7inch: spit acid – time for revenge

Spit Acid aus Osnabrück sind nicht die Spit Acid ausn 90ern – nur so als Info für die alten Hardcore-Hasen hier!
Sie haben ihre zweite Veröffentlichung raus, diesmal als 7inch bei My Ruin.

Als es losgeht, bin ich erstmal überrascht, dass die Art Hardcorepunk auch bei MyRuin seinen Platz findet. Bisher habe ich das Label eher im (Post-)Punk wahrgenommen. Klar, einzelne Ausreißer gab es immer.
Spit Acid sind ein Trio. Zwei Frauen, ein Kerl. Da mir keine weiteren Infos über sie vorliegen, kann ich euch nicht genau sagen ob sie queer sind.

Die 7inch „zeit für rache“ beginnt nur mit Drums, die Snare knallt wie Sau, dann steigt ein knarzig verzerrter Basslauf auf und als Gitarre und Stimme einsetzen ist klar, die Band will ein paar sehr deutliche Worte mit sehr druckvoller Musik loswerden.

Heavy, pissed Hardcorepunk, der etwas ins crustige geht, aber im Midtempo bleibt. Feministische Texte, soweit ich das identifizieren kann.
Ziemlich cooler Release.

MyRuin. Vinyl in Baby-Pink Transparent.

 

 

konzert: heihaizi + A9 – 25.05.2026 – Offenburg Kessel

Nach dem Konzert am Freitagabend in Bühl, ergabe es sich, dass ich ein Wochenende frei hatte und Pfingstmontag ja gleich nochmal ein Feiertag war.
Prima! Ausschlafen, rumgammeln, und dann auf ne Matineé-Show in den Kessel; in der Hoffnung, dass diesmal beide Bands da sein würden.
Bei der letzten Matineé war nur eine Band da, zwinker. Aber nich minder laut!

Es gab Kaffee und Kuchen, dann ging es mit entspanntem Hochgeschwindigkeits-Hardcore aus Leipzig los.
A9 schrubbten ordentlich über die Griffbretter, der Sänger bellte seine Texte, ein paar Tanzbeine flogen auf den Boden, standen wieder auf, angepeitscht von der Snare.
Habe lange keine so freundlich dreinblickende Gitarristin gesehen bei solch einer Klatsche an Musik. Schön.

Danach machten Heihaizi ihren Linecheck und ließen dann auch gleich die Hunde von der Leine.
Man sagt der Band (oder sie selbst über sich), dass sie die kroatischen Beastie Boys seien. An dem Abend konnte ich endlich feststellen, warum und in welchem Bezug. Vor allem dreht es sich wohl um das Party-Album dieser Band „licensed to ill“.
Heihaizi spielen allerdings auch ein paar schnellere Punksongs.

Auch hier wurden ein paar Tanzbeine und ein paar Fäuste in die Luft geworfen. Hauptsächlich von der mitgereisten Band.
Man merkte, dass einige im Kessel, über das von mir als „frei“ genutzte Wochenende, in Mannheim auf dem Pfingstfest waren.
Ich hatte das schon auch überlegt, Angesichts der Benzinpreise und ohne Mitfahrer*in – momentan einfach keine Chance.

Bin gespannt auf die nächste Punkshow im Kessel.
### SUPPORT LOCAL VENUES ###

 

konzert: wuzetian, brach, no flag left, petricore – krach kultur I – 22.05.2026

Was ein Line-Up!
Schön am Ende einer arbeitsreichen Woche gelegen. Dazu dann noch „schnell“ auf einen Geburtstag einer lieben Freundin die, glücklicherweise, immer recht früh feiert. Bzw. wir sind gemeinsam Essen gegangen.
Ich kam also gerade so punktgenau um 20 Uhr am Komm an.
In meinem Heimatstädtchen passiert musikalisch und live ja gar nicht mal so viel, da ist dann auch die Genreauswahl schon speziell und besonders.

UND: es spielen drei (!!!) meiner Labelbands an einem Abend.
Ich ließ es mir nicht nehmen, auch mit all meinen Plattenkisten anzureisen.
Erstmal ein Bier in die Hand. Und das Aufnahmegerät gestartet.

Als erstes spielten Petricore. Ich glaube, ich kann sagen, dass ich die meisten Konzerte der Band bisher gesehen habe. Oft spielen sie nämlich nicht.
Sehr hoher Grad an Spielfreude und dazu auch noch ziemlich spielsicher.

Kleiner Funfact: den alten, ersten Bass, den Josl mal spielte hat mir Fauli als Garderobe zum Geburtstag geschenkt! Hängt jetzt bei mir im Flur.
Im Publikum war jemand, der schon ein paar Bier drin hatte und im Kreis lief, die Leute anstieß, um Pogo zu tanzen. Nicht wild, mehr auffordernd.
Und – wie immer in solchen Situationen – musste sich jemand schwer angepöbelt fühlen und ging total an die Decke, schrie den Kerl an, drohte mit Prügel, was weiß ich.
Bevor ich einschreiten wollte, kamen aber schon zwei andere und zogen sie auseinander. Der Pogo-Aufforderer war ganz ruhig geblieben. Wer aber bekam dann die Ansage „mach mal langsamer“ ? genau: er. Fand ich scheiße. Hab den Typ, der da so rumkrakehlte später noch in einem „normalen“ Gespräch erleben dürfen: wenig sympathisch.

Zweite Band des Abends: die düsteren, schweren und sehr lauten WuZeTian aus Achern.
Da ich die Band ja aufgenommen und gemischt habe für ihre Platte „alles lebt alles stirbt“ kann ich nicht verschweigen, dass ich die total gut finde.
John, Gitarre, ist inzwischen weggezogen und für den einen (sie spielen leider auch viel zu selten) Gig nochmal gekommen. Sie suchen gerade jemanden für die zweite Gitarre !!!

Nach einer schweißtreibenden Show merkte man richtig, wie sehr das Publikum hier mitgegangen war und eine Pause brauchte.

Es folgen No Flag Left (ex- Ennolicious) die auch auf Krachige Platten zwei schöne Releases rausgebracht haben!
Inzwischen spielt Simon ja auch bei Petricore an der Klampfe.
No Flag Left sind etwas angepisster mit Schreihals Dome am Micro. Eher so Skatepunk mit Hardcore-Einschlag. Ich finde, sie werden jedes Mal besser, wenn ich sie sehe!

Zum Abschluß des echt coolen Abends, ich hatte zwischendurch irgendwo mein Bier verloren und dann lieber noch eins geholt, bevor ich das Alte dann auf der Box vor der Bühne wiedergefunden habe (ich glaube, es war meins), kamen dann Brach auf die Bühne.
Ich hatte sie ja noch nie live gesehen, hatten sie mich doch aber mit ihrem Sound und Songwriting überzeugt, weswegen ich das Tape auch rausgebracht habe.
Eine Wucht. Ein Brett. Sehr gut gespielt.

Ein echt cooles, erstes Krach Kultur Fest im Komm. Eintritt frei.
Ich hoffe sehr, dass die Jungs weitermachen.

 

 

 

LP: STATICØ – absurdity of this world

STATICØ kommen aus Belgrad und brennen ein aopcalyptischen Feuerwerk an Riff ab, das sich echt gewaschen hat. Mein lieber Scholli.

Garage-Hardcore-Punk, um das mal näher zu beschreiben.
In meiner Erinnerung, da ich nicht viele Bands vom Balkan kenne, klangen diese in den 90ern im zerfallenden Yugoslavien noch recht rockig.
STATICØ bretzeln das alles weg. Sie sind punkig und spielen in aller Kürze voll nach vorne.
„state of delusion“ oder „violent dreams“ brennen unheimlich schnell durch. Man kennt die Riffs wieder, auf die sie sich beziehen, bauen aber hier und da noch einen Akkord dazu, dann ein Break, ein windschiefer Akkord, der Bass kloppt die bewusst flirrende Trommelei nach vorne.
Die Band spielt unfassbar gut zusammen.
Die meisten Garage-Bands spielen ja nur zu viert, STATICØ haben zwei Gitarren am Start, was einfach das I-Tüpfelchen ist!

Vor allem der letzte Song auf Seite 1 ist ein super Beispiel dafür, wie man sehr gut gespielte Rockmusik im Hardcore unterbringen ohne den Drive zu verlieren und irgendein beliebigen Standard runterzueiern.
„lifeless“ hat dazu noch krasse 80’s Hardcorevibes.
Mit längerer Spielzeit habe ich das Gefühl, das die Band immer mehr aufdreht und noch einen draufsetzt. Die Gitarren spielen immer mehr gegen- und ineinandner. Die Backsection hält alles zusammen, damit die Noise-Section ordentlich durchdrehen kann.
Der Gesang ist speziell, an den hab ich mich am längsten gewöhnen müssen; gibt es was Vergleichbares?

STATICØ enden mit einem 7- minuten- Bassriff, repetitiv, New-Wave der als wäre der Bassist in einer Geisterbahn unterwegs, auf ganz schlechten Drogen.
Das muss man so bringen können!

Die Platte kommt in mehrfarbigem Inside-Out-Cover. Aus Kroatien kommen 12 Songs, die aus einem schwer zu ertragenden, faschistischen Staat kommen und niemand soll sich mehr sicher fühlen, nachdem er diese Platte gehört hat.
Ja, haben sie geschafft.
Das ist eben nicht düster, es ist apocalyptisch. Nicht depressiv, aber es zieht nach unten. Ich weiß nur nicht wohin.
Wenn STATICØ diesen Soundtrack aus der faschistischen Hölle gebraut haben, in der sie leben müssen, dann führt das Album doch ins Licht?

Refuse Records, Out Of The Darkness, Onesnaževanje Uma und Ayran Sounds.

PS:
Diese Review erscheint auch beim Vinyl-Keks.

Zum Abschluß:
meine Plattensammlung ist beträchtlich angewachsen.
Durch Zukäufe, Neuerwerb oder die vielen Reviews, die ich hier mit Freude schreiben darf.
Ich habe alle Releases mal bei Discogs eingestellt, die nicht bleiben wollen und versuche die Labels nicht zu unterbieten! Würde mich sehr freuen, wenn die ein oder andere Scheibe/MC  einen neuen Besitzer*in finden würde.

LP: usura – desafecto

Im Sommer letzten Jahres war ich ein paar Tage auf Mallorca, im Nordosten der Insel.
Klar, wir sind auch mal nach Palma gefahren um uns ein wenig die Stadt anzuschauen. Dazu gehörte auch ein Besuch bei Mais Vinilo, einem kleine, wohlsortierten Plattenladen.
Ich fragte den Inhaber, was er denn an mallorcinischem Punk da hätte und er empfahl mir unter anderem Usura. (auch die Suicidas – anderer Review!)

Klar war ich ein wenig überrascht, die Geballte Ladung Crust um die Ohren gefegt zu bekommen. Muss ich mitnehmen, dachte ich!
Usura heißt übersetzt „(Zins-)Wucher“. Die Scheibe trät den Titel „desafecto“ (Entfremdung). Textblatt ist dabei, auf dem alle spanischen Texte auch ins Englische übersetzt sind.

10 eigene Songs und ein Coversong.
Klar, ich hätte die Platte wohl auch hier in Deutschland (bspw. Kink Records oder auch MyRuin) bekommen, spannender ist es aber, das Fach mit dem Titel „in den Ferien gekauft“ zu füllen!

Wie auch immer. Textlich geht es bspw in „arqutectura carcelaria“ (Gefängnisarchitektur) darum, dass in Städten zu leben bedeutet Klassenzugehörig beinhaltet, Privilegien und eben diese Stadt dadurch unser Gefängnishof ist.
Usura hinterfragen auch, warum überhaupt so dumm sind sich weiter zu reproduzieren.
Die Band gibt es schon knapp 15 Jahre. Sie spielen wirklich richtig gut zusammen und ballern ordentlich nach vorne, ohne sich permanent zu wiederholen. Das hat ein hohes Energielevel ohne Schnörkel.
Man hat gleich von Anfang an das Gefühl, man hebt mit dem sägenden Sound der Gitarre ab!

Wie bei Crust-Veröffentlichungen üblich, hier eine handvoll Labels:
Abnegat, Romantic Song Recordings, Aback Distribution, Corrosión Cerebral Records, 1984 Records und Up The Punx.
Schon 2023 erschienen, heute nicht weniger gut. Und eben bei letztem Label Up The Punx habe ich gesehen, dass Usura eine neue Split LP raushaben mit Sota Terra.

LP: anti-corpos – backlash

Erstmal: saucooles Cover!
Und als die Musik läuft hab ich Bilder meiner Jugend vor Augen.
In den 90ern gab es einige Bands, leider meistens ohne weibliche Beteiligte, die einen derart krassen Lärm gemacht haben.
Damals gab es den Begriff Screamo auch noch nicht.
Aber laute Gitarren, Wände aus Zorn durch Mirkofon geschrieen, gerufen, und in diesem Fall von Anti-Corpos auch gesungen, Drums die Schläge richtig wegknallen.
omg. I love that!

Anti-Corpos sind eine all-female, queer-feministische Band aus Berlin, die ihre Ursprünge in Brasilien hat.
Ich bin fassungslos begeistert von dieser Band!
Der stürmische Sound, von drei Frauen in einer Düsternis und Energie vorgetragen, dass mir die Spucke erstmal wegbleibt.
„backlash“ ist das Resultat von 20 Jahren gemeinsamer Bandgeschichte, Anti-Corpos sind komplett an mir vorbeigegangen, bis jetzt!
Zeitweise waren sie wohl mal auch zu viert, wenn ich die Fotos richtig deute. Ich tauche tiefer ein ins Internet für eine Recherche.

Es ist nun also keine Band, die aus #punktoo oder aktuellen Diskussionen und Diskursen über den Anteil von Frauen in der Punkszene und der sehr männliche Umgang mit ihnen, entstanden ist. Diese Frauen stehen schon sehr lange genau dafür ein: ihre Rechte, ihre Lautstärke, diese vorzutragen. Sie haben sich 2002 in Brasilien gegründet und sind inzwischen in Berlin ansäßig.
Diese queere Band ist, ich habe mich kurz mal durch ihre üppige Diskographie bei Bandcamp gehört, gewachsen und ganz sicher lauter und wütender geworden. Sie haben wohl eher mal mit Straight-Edge-Hardcore angefangen, als mit dem dystopischen Hardcore, der auf dieser Platte seinen Ausbruch gefunden hat. Das liegt vermutlich am Weggang der Sängerin und der Gitarristin, denn nun haben sie eine neue Gitarristin, die das Trio komplettiert.
Adriessa Souza – Vocals/Bass (Eat My Fear, Dominatrix), Helena Krausz – Drums (Eat My Fear, Gegenüber), and Irem Kara – Vocals/Guitar, seit 2022 (Nervöus, Hoarse)
Der Sound ist richtig heavy und maximaler Output. Abwechslungsreich in den Vocals. Inhaltlich, „backlash“ bedeutet Gegenreaktion, ganz klar gegen Männlichkeit, gegen Rassismus und pro feministisch, vor allem aber mit einem Augenmerk darauf, als Südamerikanerinnen hier im weißen Europa unterwegs zu sein.

Triggerwarnung wg. Strobo-Effekten:

Das Label No Gods No Masters ist von Anfang Teil ihrer Reise. Und das ist eben in Brasilien angesiedelt. Ich kenne zwei Bands, die ich entdeckt habe, Renegades of Punk und Àgua. Give it a listen!
Zusätzlich sind Refuse Records (Europa-Release) und Emancypunx beteiligt.

Für meinen Teil als Mann empfinde ich die Musik von Anti-Corpos als Testo-geschwängerte, verzerrte Hardcoremusik, die den männlichen Kollegen in nichts nachsteht. Nur die Inhalte der Texte sind klar anders und sehr direkt formuliert.
Wie bspw in dem oben eingefügten Video.
Die erste Seite ist in meinen Ohren etwas bedachter, sie hat mehr Druck und Power im Sinner einer Tanzbarkeit. Und die zweite Seite ist mehr nach vorne gespielt, mehr geknüppelt.
Adriessa und Irem teilen sich die Vocals und das passt ins musikalische Konzept total gut rein. Es ist „nicht einfach nur“ wütend, sondern es knallt.
Meist kreisen die Songs um die zwei Minuten und Anti-Corpos holen im Songwriting raus, was in der Kürze der Zeit geht, fügen noch eine ordentliche Prise Gitarrenkrach dazu. Manchmal am Ende eines Songs ein kleiner Twist, der gut funktioniert und ein I-Tüpfelchen ist.

„scream for a change“ erzählt in einer persönlichen Weise von den dissonanten Akkorden, die man rausschreit, in seiner winzigen Welt, in der man unterwegs ist, man aber von diesem Wechsel träumt! Das unter der Oberfläche von Normen, von der Vorstellung von Körpern und Geschlechtern, dass es darunter eine Welt gibt, die ausbrechen sollte, Wirklichkeit werden!
Das, was viele falsch verstehen und dann als Linke Diktatur bezeichnen, aus Gründen der Ahnungslosigkeit „woke“ nicht verstehen wollen. Das diese schöne Welt, diese Liebe zum Vorschein kommen sollte; so hart und brutal sie sich auch mal anhört!
„migrant heart“ kann ich total nachvollziehen. Dass das Herz, dass aus einem anderen Land kommt, die Kälte sieht, spürt, die gerade immer größer wird in der Gesellschaft.

9 Songs. Emotionale Brachialität. Super produziert. Hochglanzcover. Schwarzes Vinyl und Textblatt. Gibt es auch in zwei farbigen Varianten bei Refuse Records (Link oben!)

Diese Review erscheint/erschien auch bei vinyl-keks

LP: tomar control – frente al miedo

Heute fange ich das mal umegkehrt an.
Tomar Control haben da nämlich eine ganz famose Scheibe namens „Frente al Miedo“ (Angesichts der Angst) auf meinen Plattenteller geschoben und drücken mit ihren Hardcore-Riffs ordentlich durch die Boxen. Die Band aus Lima in Peru veröffentlicht damit ihren dritten Longplayer!

Seite zwei hat mehr Energie und es sind die schneller gespielten Songs drauf. „hambre de poder“ (Machthunger) ist der Hit der Platte. Man hat auf der einen Seite dieses südamerikanische Thrash-Metal-Gefühl, die Gitarre fräst sich durch die Gehörgänge. Erinnert mich an Ratos de Porao und Tomar Control wechseln im Song aber diese Grundstimmung in einen echt coolen Hardcore / Emo-Part, der nichts an Energie liegen lässt, sondern nochmal in eine andere Richtung pusht.

¿Cuán lejos crees que llegarás?
Si todo en tu vida es traicionar
Wie weit glaubst du, wirst du kommen?
Wenn alles in deinem Leben Verrat ist

Sängerin Julie stellt dabei ernste Fragen an ein ungerechtes System.
Überhaupt sind alle 10 Songs kritisch und hinterfragend.

Ich spule für euch aber mal kurz an den Anfang.
„Frente al Miedo“ startet eher mit Old-School-Hardcore, als mit etwas Innovativem, was etwas gegen die Hörgewohnheiten geht; und glücklicherweise schieben sie da auch schon einen Part Richtung Emo und nicht Richtung der inzwischen ultra poppigen Turnstile. Das macht ja, glaube ich, gefühlt jede zweite Band inzwischen nach. Nein, sie knallen da noch einen Beat-Down hinterher.
Tomar Control höre ich schon seit der ersten Platte und ich finde, dass es eine klare Weiterentwicklung gibt. Sie haben dazugelernt in Punkto Songwriting, verlassen sich auf ihre Skillz und machen daraus wütende Hardcore-Perlen, die sich wie an einer Kette aneinanderreihen.
Bei „Extinción“ höre ich schon ein wenig Biohazard raus. Aber wenn es Anleihen gibt, dann landet man recht schnell beim 90er Jahre Hardcore. Die vier Frauen machen keinen Hehl aus ihrer Liebe zu den Riffs und dem Sound dieser Zeit!
In dem Song geht es um den Egoismus des Menschen, der immer wieder alles zerstört, weil es ihm im Weg ist. Natur, Umwelt, sich selbst.

Die Platte wurde letztes Jahr nach ihrer Tour durch Europa aufgenommen. Abgemischt wurde sie von Hardcore Urgestein Don Fury in New York. Sie kommt in einem Hochglanzcover, Texte liegen im Original (spanisch) und in einer Übersetzung (englisch) bei auf einem Textblatt.
Erschienen bei Refuse Records. Dort auch zu haben als TOurversion in weißem Vinyl. Ich habe hier die schwarze Variante vorliegen.

Tomar Control sind in Kürze wieder auf Tour hier, ganz wenige Dates in Deutschland!

APR 03 – BRIGHTON, UK @thepipelinebrighton
APR 04 – LONDON, UK @thebluemonklondon
APR 05 – MANCHESTER, UK @mcrpunkfest
APR 06 – GLASGOW, UK @thehugandpint
APR 07 – LINCOLN, UK @akedo_bar
APR 08 – CARDIFF, UK @fuelcardiff
APR 09 – CLARQUES, FR @louiepleure
APR 10 – NANTES, FR @lune.froide
APR 11 – PARIS, FR @unitedwestandfestival
APR 12 – FRANKFURT, DE @au.frankfurt
APR 13 – BERLIN, DE @obergeschosshell
APR 14 – SZCZECIN, PL @goodboysbooking
APR 16 – UTRECHT, NL @acu.nl
APR 17 – LIMBURG, DE @kakadu_limburg
APR 18 – GHENT, BE @t_omgekeerdekruis

DIESE REVIEW ERSCHEINT AUCH BEI VINYL-KEKS.EU

fanzine: trust #236 /01 feb/mrz 26

Ein schneller Überblick über die akutelle Ausgabe, bevor schon wieder die neue in den Briefkasten flattert. Und ein schneller Tipp: ein Abo ist da echt super, bin auch äußerst selten am Bahnhofskiosk zu finden.

Das TRUST Numero 236 hab ich nu endlich durch.
Das Cover ist mal wieder echt lustig, da es so wirkt, als wäre der Grafiker*in in einen Monty Pythons / Terry Gilliam – Topf gefallen und würde so die schwarz weiß-Grafik erstellen. Denn das ist das Heft immer: in schwarz weiß.
Inhaltlich bekommt man diesmal folgende Interviewpartener*innen geboten:
Holy Goat Records (dazu später mehr), Rich Kids on LSD (was man prima bei Jan, dem Interviewer, bei Facebook verfolgen kann, wo er so ist; und er ist ja auch immer total stolz, an all diese musikalischen Orte zu gehen und seine Interviews zu führen. Einzigartiger Kerl!), Wick Bambix (kurz und knackiges Interview, wahnsinns Frau, cool!), dazu eine mir bisher gänzlich unbekannte Band (was mir beim Trust öfter mal passiert: 6 Bands, ich kenne keine) namens The Penske File – huch, nach dem Reinhören dachte ich: kann ich schnell wieder vergessen – dazu alte Huntington Beach Haudegen T.S.O.L. plus die yugoslavische (jetzt kroatische) Band Paraf, die in Zeiten Tito’s schon aktiv waren und nun wieder oder immernoch; nach 41 Jahren wieder ein neues Album. Krass.
Solang damals die Texte nicht gegen den Staat gerichtet waren, durfte man Punkmusik machen und auch so rumlaufen.

Also Holy Goat Records erzählt aus dem Nähkästchen. Er arbeitet Vollzeit, fährt Bands durch die Gegend, macht das Label als Vollzeithobby. Ist schon echt viel zu tun. Dazu wird mit viel Energie die Aufmachung der Platte oder MC hergestellt.
Was ich mag ist, dass auch der Interviewer ein paar ergänzende Dinge mit dazupackt, zum einen, um die Antworten zu komplettieren, zum andern macht es das Gesamtbild gehaltvoller.

Der Reiz an dem Heft ist schon oft das Unbekannte. Um dann in den Reviews endlich Platten zu finden, die man kennt, gehört hat, und eventuell auch sein Eigen nennt!
Schönste Review dieser Ausgabe, und ich meine das Ernst, große Liebe an Marianne, die ein grandios ehrliches, sechs-Sätze-Review geschrieben hat und endete mit: „es wirkt zufällig, ziellos und uninspiriert, ich hatte keine Freude an diesem Release.“
Manchmal muss, darf man einfach ehrlich sein, ich denke mir das oft und lasse es nur durchscheinen, zwinker.
Vielleicht, Marianne, bist du mir Vorbild für Sachen, die noch kommen!

Ich finds ne gelungene Ausgabe. Lesepflicht.

LP: sons of sadism – skatebrigade marl

Hab die Sons of Sadism aufgelegt.
Der Sänger auf dem Cover sieht schon mal voll nach 80s/90s aus.
Und ein bisschen was hatte ich in meiner Bubble schon gelesen, viel nach dem Mott „ey geil, dass das endlich mal raus ist“
Bei Sons of Sadism (SOS) handelt es sich um eine Skate-Punk-Band aus dem schönen Marl. Wer nicht weiß wo das ist: hier. Und sie machen einen fast schon typischen Sound, der die amerikanische Gangart zugrude legt: melodisch, thrashig, schnell, aber auch sehr Bassmelodie-orientiert.

Nun, diese 21 Songs auf der LP starten mit ihrer, nach der Band benannten, Hymne an „s.o.s.“.
Power it up – Records hat hier eine Discografie zusammengetragen, die eine EP, ein paar Samplerbeiträge und Liveaufnahmen enthält.
Soweit so unspecktakulär; denn, eine Menge Sachen werden in den letzten Jahren re-released, unheimlich viel ist dabei, was schon damals nicht wirklich bei den Leuten angekommen ist. Sei es durch wenige gespielte Konzerte oder durch Verbreitungsmöglichkeiten.
Das kann ich nicht nachvollziehen.

Die Band Sons of Sadism wollte auf jeden Fall die vorherrschende Punkszene in Marl und Umgebung mit ihrer Musik quasi „erhellen“. Vieles war gewalttätig geworden unter den Punk. Vor allem im Norden der Republik nahm damals das „schneller, lauter, härter“ Rufen bei den Konzerten stark zu.
Blutpogo und Gewalt abseits der Konzerte nahm zu.
Einiges ist in den Linernotes noch nachzulesen.
Coole Anspieltipps sind „million“ und „psychopathen“, die, denke ich, ganz gut den vielfältgen Sound und das Songwriting widerspiegeln.
Auch sind die Songs immer wieder in krass unterschiedlichen Längen, von 30 Sekunden bis über 3 Minuten ist alles dabei.
Beim ersten Durchhören, muss ich gestehe, wusste ich manchmal nicht, in welchem Song ich bin. Sie sind auch recht knapp „aneinandergepappt“ auf Vinyl; sprich, die Pausen sind sehr kurz zwischen den Songs.

Die Poster und Flyer, die ich im Booklet sehe sind so gar nicht außerhalb von NRW, was eben zu meiner Annahme führt, dass Sons of Sadism gar nicht so viel getourt sind. But who knows.
Jede Menge anderer Storys und Photos im Booklet.

Vinyl kommt in schwarz (diese Version) oder auch auf Gold – die gibt es direkt beim Label Power It Up.
Plus 12 seitigem Booklet. Eingeschweißt.

PS: diese schöne Review erscheint auch von mir beim Vinyl-Keks.

PPS:
Zum Abschluß:
meine Plattensammlung ist beträchtlich angewachsen.
Durch Zukäufe, Neuerwerb oder die vielen Reviews, die ich hier mit Freude schreiben darf.
Ich habe alle Releases mal bei Discogs eingestellt, die nicht bleiben wollen und versuche die Labels nicht zu unterbieten! Würde mich sehr freuen, wenn die ein oder andere Scheibe/MC  einen neuen Besitzer*in finden würde.

MC: exceeded capacity – demo II

Glücklicherweise kenne ich die Band seit dem ersten Song.
Exceeded Capacity ist ein Kind von Joe, der hier auch als Gastschreiber tätig ist, allerdings auch ganz doll viel kreativen Output am Start hat.
Bei Krachige Platten hat er schon zwei Compliations mit seinem Oevre herausgebracht, mit EITR (zweite Auflage am Start) und Rontgen auch zwei Bands, und nun also das neue Demo, schlicht „II“, via Kink Records.
Ich bin ein bisschen neidisch, aber Kink passt da schon ganz gut. Nächste Stufe bitte dann Refused Records als Coop!

Also Exceeded Capacity haben 10 Songs in knapp 20 Minuten, zwischen Hochgeschwindigkeit und gediegenem Geballer.
Nein, das ist schön schrammeliger Garage Hardcorepunk. Büschn Fastcore.
Klare Texte und mit dem ersten „DSDS“ fange ich gleich mal an:

Deutschland spannt den Superstrick
Angenehm knackt das Genick
Letzte Ruhe, nicht zu retten
die wir uns auf Lügen betten

„demokratie“ – „artikel 3“ oder eben „DSDS“ sind schon sehr klare Einordnungen der bestehenden Verhältnisse, und die finden wir (ich schließe mich da ein) nicht gut.
Zwischendurch auch mal gedanklich etwas abschweifen in ein „portal“ bei einem „abendspaziergang“ – auch schön. Ja, nehm ich mal so mit.

Was Exceeded Capacity total cool machen ist, das sie abwechslungsreich von Anfang an so ne Viertel (oder halbe?) Note an einen Part angehängt wird, an den nächsten wieder nicht.
So wird das Songwriting unrhythmischer, nicht aber das Spiel. Der Drummer hält diesen Break-Wahnsinn mit seinen Stöcken ganz gut beeinander.
Die Band erinnert mich so an Briefbombe oder Loser Youth oder eben auch Jodie Faster. Zum einen liegt das am teilweise sehr trockenen Gitarrensound, aber auch an der Direktheit des Ungestümen.

Gibts hier zu kaufen
Kink Records

 

 

und hier noch das alte demo. einfach mal als YT link.