Seit ich in Heidelberg wohne, fällt ab und an mal der Name Café Central, eine Konzertlocation in Weinheim. Für Einwohner*innen Heidelbergs gut erreichbar mit dem ÖPNV.
Um den Jahreswechsel scrollte ich also auf der einschlägigen Homepage, vielleicht gibt es was interessantes im Programm, um das Café Central mal zu besuchen. Neben überwiegend für mich weniger interessanten Veranstaltung sprang mir dann das EA80 Konzert ins Auge: legendenumwobener Düsterpunk mit Kultstatus aus Mönchengladbach? Geschwind buchten .na, .a, .k und ich uns vier Tickets.
Als dann das betreffende Wochenende näher rückte, sprangen auch noch .s und i. mit auf den Zug auf und mit ebendiesem ging es dann nach Weinheim.
.na, .a und .i sind drei Drittel der Band Future Problem und wir kennen uns alle aus dem Umfeld des Carousel Heidelberg. Dort fand am dem Abend eine sehr reizvolle Gegenveranstaltung statt, mit Laxisme, Peitschen und den City Boys aber man kann halt nicht auf allen Hochzeiten gleichzeitig tanzen.
In Weinheim machten wir noch einen Abstecher ins Lotus, zeichens Gastronomie mit asiatischer Küche und stärkten uns für das bevorstehende Konzert. Über dem Restaurant prangt das dazugehörige Schild, das aber offensichtlich fehlerhaft produziert wurde: Der mehrfach abgebildete Name ist an prominenter Stelle statt „LOTUS“ als „LOSTUS“ buchstabiert worden. Der Hersteller hat jedoch weder seinen Kunden aus der Gastro noch den Auftrag verloren, auch wenn sich das so liest. Stattdessen wurde im Nachhinein mit schwarzem Lack der Schriftzug verbessert, jetzt steht da „LO TUS“. Der Laden ist komplett voll mit Gästen und das verwundert nicht, die Miso-Suppe beispielsweise ist überdurchschnittlich schmackhaft.
Das Café Central liegt ebenfalls nicht weit vom Bahnhof und ist ein wirklich schmucker Laden. Grundsolide Immobilie mit großem Treppenaufgang. Als wir in den Konzertraum kommen, fangen gerade søwt an zu spielen. Der Auftritt und die Musik wirken sehr hochgestochen doch trifft uns nicht so ganz ins Herz, wie wir alle in den Gesprächen nach dem Konzert gemeinsam feststellen. Während des Auftritts wurden immer wieder irgendwelche Gitarren ausgetauscht und herumgetragen, teils mehrere gleichzeitig, naja… Das Café Central ist wild dekoriert und dennoch nicht klebrig, das alte Gebäude hat wirklich Charme und ist sehr geräumig. Die Belüftungsanlage wird von uns dankend angenommen, das Team hinter der Theke legte sich wirklich ins Zeug, die durstigen Besucher mit Getränken zu versorgen – Hut ab und vielen Dank an der Stelle!
Wir sind alle keine Kids mehr, aber zogen, wie bereits erwartet, den Altersdurchschnitt an dem Abend herunter. Und auch als Grüppchen, hälftig verteilt auf dem Geschlechterspektrum, brachen wir den Status quo an dem Abend etwas auf, denn es waren wirklich hauptsächlich alte weiße Männer anwesend. Viele Typen, die keine Gelegenheit auslassen, sich mit ihrer Plauze zuerst an dir vorbei zu drücken, in Situationen in denen man sich auch verbal oder durch ein kurzes Antippen bemerkbar machen könnte. Aber gut, vielleicht ist das für diese alten Kerle eine seltene Gelegenheit, etwas menschliche Nähe zu erfahren und mit dem Main Act gab es ja auch noch etwas fürs Herz. Denn ich habe EA80 an dem Abend als überaus gefühlvolle Band erlebt.
Zuletzt und zum ersten Mal habe ich EA80 am 3. Juli 2015 im Zakk, in Düsseldorf gesehen. Mein damaliger Bandkollege .s hat mich damals von Rastatt aus mitgenommen, das war ne lange Fahrt für einen Abend. In Erinnerung geblieben waren mir u.a. die sturzbachähnliche Aussprache des Sängers, die alten, teils ziemlich kaputten Gäste und mein erster EA80 Tonträger.
„Das da, das ist ein gutes Album“, schwupp, hatte ich die „Schauspiele“ auf für mich damals unfassbar fettem Vinyl erstanden. An dem Abend wurde auch eine Nachpressung von „Gladbach soll brennen“ mit dem Feuerlöscher Piktogramm auf dem Cover und der angekokelten Schutzhülle verkauft, damit die Band sich, zuvor durch Dritte zerstörtes, Equipment ersetzen könnte.
Heute, 10 Jahren später, kenne ich zumindest ein paar Lieder mehr, auch wenn ich die Band echt nicht häufig höre. Umso geiler war es dann mit dem zweiten Lied in Set „Fort von Krank“ aus voller Kehle mitsingen zu können. Ich stand mit .k und .a ganz vorne links, um den anderen Leuten die Sicht nicht zu versperren und gleichzeitig selber was zu sehen. Dort traf ich prompt auch noch auf .c und .f, die sich auf den Weg von Offenburg gemacht hatten und die ihr vielleicht von ihrem Auftritt mit den Bands Ghettotonne und Monuments to Misery kennt (Wir berichteten: „Konzert: Fatal Brutal, Monuments to Misery, Biene Banal, Ghettotonne @ Ballonfabrik Augsburg„). Wir standen also alle dicht gedrängt und EA80 hauten einen Knaller nach dem anderen raus: „5×4“, „Gugging“, „Licht“- bei letzterem rief der Sänger, Junge, „LICHT!“ und der Song brach los. Und der Saal tobte.
Der Frontmann vermittelt eine unglaubliche Energie, man hat den Eindruck, das er die Texte nicht nur aus dem Gedächtnis singt, sondern dass er jedes Wort auch so meint und fühlt. Mal ganz nuanciert und auch immer wieder komplette Ausraster, mit Grimasse und Kontrollverlust. Dabei wirkt das ganze immer völlig authentisch, das ist keine „Show“, das wirkt echt.
Und auch das ganze Zusammenspiel der Band ist dermaßen direkt und deutlich. Selbst wenn man am Anfang mal das Gefühl hatte, dass es zwischendurch etwas holpert, haben ausgerechnet genau diese Passagen einen großen Emotionsreichtum. Als wüchsen Blumen aus den Lücken zwischen den Takten.
Kurz darauf schaltet der großväterlich anmutende Schlagzeuger in einen anderen Gang und drischt die tighten Punkbeats nur so runter, während sein Mund die Gesangstexte mit formt. Es ging teilweise dermaßen nach vorne; die Kompositionen, also das Zusammenspiel und der Klang der Instrumente funktionieren bei EA80 wirklich gut. In den Liedern liegt eine Einfachheit und Klarheit, ohne beliebig zu werden und mit großem Wiedererkennungsfaktor. Ob es der gutaussehende Herr am Bass ist, oder der gestandene Leadgitarrist – die Parts sind ikonisch in ihrer Schlichtheit, Klassiker-Material vom ersten Ton an.
Nach etwa drei Vierteln des Sets wird es mir vorne sprichwörtlich zu heiß, ich verdrücke mich kurz Richtung Toiletten. Ich bin die großen Treppen schon fast unten, da stürmt ein älterer Herr mit geschorenem Kopf hinter mir her, ruft etwas. Ich drehe mich fragend um, ziehe den Gehörschutz raus. Er erreicht mich begeistert am unteren Treppen-Absatz. Mein „Frankenstein“ Patch auf der Jeansjacke sei so super! Wow, danke lieber Unbekannter im Café Central, wie herzlich ist das denn?!
Das restliche Set stehe ich dann hinten im Konzertraum, sage nochmal .fi kurz Hallo, die sich ebenfalls auf den Weg aus der Metropolregion Rhein-Neckar nach Weinheim gemacht hat. Sie hat EA80 schon damals 2012 im JuZ in Mannheim gesehen.
Die Zeitspannen der Band sind wirklich schwindelerregend. Ein weiteres Jahrzehnt zurück, in den frühen 2000ern, habe ich erstmals als junger Teenager von EA80 im Boardstein Magazin gelesen, das ich mit einer Reihe anderer aussortierter Skateboard Zeitschriften von einem Nachbarn bekommen hatte. Der Autor beschrieb den Kultstatus und die Mysterien um die Band, sowie den Kommentar seines Kollegen, „Bring dich aber nicht um, okay“, der wohl Bezug auf die Düsternis des Düsterpunk nahm. Apropos Mysterien: EA80 spielten an dem Abend im Café Central eine Zugabe, was sie, so wurde es mir damals von den alten Hasen zugetragen, im Großteil der Bandgeschichte strikt unterlassen hätten. Erst in der jüngeren Vergangenheit gab es wohl bei den Auftritten Ausnahmen von dieser Regel, was die alte Gerüchteküche um die Band weiterhin am brodeln hält.
Bei mir war indessen dann so langsam der Ofen aus. Wir machten uns zurück auf den Heimweg mit dem Zug nach Heidelberg, .s und .i machten wohl sogar noch einen Abstecher ins Carousel. Ich hingegen begab mich so schnell in die Falle wie ich konnte, um dann aber wohl ausgeruht noch das restliche Wochenende mit in dem schönen gemeinsamen Abend zu schwelgen. Vielen Dank an euch alle und bis zum nächsten Mal!
(Anmrk. von Felix.: habe ein paar Fotos der Show bei FB gefunden. Bitteschön)