DIY or die – Etre im Osten Europas
Im Sommer 2015 hatten wir die Möglichkeit, unsere erste und bisher einzige Tour zu
spielen. Sie führte uns auf circa 6500 Kilometern 10 Tage durch den Osten Europas.
Im Nachhinein hat sich die Reise in unseren Hirnen zu einem ziemlichen Film
verdichtet. Trotzdem wollen wir versuchen, zu berichten.
Wir sind eine kleine Screamo-Band aus Hessen, die vielleicht in der mittelhessischen
Provinz zu etwas Bekanntheit gekommen ist, mehr aber auch nicht. Als uns Artem
von Cookiesounds DIY Gigs aus Odessa im Mai letzten Jahres anschrieb und fragte,
ob wir auf seinem Festival spielen wollten, freuten wir uns sehr über die Anfrage,
Odessa schien uns aber viel zu fern und zu gefährlich, denn irgendwie war da doch
Krieg. Wir teilten Artem unsere Zweifel mit, wobei wir die logistischen vorschoben.
Diese schien er nicht zu akzeptieren und in wenigen Tagen hatte er uns eine Liste
mit Städten, Venues und VeranstalterInnen, die auf unserer Route liegen könnten,
zusammengestellt. Wir ließen uns darauf ein und begannen, Menschen
anzuschreiben und weitere Möglichkeiten zu suchen. Plötzlich wurde die Idee so
konkret, dass die anfänglichen Zweifel in Euphorie umschlugen und tatsächlich
bekamen wir viel positives Feedback und die Tour stand.
Wir fragten Djaensen von unseren Freunden von Giessen Uebergrund, ob er uns mit
seinem Soloprojekt begleiten wolle und er sagte sofort zu. Auch unser Kamerakind
Simon ließ sich schnell überzeugen.
Fast am schwierigsten gestaltete sich das Mieten einer bezahlbaren Karre. Die
meisten Vermieter sträubten sich, wenn wir ihnen sagten, wohin die Reise gehen
solle. Schließlich fanden wir einen Bus in Berlin, den wir mieten konnten.
Am 17. August trafen wir uns am frühen Morgen in unserem Proberaum in der
Pampa nahe Fulda und beluden unseren Bus. Gegen Mittag wollten wir Richtung
Tschechien aufbrechen, unsere verpennte Euphorie wurde aber jäh gebremst: Der
Bus verlor irgendeine dubiose Flüssigkeit. Noch vor dem Start mussten wir in eine
nahegelegene Werkstatt abgeschleppt werden. Dort konnte das Problem in einigen
Stunden behoben werden, ob wir es bis zum Abend noch rechtzeitig nach Kutná
Hora schaffen sollten, blieb fraglich. Schließlich schipperten wir noch pünktlich in der
Kleinstadt circa 80 Kilometer hinter Prag ein, wo uns der Veranstalter Willi erwartete.
Willi, der unser Vater hätte sein können und sich auch etwas so gab, hatte es nach
eigenen Angaben vor einigen Jahrzenten von Holland nach Tschechien verschlagen,
wo er sich mit seinem Music-Club einen Traum verwirklicht hatte. Das Konzert war
kaum besucht. An der Bar im hinteren Teil des Raums saßen nur wenige Zuhörer,
die wahrscheinlich zum Inventar des Clubs gehören. Nach einigen Slivovitz mit ihnen
war die Stimmung dann aber doch ziemlich ausgelassen. Als Willi zu späterer
Stunde anfing, irgendwas von Hitler und der deutschen Geschichte zu lallen, war es
aber an der Zeit, ins Bett zu gehen. Willi gab uns Schlüssel und Adresse eine Hotels,
in dem man locker einen Horrorfilm hätte drehen können.
Am nächsten Morgen ging es im Regen weiter Richtung Bratislava. Wir kamen
gegen Mittag an und vertrieben uns die Zeit in der Altstadt. Am Abend spielten wir als
Support für die Band Jungbluth, die die Herzen der hardcoreaffinen Teile der
Reisegruppe höher schlagen ließ. Das Publikum war aber auch zu uns, die wir
deutlich poppiger sind, sehr gut. Bratislava scheint eine sehr lebendige
Hardcoreszene zu haben. Nach dem Konzert zogen wir mit Jungbluth und den
Veranstalterlnnen durch die milde Nacht. Zum Frühstück gab’s vegane Leberwurst.
Zum Fingerlecken.
Am 19. fuhren wir nach Bardejov und spielten dort in einer der exotischsten
Locations unserer Tour. Im dritten Stock eines mittelalterlichen Festungsturms hatte
ein Kollektiv von VeranstalterInnen einen runden Raum für Konzerte hergerichtet.
Wir erfuhren, dass 100-Kilometer-Fahrten zu Konzerten unbekannter Bands für
slowakische Jugendliche durchaus normal seien. Wir schliefen in dem Gemäuer,
während Fledermäuse um uns kreisten.
Gegen 5 Uhr brachen wir etwas verkühlt Richtung Schytomyr im Norden der Ukraine
auf. Wir konnten schwer einschätzen, wie lang es dauern würde, die Grenze zu
überqueren. Tatsächlich standen wir dort lange an, konnten die Grenze dann aber
passieren. Das mulmige Gefühl, das wir vor dem Grenzübertritt hatten (in Bardejov
hatte man uns von Schikanen der Grenzer erzählt), verließ uns in der Ukraine nur
kurz. Nach wenigen Kilometern auf ukrainischen Sandpisten, brach ein martialisch
aufgerüsteter Jeep aus dem Gebüsch am Fahrbahnrand und verfolgte uns. Der
Fahrer fuhr uns dicht auf, zog die Lichthupe und wollte uns wohl zum Halten
bewegen. Nach etwa einer halben Stunde, die uns deutlich länger vorkam, ließ er
von uns ab. Wer oder was, das war, können wir bis heute nicht bewerteten. Die Fahrt
durch den Norden der Ukraine dauerte lang. Die Schlaglöcher wurden größer, die
Dörfer ärmlicher. Immer wieder musste man Checkpoints der ukrainischen Armee
passieren, unsere Pässe wurden kontrolliert, es wurde gefragt, was man hier wolle
und es wurde mit Waffen aller Art gefuchtelt. Irgendwann merkten wir, dass wir durch
ein freundliches „Musicanti! Musicanti!“ unsererseits und das freigebige Verschenken
von Tourplakaten, die Sympathien der Grenzer erlangen und uns weitreichenderen
Kontrollen entziehen konnten. Im Dunkeln erreichten wir schließlich mit Verspätung
die Stadt Schytomyr nahe Kiew. Dort spielten wir in God’s Garage. Ein Clubhaus
eines christlichen (!) Bikerclubs und zeitgleich lokaler Antifa-Laden. Ziemlich
pragmatische Gebäudenutzung. Das Konzert war großartig. Wir spielten mit
mehreren lokalen Hardcoregrößen, das Publikum war kaum mit dem zu vergleichen,
was man aus Deutschland kennt. Während wir auf Konzerten höchstens mal mit dem
Kopf nicken oder Einzelne two-steppen, machte das ukrainische Publikum aus dem
Abend eine große Party. Trotz Sprachbarriere schrien einige unsere Texte mit und
auch Djaensen, dessen Musik ja noch textlastiger ist als unsere, wurde gefeiert wie
Ikke Hüftgold auf Mallorca. Leider mussten wir nach dem Konzert direkt weiter.
Unsere Routenplanung hatte sich als ziemlich naiv entpuppt.
Also weiter durch das ukrainische Hinterland Richtung Moldawien. Zur Nachfahrt:
müde, kalt, Sterne, Schlaglöcher, überproportional viele Tankstellen. Mittlerweile
roch es in unserem Bus wie damals in der Turnhallenumkleide.
In den frühen Morgenstunden erreichten wir die ukrainisch-moldawische Grenze.
Man hatte uns in Schytomyr einen relativ wenig frequentierten Grenzübergang
empfohlen. Ein ziemlich einschüchterndes Gebilde aus Stacheldraht und Beton. Auf
ukrainischer Seite antwortete uns die Grenzsoldatin in unserem Alter auf die Frage,
ob man das Tor zum Passieren öffnen könne noch mit „Why not?“. Auf moldawischer
Seite war die Kommunikation dann etwas komplizierter. Glücklicherweise hatten wir
alle wichtigen Dokumente im Vorhinein in die entsprechenden Amtssprachen
übersetzen und beglaubigen lassen. Die Stempelsammlung überzeugte und wir
durften einreisen.
Moldawien ist das ärmste Land Europas und das merkt man. In der moldawischen
Hauptstadt Chisinau trafen wir den Veranstalter des Abends und fuhren mit ihm zu
dessen Mutter, die für uns gekocht hatte. Spätestens jetzt fragte sich wahrscheinlich
jeder von uns, ob es nicht arrogant ist, als deutsche Mittelstandskids durch die
Armenhäuser Europas zu heizen und sich von Menschen, die ihr Jahresgehalt
berappen müssten, um die Miete unseres Busses zahlen zu können, bekochen zu
lassen.
Das Konzert am Abend war gut besucht. Wir spielten mit einigen lokalen Bands. In
Moldawien scheint es eine lebendige Djent-Szene zu geben. Auch wenn wir da mit
unserem Schreipop etwas rausfielen, war das Publikum ähnlich motiviert wie am
Vorabend.
Nach einer Nacht im Hostel und einer kleinen Kollision mit einem moldawischen
Gartenzaun, fuhren wir am 22. August zurück in die Ukraine nach Odessa. Die
Vorfreude war groß, denn schließlich war Artems Suicide Fest der Anlass unserer
Tour. Nachdem wir an der Grenze und an diversen Checkpoints wieder einige
Tourplakate losgeworden waren und uns ein moldawischer Grenzbeamter in
fließendem Deutsch von seiner Zeit in Ostberlin vorgeschwärmt hatte, erreichten wir
gegen Mittag das sonnige Odessa. Eine beeindruckende Metropole voller Touristen
und Luxuskarossen. Vor dem Konzert nahm sich Artem Zeit für ein kleines
Touriprogramm. Das Konzert war grandios, wir hörten viele großartige ScreamoBands und spielten vielleicht unser bestes Konzert jemals. Das Publikum bestand
aus einem Haufen Hardcorekids, die ähnlich wie schon in Schytomyr eine
beeindruckende Stimmung verbreiteten. Nach dem Konzert sprachen wir
zwangsläufig mit Artem und anderen über den Ukrainekonflikt. Kurzfassung: 1. So
eingefroren wie wir dachten, war der Konflikt zum damaligen Zeitpunkt nicht. 2. In
Odessa fühlt(e) man sich von der EU im Stich gelassen. Wir schliefen bei einem
jungen Pärchen, das extra seine kleine Wohnung für uns geräumt hatte und während
wir uns auf dem Boden ausbreiteten, die Nacht im Sitzen verbrachte.
In den frühen Morgenstunden des nächsten Tages brachen wir zur längsten Etappe
der Tour nach Brasov in Rumänien auf. Das Navigationsgerät, das bis dahin relativ
zuverlässige Dienste geleistet hatte, zwang uns, die Geländegängigkeit des Busses
zu testen und führte uns über Feldwege querfeldein. Wir verbrachten mehrere
Stunden damit, neben dem Bus herzulaufen und Baumkronen auf die Seite zu
ziehen, während einer von uns versuchte, das Gefährt im Schritttempo nicht im Sand
festzusetzen. Als wir gegen Nachmittag noch immer nicht in Rumänien waren, riefen
wir den Veranstalter des Konzerts in Brasov an und wollten eigentlich absagen.
Dieser sagte nur, er werde schon eine Lösung finden. Schließlich erreichten wir
gegen 24 Uhr die Venue. Ein Proberaum in einer alten Fabrik voller Menschen. Der
Veranstalter hatte es geschafft, mehrere lokale Bands spontan zu gewinnen, die den
ganzen Abend gespielt hatten. Auch das Publikum war geblieben.
Für den nächsten Tag war kein Konzert geplant. Wir fuhren durch Rumänien. Jede/r
die/der sagt, man könne sogenannte „Wirtschaftsflüchtlinge“ nicht tolerieren, sollte
eine Nacht in einem Wellblechhaus in einem rumänischen Dorf verbringen müssen.
Wir schliefen in einem Hostel in einer Stadt, deren Name wir vergessen haben.
Am nächsten Tag weiter nach Polen. In Tarnow spielten wir das vorletzte Konzert
unserer Tour. Das Konzert war gut besucht und die Leute waren fast so ausgelassen
wie an den Abenden zuvor. Als ein Mitglied der Hard-Rock-Vorband irgendwelche
Faschodeutschlandscheiße brabbelte, wiesen wir ihn zurecht und setzten uns mit
den VeranstalterInnen ab. Es war dunkel. Es gab Martini.
Letzter Tag: Wir fuhren nach Deutschland. In Chemnitz spielten wir unser letztes
Konzert, das uns wieder auf den harten Boden der deutschen Konzertrealität
brachte. Unser Publikum bestand aus einem Altpunk. Der fand’s so mittel gut.
Ohne pathetisch werden zu wollen, war die Tour für uns alle eine besondere
Erfahrung, die uns mit vielen liebenswerten Menschen in Kontakt gebracht, mehr
Fragen gestellt als beantwortet und uns ziemlich dankbar gemacht ha