doku: schleimkeim – otze und die ddr von unten

Zufälligerweise habe, fast auf den Tag genau, 21 Jahre nach dem Tod von Otze diese DVD eingelegt und angeschaut.
Hatte es leider zeitlich nicht, in eines der paar wenigen Kinos geschafft, in denen der Film lief. Unter der Woche und so… Schleimkeim-Doku.

Auch vorweg nehme ich: als Anfang / Mitte der 90er mein Einstieg in Punk und Hardcoremusik passierte, diese Ersthörer-Bands wie Normahl oder Abstürzende Brieftauben hinter mir lagen, hatte ich Schleimkeim abgelehnt wegen schlechtem Sound. Ohne eine Sekunde mal einen Kontext zwischen Sound und Geschichte der Band herzustellen. Ich dachte nur: was für ein Geschrammel und was macht der Sänger eigentlich mit seiner Stimme?
Nun kann ich das ja mal nachholen.

So ganz lang Rückblickend sind ein paar Songs doch recht gut gelungen und wir coverten, weil unser Trommler damals bei unsere ersten Band hünersüppchen derbe auf SK stand, „in die kneipe zur trocknen kehle„. Im Grunde haben wir aber, hier, knapp 40km von der Französischen Grenze, nicht kapiert, was „drüben“ abgegangen ist.

Nun aber zur Doku. Diese hat Jan Heck, ein vergleichbar junger Mensch, denn als er geboren wurde, steckte ich eben schon in der Pubärtätertätätät, recherchiert und gefilmt.

Jan trifft sich und spricht mit Lippe und Hagen, Höhnie (von Höhnie Records), Abse und Speiche, Geralf Pochop.
Diese Freunde, Weggefährten ein so bodenständiges Bild eines teilweise echt irren Punks zeichnen, ohne ihn zu glorifizieren. Sinngemäß sagt Speiche, dass immer etwas von Otze bleiben wird. Dass man seine Texte noch singt.
Keiner von ihnen stilisiert ihn hoch, kein Elvis oder Kurt Cobain.
Einfach Otze, aus Stotternheim.

Etwas was ich in der Doku vermisste, war mehr zur Geschichte in der DDR, wobei die Andeutungen schon ausreichend sind, denn man kann sich bspw auch und vor allem durch Menschen wie Geralf Pochop richtig tief einlesen in die Geschichte der Punks. Genügend Dokus findet ihr dazu auch bei youtube (hier mal meine kleine punk-film-liste)
Es ist so vieles, was die Wessis sich nicht vorstellen können (und konnten?), dass die ersten zwei, drei Jahre nach der Wende für Punks aus der DDR das Paradies gewesen sein müssen: jede Menge rechtsfreier Raum!
Und dann kamen die neuen Repressionen.

Ich muss das ja gar nicht einordnen.
Die Doku ist nicht überbordend poppig gemacht. Eine schöne Anmutung der 80/90er Jahre, man kriegt ein Gefühl dafür, was es gerade mal so gab zu dieser Zeit unter diesen Umständen.
Schwarz/Weiß Bilder, sehr wenig Filmmaterial und die Bilder, die Jan Heck filmt, tragen durch ihre Tristesse diesen Vibe in die heutige Zeit.

Ich find sie großartig.
Krigta hier

 

buch: Jakob Schrammel Geisler – wir konnten nicht anders

Jakob „Schrammel“ Geisler hat ein neues Buch raus.
Viel Recherche, viele Seiten, schweres Ding; in mehrererlei Hinsicht.
Es dreht sich um Gewalterfahrungen in der subkulturellen Szene von 1979 bis in die 90er Jahre. Protagonist*innen aus Ostdeutschland erzählen, teils sehr offen und direkt, was ihnen passiert ist. Es geht um Opfer wie auch Gewalttäter!

Als Schrammel war ein zweites Mal bei Dreck unter den Nägeln Podcast (Link unten). Zudem ist er den (hoffentlich) meisten bekannt wegen Heldenstadt Anders e.V. und seinen verschiedenen Publikationen.

Schrammel erwähnt in dem Podcast, wie krass ihn die Geschichten, die er sich angehört hat – er ist überall hingefahren und saß jede*r/m gegenüber – teilweise mitgenommen haben.
Grafisch ist das Buch oft ein Hingucker, da viele kleine Zeitungsauschnitte, Flyer oder Fotos verteilt sind. Man bekommt dadurch einen guten Zugang. Vieles kennt man ja aus der Szene, den Look oder andere Bands, die erwähnt werden. Als westdeutsches Punkerkind der 90er habe ich das ein oder andere damals schon wahrgenommen.

„Der freie Fall der Mauer“ ist ein knackiges, einen sehr guten Einblick gebendes Vorwort.
Die Ostdeutschen selten in rasanter Geschwindigkeit fest, dass in den Geschichtsbüchern der DDR Bullshit über die Nazi-Zeit stand. Und das man unheimlich viel nachholen durfte.
Auf der andern Seite halt „…67% unter den Lehrlingen befürworten rechtsradikale Positionen. „Deutschland den Deutschen“ und immerhin noch 46% den Satz „Ausländer raus“.“
(Zentrales Institut für Jugendorschung Leipzig 1990)
Wenn man da also eine Linie nach heute zieht, und das soll nicht verhamrlosend klingen, haben es diese Jugendlichen damals offensichtlich nicht geschafft, ihr Leben auf die Ketten zu kriegen, sondern diesen ganzen Scheiß mitgenommen. Daher die Gefahr von Rechts. Die Verläge und Parteien, die gegründet wurden und teilweise wieder verschwunden sind, nie aus den Köpfen verschwunden sind.

Einmal mehr lernt man von Menschen, die tief in der Szene stecken oder steckten, dass die Antifa keine Organisation ist. Keinen gemeinsamen CEO haben. Sondern eine Szene ein Mikrokosmos ist. Jede ist da ein bisschen für sich. Man hängt da nicht zusammen.
Irgendwer war in Leipzig gewesen und konnte mir, sofern es ihn nach Baden-Baden verschlug, eine Story von dort erzählen. Eben nur aus dem Mikrokosmos, der dort stattgefunden hat.

Exemplarisch nehme ich mal die Geschichte von Wurschtel, der zu einem Oi/Sharpskin wurde.
Und die geht unter die Haut. Aus dieser Spirale der Gewalt kommt man so einfach nicht raus, wenn man da mal drinsteckt.

Das was ich hier also schreibe ist kein Review. Es ist eine Kaufempfehlung für ein echt hartes Buch. Ein wahres. Ehrliches.
Gewalt ist nie eine Lösung. Sich aber verprügeln zu lassen, weil es eine Gegenseite gibt, die permanent durch die Gegend zog, was machst du dann: dich wehren!

 

Buch gibt es bspw. bei Black Mosquito. Erschienen bei Calypso. Ich glaube, ich hatte es direkt bei Schrammel bestellt: Heldenstadt Anders.