Möglichkeiten zu suchen. Plötzlich wurde die Idee so
konkret, dass die anfänglichen Zweifel in Euphorie umschlugen und tatsächlich
bekamen wir viel positives Feedback und die Tour stand.
Wir fragten Djaensen von unseren Freunden von Giessen Uebergrund, ob er uns mit
seinem Soloprojekt begleiten wolle und er sagte sofort zu. Auch unser Kamerakind
Simon ließ sich schnell überzeugen.
Fast am schwierigsten gestaltete sich das Mieten einer bezahlbaren Karre. Die
meisten Vermieter sträubten sich, wenn wir ihnen sagten, wohin die Reise gehen
solle. Schließlich fanden wir einen Bus in Berlin, den wir mieten konnten.
Am 17. August trafen wir uns am frühen Morgen in unserem Proberaum in der
Pampa nahe Fulda und beluden unseren Bus. Gegen Mittag wollten wir Richtung
Tschechien aufbrechen, unsere verpennte Euphorie wurde aber jäh gebremst: Der
Bus verlor irgendeine dubiose Flüssigkeit. Noch vor dem Start mussten wir in eine
nahegelegene Werkstatt abgeschleppt werden. Dort konnte das Problem in einigen
Stunden behoben werden, ob wir es bis zum Abend noch rechtzeitig nach Kutná
Hora schaffen sollten, blieb fraglich. Schließlich schipperten wir noch pünktlich in der
Kleinstadt circa 80 Kilometer hinter Prag ein, wo uns der Veranstalter Willi erwartete.
Willi, der unser Vater hätte sein können und sich auch etwas so gab, hatte es nach
eigenen Angaben vor einigen Jahrzenten von Holland nach Tschechien verschlagen,
wo er sich mit seinem Music-Club einen Traum verwirklicht hatte. Das Konzert war
kaum besucht. An der Bar im hinteren Teil des Raums saßen nur wenige Zuhörer,
die wahrscheinlich zum Inventar des Clubs gehören. Nach einigen Slivovitz mit ihnen
war die Stimmung dann aber doch ziemlich ausgelassen. Als Willi zu späterer
Stunde anfing, irgendwas von Hitler und der deutschen Geschichte zu lallen, war es
aber an der Zeit, ins Bett zu gehen. Willi gab uns Schlüssel und Adresse eine Hotels,
in dem man locker einen Horrorfilm hätte drehen können.
Am nächsten Morgen ging es im Regen weiter Richtung Bratislava. Wir kamen
gegen Mittag an und vertrieben uns die Zeit in der Altstadt. Am Abend spielten wir als
Support für die Band Jungbluth, die die Herzen der hardcoreaffinen Teile der
Reisegruppe höher schlagen ließ. Das Publikum war aber auch zu uns, die wir
deutlich poppiger sind, sehr gut. Bratislava scheint eine sehr lebendige
Hardcoreszene zu haben. Nach dem Konzert zogen wir mit Jungbluth und den
Veranstalterlnnen durch die milde Nacht. Zum Frühstück gab’s vegane Leberwurst.
Zum Fingerlecken.
Am 19. fuhren wir nach Bardejov und spielten dort in einer der exotischsten
Locations unserer Tour. Im dritten Stock eines mittelalterlichen Festungsturms hatte
ein Kollektiv von VeranstalterInnen einen runden Raum für Konzerte hergerichtet.
Wir erfuhren, dass 100-Kilometer-Fahrten zu Konzerten unbekannter Bands für
slowakische Jugendliche durchaus normal seien. Wir schliefen in dem Gemäuer,
während Fledermäuse um uns kreisten.
Gegen 5 Uhr brachen wir etwas verkühlt Richtung Schytomyr im Norden der Ukraine
auf. Wir konnten schwer einschätzen, wie lang es dauern würde, die Grenze zu
überqueren. Tatsächlich standen wir dort lange an, konnten die Grenze dann aber
passieren. Das mulmige Gefühl, das wir vor dem Grenzübertritt hatten (in Bardejov
hatte man uns von Schikanen der Grenzer erzählt), verließ uns in der Ukraine nur
kurz. Nach wenigen Kilometern auf ukrainischen Sandpisten, brach ein martialisch
aufgerüsteter Jeep aus dem Gebüsch am Fahrbahnrand und verfolgte uns. Der
Fahrer fuhr uns dicht auf, zog die Lichthupe und wollte uns wohl zum Halten
bewegen. Nach etwa einer halben Stunde, die uns deutlich länger vorkam, ließ er
von uns ab. Wer oder was, das war, können wir bis heute nicht bewerteten. Die Fahrt
durch den Norden der Ukraine dauerte lang. Die Schlaglöcher wurden größer, die
Dörfer ärmlicher. Immer wieder musste man Checkpoints der ukrainischen Armee
passieren, unsere Pässe wurden kontrolliert, es wurde gefragt, was man hier wolle
und es wurde mit Waffen aller Art gefuchtelt. Irgendwann merkten wir, dass wir durch

ein freundliches „Musicanti! Musicanti!“ unsererseits und das freigebige Verschenken
von Tourplakaten, die Sympathien der Grenzer erlangen und uns weitreichenderen
Kontrollen entziehen konnten. Im Dunkeln erreichten wir schließlich mit Verspätung
die Stadt Schytomyr nahe Kiew. Dort spielten wir in God’s Garage. Ein Clubhaus
eines christlichen (!) Bikerclubs und zeitgleich lokaler Antifa-Laden. Ziemlich
pragmatische Gebäudenutzung. Das Konzert war großartig. Wir spielten mit
mehreren lokalen Hardcoregrößen, das Publikum war kaum mit dem zu vergleichen,
was man aus Deutschland kennt. Während wir auf Konzerten höchstens mal mit dem
Kopf nicken oder Einzelne two-steppen, machte das ukrainische Publikum aus dem
Abend eine große Party. Trotz Sprachbarriere schrien einige unsere Texte mit und
auch Djaensen, dessen Musik ja noch textlastiger ist als unsere, wurde gefeiert wie
Ikke Hüftgold auf Mallorca. Leider mussten wir nach dem Konzert direkt weiter.
Unsere Routenplanung hatte sich als ziemlich naiv entpuppt.
Also weiter durch das ukrainische Hinterland Richtung Moldawien. Zur Nachfahrt:
müde, kalt, Sterne, Schlaglöcher, überproportional viele Tankstellen. Mittlerweile
roch es in unserem Bus wie damals in der Turnhallenumkleide.
In den frühen Morgenstunden erreichten wir die ukrainisch-moldawische Grenze.
Man hatte uns in Schytomyr einen relativ wenig frequentierten Grenzübergang
empfohlen. Ein ziemlich einschüchterndes Gebilde aus Stacheldraht und Beton. Auf
ukrainischer Seite antwortete uns die Grenzsoldatin in unserem Alter auf die Frage,
ob man das Tor zum Passieren öffnen könne noch mit „Why not?“. Auf moldawischer
Seite war die Kommunikation dann etwas komplizierter. Glücklicherweise hatten wir
alle wichtigen Dokumente im Vorhinein in die entsprechenden Amtssprachen
übersetzen und beglaubigen lassen. Die Stempelsammlung überzeugte und wir
durften einreisen.
Moldawien ist das ärmste Land Europas und das merkt man. In der moldawischen
Hauptstadt Chisinau trafen wir den Veranstalter des Abends und fuhren mit ihm zu
dessen Mutter, die für uns gekocht hatte. Spätestens jetzt fragte sich wahrscheinlich
jeder von uns, ob es nicht arrogant ist, als deutsche Mittelstandskids durch die
Armenhäuser Europas zu heizen und sich von Menschen, die ihr Jahresgehalt
berappen müssten, um die Miete unseres Busses zahlen zu können, bekochen zu
lassen.
Das Konzert am Abend war gut besucht. Wir spielten mit einigen lokalen Bands. In
Moldawien scheint es eine lebendige Djent-Szene zu geben. Auch wenn wir da mit

unserem Schreipop etwas rausfielen, war das Publikum ähnlich motiviert wie am
Vorabend.
Nach einer Nacht im Hostel und einer kleinen Kollision mit einem moldawischen
Gartenzaun, fuhren wir am 22. August zurück in die Ukraine nach Odessa. Die
Vorfreude war groß, denn schließlich war Artems Suicide Fest der Anlass unserer
Tour. Nachdem wir an der Grenze und an diversen Checkpoints wieder einige
Tourplakate losgeworden waren und uns ein moldawischer Grenzbeamter in
fließendem Deutsch von seiner Zeit in Ostberlin vorgeschwärmt hatte, erreichten wir
gegen Mittag das sonnige Odessa. Eine beeindruckende Metropole voller Touristen
und Luxuskarossen. Vor dem Konzert nahm sich Artem Zeit für ein kleines
Touriprogramm. Das Konzert war grandios, wir hörten viele großartige ScreamoBands und spielten vielleicht unser bestes Konzert jemals. Das Publikum bestand
aus einem Haufen Hardcorekids, die ähnlich wie schon in Schytomyr eine
beeindruckende Stimmung verbreiteten. Nach dem Konzert sprachen wir
zwangsläufig mit Artem und anderen über den Ukrainekonflikt. Kurzfassung: 1. So
eingefroren wie wir dachten, war der Konflikt zum damaligen Zeitpunkt nicht. 2. In
Odessa fühlt(e) man sich von der EU im Stich gelassen. Wir schliefen bei einem
jungen Pärchen, das extra seine kleine Wohnung für uns geräumt hatte und während
wir uns auf dem Boden ausbreiteten, die Nacht im Sitzen verbrachte.
In den frühen Morgenstunden des nächsten Tages brachen wir zur längsten Etappe
der Tour nach Brasov in Rumänien auf. Das Navigationsgerät, das bis dahin relativ
zuverlässige Dienste geleistet hatte, zwang uns, die Geländegängigkeit des Busses
zu testen und führte uns über Feldwege querfeldein. Wir verbrachten mehrere
Stunden damit, neben dem Bus herzulaufen und Baumkronen auf die Seite zu
ziehen, während einer von uns versuchte, das Gefährt im Schritttempo nicht im Sand
festzusetzen. Als wir gegen Nachmittag noch immer nicht in Rumänien waren, riefen
wir den Veranstalter des Konzerts in Brasov an und wollten eigentlich absagen.
Dieser sagte nur, er werde schon eine Lösung finden. Schließlich erreichten wir
gegen 24 Uhr die Venue. Ein Proberaum in einer alten Fabrik voller Menschen. Der
Veranstalter hatte es geschafft, mehrere lokale Bands spontan zu gewinnen, die den
ganzen Abend gespielt hatten. Auch das Publikum war geblieben.
Für den nächsten Tag war kein Konzert geplant. Wir fuhren durch Rumänien. Jede/r
die/der sagt, man könne sogenannte „Wirtschaftsflüchtlinge“ nicht tolerieren, sollte
eine Nacht in einem Wellblechhaus in einem rumänischen Dorf verbringen müssen.
Wir schliefen in einem Hostel in einer Stadt, deren Name wir vergessen haben.
Am nächsten Tag weiter nach Polen. In Tarnow spielten wir das vorletzte Konzert
unserer Tour. Das Konzert war gut besucht und die Leute waren fast so ausgelassen
wie an den Abenden zuvor. Als ein Mitglied der Hard-Rock-Vorband irgendwelche
Faschodeutschlandscheiße brabbelte, wiesen wir ihn zurecht und setzten uns mit
den VeranstalterInnen ab. Es war dunkel. Es gab Martini.
Letzter Tag: Wir fuhren nach Deutschland. In Chemnitz spielten wir unser letztes
Konzert, das uns wieder auf den harten Boden der deutschen Konzertrealität
brachte. Unser Publikum bestand aus einem Altpunk. Der fand’s so mittel gut.
Ohne pathetisch werden zu wollen, war die Tour für uns alle eine besondere
Erfahrung, die uns mit vielen liebenswerten Menschen in Kontakt gebracht, mehr
Fragen gestellt als beantwortet und uns ziemlich dankbar gemacht ha

fanzine: trust #236 /01 feb/mrz 26

Ein schneller Überblick über die akutelle Ausgabe, bevor schon wieder die neue in den Briefkasten flattert. Und ein schneller Tipp: ein Abo ist da echt super, bin auch äußerst selten am Bahnhofskiosk zu finden.

Das TRUST Numero 236 hab ich nu endlich durch.
Das Cover ist mal wieder echt lustig, da es so wirkt, als wäre der Grafiker*in in einen Monty Pythons / Terry Gilliam – Topf gefallen und würde so die schwarz weiß-Grafik erstellen. Denn das ist das Heft immer: in schwarz weiß.
Inhaltlich bekommt man diesmal folgende Interviewpartener*innen geboten:
Holy Goat Records (dazu später mehr), Rich Kids on LSD (was man prima bei Jan, dem Interviewer, bei Facebook verfolgen kann, wo er so ist; und er ist ja auch immer total stolz, an all diese musikalischen Orte zu gehen und seine Interviews zu führen. Einzigartiger Kerl!), Wick Bambix (kurz und knackiges Interview, wahnsinns Frau, cool!), dazu eine mir bisher gänzlich unbekannte Band (was mir beim Trust öfter mal passiert: 6 Bands, ich kenne keine) namens The Penske File – huch, nach dem Reinhören dachte ich: kann ich schnell wieder vergessen – dazu alte Huntington Beach Haudegen T.S.O.L. plus die yugoslavische (jetzt kroatische) Band Paraf, die in Zeiten Tito’s schon aktiv waren und nun wieder oder immernoch; nach 41 Jahren wieder ein neues Album. Krass.
Solang damals die Texte nicht gegen den Staat gerichtet waren, durfte man Punkmusik machen und auch so rumlaufen.

Also Holy Goat Records erzählt aus dem Nähkästchen. Er arbeitet Vollzeit, fährt Bands durch die Gegend, macht das Label als Vollzeithobby. Ist schon echt viel zu tun. Dazu wird mit viel Energie die Aufmachung der Platte oder MC hergestellt.
Was ich mag ist, dass auch der Interviewer ein paar ergänzende Dinge mit dazupackt, zum einen, um die Antworten zu komplettieren, zum andern macht es das Gesamtbild gehaltvoller.

Der Reiz an dem Heft ist schon oft das Unbekannte. Um dann in den Reviews endlich Platten zu finden, die man kennt, gehört hat, und eventuell auch sein Eigen nennt!
Schönste Review dieser Ausgabe, und ich meine das Ernst, große Liebe an Marianne, die ein grandios ehrliches, sechs-Sätze-Review geschrieben hat und endete mit: „es wirkt zufällig, ziellos und uninspiriert, ich hatte keine Freude an diesem Release.“
Manchmal muss, darf man einfach ehrlich sein, ich denke mir das oft und lasse es nur durchscheinen, zwinker.
Vielleicht, Marianne, bist du mir Vorbild für Sachen, die noch kommen!

Ich finds ne gelungene Ausgabe. Lesepflicht.

LP: stress – stress

jo, ist ne Weile her, dass ich diese wunderbare Platte von Stress zugeschickt bekommen hatte.
Dazu kommt dann noch eine erste, wenn auch manchmal recht oberflächliche, Recherche, wer die Band ist, wo sie herkommt, etc.
Schwierig. Ich musste bei Bandcamp ein wenig blättern, um sie zu finden und im Netzt findet man halt einfach auch 16841 andere Bands, die so heißen.
Hach.

Und erst jetzt merke ich also, was ich bis jetzt verpasst habe: eine hammergute Platte der Band Stress aus Rostock.

Die selbstbetitelte, 12 teilige Schallplatte überrascht mich total. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass da so Deutschpunk drauf ist.
Joah, ist das auch, aber: Stress machen einen super Spagat in den Postpunk, haben tolle Hooks am Start. Wahnsinn. Ich bin fassungslos begeistert!

Die Gitarre ist furztrocken, ein wenig Hall, spielt Chrischan, und die Bassistin Dani singen jeweils gemeinsam oder im Wechsel. Manchmal blitzt da sowas wie Horrorpunk durch, keine Ahnung, ich ringe eben auch etwas nach Worten.

„blase“, „sarg“ und „frei“ sind hammergute Songs.
Ersterer könnte in den 80ern von die Ärzte geschrieben worden sein. Dani, Basssolo, und dann kommt der englische Refrain. Fuck my life ist der gut!
„we gonna die one day – i did it yesterday“
Düsterer geht es in „sarg“ zu, klar. Kratzige Stimme, wavige Basslinie, erinnert mich ein wenig an Dr. Dexter (gibt es leider nicht mehr und sehr lokale Band aus Magdeburg).

Wenn Dani singt wirds richtig melodisch.
Jetzt fällt mir ein, an was mich der Schriftzug von Stress erinnert: diese Platte von Schrappmesser.
Das Artwork, ein Männchen mit einem Haufen (Impf?) Nadeln im Kopf ist sehr minimalistisch, finde genau das im Kontrast zu dem fetten Schriftzug aber total gut!
Leider gibt es echt sauviele Bands, Interpreten, die Stress heißen. Da werden sie wohl nicht so wirklich zur Kenntnis genommen werden können.

Stress kommen aus Rostok. Haben die Songs selbst aufgenommen. Mix und Master von Peter Schade und erschienen via Abbruch Records. Ein Brandenburger Label was die Antifschistische Fahne hochhält; und den Punk lebendig!

Der letzte Song ist ein schöner Rausschmeißer „2bu“ (to be you).

 

Zum Abschluß:
meine Plattensammlung ist beträchtlich angewachsen.
Durch Zukäufe, Neuerwerb oder die vielen Reviews, die ich hier mit Freude schreiben darf.
Ich habe alle Releases mal bei Discogs eingestellt, die nicht bleiben wollen und versuche die Labels nicht zu unterbieten! Würde mich sehr freuen, wenn die ein oder andere Scheibe/MC  einen neuen Besitzer*in finden würde.

konzert: ea80 & SØWT in weinheim

Seit ich in Heidelberg wohne, fällt ab und an mal der Name Café Central, eine Konzertlocation in Weinheim. Für Einwohner*innen Heidelbergs gut erreichbar mit dem ÖPNV.
Um den Jahreswechsel scrollte ich also auf der einschlägigen Homepage, vielleicht gibt es was interessantes im Programm, um das Café Central mal zu besuchen. Neben überwiegend für mich weniger interessanten Veranstaltung sprang mir dann das EA80 Konzert ins Auge: legendenumwobener Düsterpunk mit Kultstatus aus Mönchengladbach? Geschwind buchten .na, .a, .k und ich uns vier Tickets.

Als dann das betreffende Wochenende näher rückte, sprangen auch noch .s und i. mit auf den Zug auf und mit ebendiesem ging es dann nach Weinheim.
.na, .a und .i sind drei Drittel der Band Future Problem und wir kennen uns alle aus dem Umfeld des Carousel Heidelberg. Dort fand am dem Abend eine sehr reizvolle Gegenveranstaltung statt, mit Laxisme, Peitschen und den City Boys aber man kann halt nicht auf allen Hochzeiten gleichzeitig tanzen.

In Weinheim machten wir noch einen Abstecher ins Lotus, zeichens Gastronomie mit asiatischer Küche und stärkten uns für das bevorstehende Konzert. Über dem Restaurant prangt das dazugehörige Schild, das aber offensichtlich fehlerhaft produziert wurde: Der mehrfach abgebildete Name ist an prominenter Stelle statt „LOTUS“ als „LOSTUS“ buchstabiert worden. Der Hersteller hat jedoch weder seinen Kunden aus der Gastro noch den Auftrag verloren, auch wenn sich das so liest. Stattdessen wurde im Nachhinein mit schwarzem Lack der Schriftzug verbessert, jetzt steht da „LO TUS“. Der Laden ist komplett voll mit Gästen und das verwundert nicht, die Miso-Suppe beispielsweise ist überdurchschnittlich schmackhaft.

Das Café Central liegt ebenfalls nicht weit vom Bahnhof und ist ein wirklich schmucker Laden. Grundsolide Immobilie mit großem Treppenaufgang. Als wir in den Konzertraum kommen, fangen gerade søwt an zu spielen. Der Auftritt und die Musik wirken sehr hochgestochen doch trifft uns nicht so ganz ins Herz, wie wir alle in den Gesprächen nach dem Konzert gemeinsam feststellen. Während des Auftritts wurden immer wieder irgendwelche Gitarren ausgetauscht und herumgetragen, teils mehrere gleichzeitig, naja… Das Café Central ist wild dekoriert und dennoch nicht klebrig, das alte Gebäude hat wirklich Charme und ist sehr geräumig. Die Belüftungsanlage wird von uns dankend angenommen, das Team hinter der Theke legte sich wirklich ins Zeug, die durstigen Besucher mit Getränken zu versorgen – Hut ab und vielen Dank an der Stelle!

Wir sind alle keine Kids mehr, aber zogen, wie bereits erwartet, den Altersdurchschnitt an dem Abend herunter. Und auch als Grüppchen, hälftig verteilt auf dem Geschlechterspektrum, brachen wir den Status quo an dem Abend etwas auf, denn es waren wirklich hauptsächlich alte weiße Männer anwesend. Viele Typen, die keine Gelegenheit auslassen, sich mit ihrer Plauze zuerst an dir vorbei zu drücken, in Situationen in denen man sich auch verbal oder durch ein kurzes Antippen bemerkbar machen könnte. Aber gut, vielleicht ist das für diese alten Kerle eine seltene Gelegenheit, etwas menschliche Nähe zu erfahren und mit dem Main Act gab es ja auch noch etwas fürs Herz. Denn ich habe EA80 an dem Abend als überaus gefühlvolle Band erlebt.

Zuletzt und zum ersten Mal habe ich EA80 am 3. Juli 2015 im Zakk, in Düsseldorf gesehen. Mein damaliger Bandkollege .s hat mich damals von Rastatt aus mitgenommen, das war ne lange Fahrt für einen Abend. In Erinnerung geblieben waren mir u.a. die sturzbachähnliche Aussprache des Sängers, die alten, teils ziemlich kaputten Gäste und mein erster EA80 Tonträger.
„Das da, das ist ein gutes Album“, schwupp, hatte ich die „Schauspiele“ auf für mich damals unfassbar fettem Vinyl erstanden. An dem Abend wurde auch eine Nachpressung von „Gladbach soll brennen“ mit dem Feuerlöscher Piktogramm auf dem Cover und der angekokelten Schutzhülle verkauft, damit die Band sich, zuvor durch Dritte zerstörtes, Equipment ersetzen könnte.

Heute, 10 Jahren später, kenne ich zumindest ein paar Lieder mehr, auch wenn ich die Band echt nicht häufig höre. Umso geiler war es dann mit dem zweiten Lied in Set „Fort von Krank“ aus voller Kehle mitsingen zu können. Ich stand mit .k und .a ganz vorne links, um den anderen Leuten die Sicht nicht zu versperren und gleichzeitig selber was zu sehen. Dort traf ich prompt auch noch auf .c und .f, die sich auf den Weg von Offenburg gemacht hatten und die ihr vielleicht von ihrem Auftritt mit den Bands Ghettotonne und Monuments to Misery kennt (Wir berichteten: „Konzert: Fatal Brutal, Monuments to Misery, Biene Banal, Ghettotonne @ Ballonfabrik Augsburg„). Wir standen also alle dicht gedrängt und EA80 hauten einen Knaller nach dem anderen raus: „5×4“, „Gugging“, „Licht“- bei letzterem rief der Sänger, Junge, „LICHT!“ und der Song brach los. Und der Saal tobte.
Der Frontmann vermittelt eine unglaubliche Energie, man hat den Eindruck, das er die Texte nicht nur aus dem Gedächtnis singt, sondern dass er jedes Wort auch so meint und fühlt. Mal ganz nuanciert und auch immer wieder komplette Ausraster, mit Grimasse und Kontrollverlust. Dabei wirkt das ganze immer völlig authentisch, das ist keine „Show“, das wirkt echt.
Und auch das ganze Zusammenspiel der Band ist dermaßen direkt und deutlich. Selbst wenn man am Anfang mal das Gefühl hatte, dass es zwischendurch etwas holpert, haben ausgerechnet genau diese Passagen einen großen Emotionsreichtum. Als wüchsen Blumen aus den Lücken zwischen den Takten.
Kurz darauf schaltet der großväterlich anmutende Schlagzeuger in einen anderen Gang und drischt die tighten Punkbeats nur so runter, während sein Mund die Gesangstexte mit formt. Es ging teilweise dermaßen nach vorne; die Kompositionen, also das Zusammenspiel und der Klang der Instrumente funktionieren bei EA80 wirklich gut. In den Liedern liegt eine Einfachheit und Klarheit, ohne beliebig zu werden und mit großem Wiedererkennungsfaktor. Ob es der gutaussehende Herr am Bass ist, oder der gestandene Leadgitarrist – die Parts sind ikonisch in ihrer Schlichtheit, Klassiker-Material vom ersten Ton an.

Nach etwa drei Vierteln des Sets wird es mir vorne sprichwörtlich zu heiß, ich verdrücke mich kurz Richtung Toiletten. Ich bin die großen Treppen schon fast unten, da stürmt ein älterer Herr mit geschorenem Kopf hinter mir her, ruft etwas. Ich drehe mich fragend um, ziehe den Gehörschutz raus. Er erreicht mich begeistert am unteren Treppen-Absatz. Mein „Frankenstein“ Patch auf der Jeansjacke sei so super! Wow, danke lieber Unbekannter im Café Central, wie herzlich ist das denn?!

Das restliche Set stehe ich dann hinten im Konzertraum, sage nochmal .fi kurz Hallo, die sich ebenfalls auf den Weg aus der Metropolregion Rhein-Neckar nach Weinheim gemacht hat. Sie hat EA80 schon damals 2012 im JuZ in Mannheim gesehen.
Die Zeitspannen der Band sind wirklich schwindelerregend. Ein weiteres Jahrzehnt zurück, in den frühen 2000ern, habe ich erstmals als junger Teenager von EA80 im Boardstein Magazin gelesen, das ich mit einer Reihe anderer aussortierter Skateboard Zeitschriften von einem Nachbarn bekommen hatte. Der Autor beschrieb den Kultstatus und die Mysterien um die Band, sowie den Kommentar seines Kollegen, „Bring dich aber nicht um, okay“, der wohl Bezug auf die Düsternis des Düsterpunk nahm. Apropos Mysterien: EA80 spielten an dem Abend im Café Central eine Zugabe, was sie, so wurde es mir damals von den alten Hasen zugetragen, im Großteil der Bandgeschichte strikt unterlassen hätten. Erst in der jüngeren Vergangenheit gab es wohl bei den Auftritten Ausnahmen von dieser Regel, was die alte Gerüchteküche um die Band weiterhin am brodeln hält.

Bei mir war indessen dann so langsam der Ofen aus. Wir machten uns zurück auf den Heimweg mit dem Zug nach Heidelberg, .s und .i machten wohl sogar noch einen Abstecher ins Carousel. Ich hingegen begab mich so schnell in die Falle wie ich konnte, um dann aber wohl ausgeruht noch das restliche Wochenende mit in dem schönen gemeinsamen Abend zu schwelgen. Vielen Dank an euch alle und bis zum nächsten Mal!

(Anmrk. von Felix.: habe ein paar Fotos der Show bei FB gefunden. Bitteschön)