konzert: EA80 / the Boiler @ Esslingen Komma

Ich hatte mir schon sehr lange kein Konzert von EA80 mehr angeschaut. War, so glaube ich, im Schlachthof-Gebäude bei der „alten Hackerei“ in Karlsruhe.
Die Konzerte werden mit „40 Jahre“ beworben. Vow.
Eine Punkband, die es ernsthaft geschafft hat über all die Jahre dem Business von Ferne zu winken und ausschliesslich das zu tun, was sie wollten. Ich glaube ALLE englischen Punkbands aus der Zeit haben irgendwann einen Plattenvertrag unterschrieben. Wir sind eben nicht in England, puh!

Ich nahm mir natürlich vor mit der neuen ProvinzPostille aufzuschlagen und die Band um ein Interview zu bitten. Die Antwort konnte ich mir schon vorher denken 😉

Gegen halb neun kam ich an, Einlass war um 20 Uhr.
Ich ging über die Strasse, traf ein älteres Punkerpärchen das mich höflich grüßte. Kurz nach mir kam ein untersetzter Kerl mit hoher Stimme auf sie zu und quatschte gleich los. Er hätte die zweite Karte noch losbekommen, Ebay, was weiß ich, sei doch supertoll. Was es heute alles gibt.
Ich ging vor den Eingang, traf die lieben Freunde von PHILEAS FOGG und unterhielt mich eine Weile über das Recording ihrer ersten Scheibe (kommt im Herbst, yeah) und anderen Kram. Es klirrte. Mein Blick ging sofort über das kleine Flüsschen auf die andere Seite. Ich sah dort einen Skinhead mit seinem Punkfreund. Sie traten mit ihren Springerstiefeln Bierflaschen kaputt.
Mein Blick folgte, mein Gedanke „die kommen ganz sicher hierher“; und sie kamen.
Sie legten sich vor den Eingang, hielten Radfahrer und andere Passanten auf, kullerten wie Käfer auf dem Boden, sprachen Frauen an mit „ich liebe dich“… ich denk, sie waren betrunken.
Auch waren sie keine 20 mehr, aber auch nicht viel älter. Schön, so ein Publikum zu treffen… wie vor 20 Jahren. Zusammengerechnet die beiden und der laute Typ von vorhin = Stress in der ersten Reihe.
Ich ging mal rein, um die Vorband „the Boiler“ zu sehen. Es stellte sich heraus, daß es eine junge Dame ist, die auf einem Synthie schrammelt und singt und obendrauf tanzt.
the Boiler @ esslingen
Ich schnupperte so zehn Minuten… Vorbands von EA80 kann man ja inzwischen entweder nur lieben oder eben nicht. Ich war heute „oder eben nicht“. Bevor ich wieder rausgehen wollte traf ich einen jungen, umtriebiger Musiken, der viel im KOMMA ist. Er schaute mit mir in den Konzertraum „hui. heute ist Ü50-Party“ und verschwand wieder ins Freie. Ich grinste. Ja, sind schon auffallend viele Eltern von der Couch gefallen und habe den Weg ins KOMMA gefunden.
Auf den zweiten Blick sah ich aber dann doch einige Jüngere. Vielleicht auch nicht mehr 20, aber auch keine 40. Nachwuchz.
Ich ging zum Plattenstand, traf Sascha, den Back-Up Trommler, der eigentlich zum Duo KLOTZS gehört und auch der Sportarzt von EA80 ist. Wir unterhielten uns, „leider“ habe ich alle Platten schon und es gab nicht Neues der Band zu erstehen. Keine LP-Box oder ähnlichen Spökes.
Martin tauchte auf und schrieb eine Setlist. Auf der Bühne heute Abend neu: der Bassist! Oddel, so nehme ich an, krankheitsbedingt im Moment nicht dabei.
EA80 @ esslingen 17.05.2019
Das Konzert ging los mit dem elegischen „fliegen“.
Sascha und ich schauten gemütlich aus der Reihe hinter dem Pogomob zu. Die Stimmung war gut, die ersten Songs von den letzten Alben „Rückkehr“ “ zum Ausgangspunkt“ und „Sommerjugend“ …. herrlich. Ein leichter Seufzer entfleuchte mir; wirklich eine gute Entscheidung hierher zu kommen.
Bevor aber die Stimmung gänzlich dem Höhepunkt entgegenstrebte kündigte Martin ein neues Album an. Oder sagen wir, den nächsten Release. 42 (!!) Songs. 13 davon jetzt in 13 Minuten.
Als alter Fernsehhase mit der Stoppuhr in der Hand, nahm ich selbige und schaute drauf.
Die Stimmung, ob der unbekannten Songs, kam fast zum erliegen, explodierte nach knappen 15 Minuten und wirklich abgefahrenen, knackig kurzen Songs wieder bei „was ist geblieben“.
Das tolle an EA80-Konzerten ist ja immer, daß sie sich auch hier konsequent daran halten nicht die Hits zu spielen. Bloß keine Publikumsgesänge. Pogo ist oke. Stagediving nicht.
Es folgten, so ich mich erinnere „Rückfahrschein“ und „Matatu“ und einige andere. Im Pogomob tat sich seit geraumer Zeit aber etwas.
Der betrunkene Skinhead hatte seine rote Jacke nach vorne geschmissen und sich in den Pit gestrützt. Der Untersetzte wurde mehrfach durch ihn und andere angerempelt.
Er drehte sch auch mehrmals um und drohte irgendwem, den er halt wiedererkannte, mit der Faust Prügel an. Ein anderer stellte sich dazwischen und hielt die Streithähne auseinander. Das alles DIREKT vor Martins Nase. Der Untersetzte ging irgendwann erzürnt hinaus, vermutlich um seinen Frust zu ertränken.
Es war also nur eine Frage der Zeit, bis Martin etwas sagen würde. Und die Ansage kam dann.
Wenn man denn schon auffallen will auf so einem Konzert, bspw durch permanentes „uahahhahhhh“ Gegröhle, sei das ja eine Sache. Auch eine, über die man hinwegsehen könne. Wenn man dann aber, zwischen alle den schwarzen T-Shirts, ein weißes T-Shirt trägt …. gibt keinen Weg daran vorbei sich anhören zu müssen, wie auffallend doof man ist – ja, wir mussten sehr lachen. Leider verstand der Angesprochene das gar nicht. Er gröhlte die nächsten Songs weiter.

Eine kurze Pause gab es, Sportarzt Sascha wurde gerufen, dann ging es sportlich weiter, ich fands wirklich super.
Klasse, daß man sich selbst nun kennt, einzuschätzen weiß, trotzdem diese energische, energetische Musik macht, viel Spaß hat und einen tollen Abend miteinander verbringen kann.
Die Setlist haben sie nicht ganz gespielt, über 90 Minuten waren es trotzdem. Ein wie immer liebenswerter Junge lehnte höflich meine Interviewanfrage ab (habt ihr eigentlich schon einen Biographen?), ebenso eine „kann ich mal ein Foto machen“-Anfrage. Ein kurzer Schnack, eine schöne Erinnerung, immer eine Reise wert

Ich freue mich auf den Release.
Dazu gibt es noch nichts zu finden, keine Vorankündigung, kein bereits veröffentlichter Songs. Nur das Vorgetragene an diesem Abend.
Verweigerungshaltung und Exklusivität.
Danke EA80.

PS: Ich nahm den Tipp, die nächste Band die ich live sehe, wie in den guten alten „alles oder nichts“ Zeiten, zu bespucken mit und werde es bei nächster Gelegenheit gegebenenfalls ausprobieren .

UPDATE
hier gibts ein video vom gig. MATATu

Autor: felixfrantic

post-deutschpunker. fanzine seit 2014. Gitarristin bei pADDELNoHNEkANU

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.