interview: #3 – außer ich – punkrock, siegen (r.i.p.)

Vorklapp:
Nach und nach werde ich – bis (in 2025 hatte ich euch nicht verraten, welches) Weihnachten – mal alle Printinterviews, auch längst verblichener Bands, hier online stellen. Ich pimp die noch ein wenig, Musik, Links, Fotos. IMMER DONNERSTAGS – zur Tea-Time.Auch die bereits veröffentlichten bekommen einen neuen Termin und werden angepasst.
Alle Ausgaben sind Out of Print und werden nicht wieder aufgelegt.
Ausgabe 13 eventuell in 2026!

Ein Tip von Twinky kam reingeflattert und ich stürzte mich sogleich darauf. Das Punkrockende Trio (Matze, Dennis und Thomas kommt aus Siegen. Die LP / CD „Punkmonium“ ist nicht ihre erste Scheibe, aber die Erste, die eben bei mir reingeflättert kam.
Da der Etat für Reisen bei der Postille extrem zusammengekürzt wurde, schickten wir uns das Frage-Antwort-Spiel einfach hin und her.

PP:
Hallo ihr! Heisst das nicht „außer sich“? Oder „außer mir“?

Thomas:
Evtl. waren wir ja zu denk- und recherchefaul um den korrekten Terminus zu benutzen, aber vielleicht war uns dieser Umstand bisher auch noch gar nicht bewusst, weil wir vorgeben aus bildungsfernen Schichten (um die Streetcredibility zu erhöhen…) kommen.
Matze:
Wir setzen dass, bewusst falsch ein, um zu irritieren.
Dennis:
Für mich war das immer eine deutsche, schwächere und grauere Form von AGAINST ME. Da in Deutschland eh alles etwas grauer ist, sogar der Punk. Man kann sich aber auch einen Doppelpunkt zwischen „außer“ und „ich“ vorstellen. Es ist aber definitiv nicht: „außer sich“ oder „außer mir“

PP:
Ich habe eure Scheibe „punkmonium“ gleich mehrfach durchgehört. Gefällt mir nämlich. Viel Distortion auf der Klampfe, ist ja nicht mehr so gefragt in letzter Zeit. Es geht ja mit „eins, zwei“ recht frustriert los über unsere digitale Gesellschaft.
Wieso stört euch das? Glaubt ihr nicht, daß die Digitale eine unabdingbare Entwicklung ist?

Thomas:
Genau genommen geht es in dem Text darum, dass sich die Menschen so verhalten, wie es von ihnen erwartet wird, dadurch entsteht quasi eine äußerliche und charakterliche Deckungsgleichheit. Objektiv betrachtet ist das Einheitsbrei, subjektiv gesehen, behauptet man, daran nicht beteiligt zu sein, richtig ist aber, dass man mittendrin steckt. Und nur weil
man etwas kritisiert, heißt das ja nicht, dass man sich von der Kritik ausnimmt.
Matze:
Die digitalen Medien sorgen dafür, dass wir daran teilhaben, wie besonders
sich einige fühlen, obwohl diese Besonderheiten kaum noch sichtbar werden. Für das Punkkonzert entscheidest du dich letztendlich doch für die Vans. Selbst wenn man sich bemüht, anders zu sein, landet man in einer Schublade auf der dann vielleicht steht „Leute, die zwanghaft versuchen, anders zu sein“.
Jeder bastelt am Paninialbum seines Lebens auf Facebook. Jetzt haben wir
es schon wieder getan.

PP:
Ist nicht auch heute Punkrock zu machen etwas irre Konservatives geworden?
Die ewige Kritik von schlauen Bands, die kaum jemand hört, und all den PopPunkBands, die die eingängigen Hits raushauen und die Konzerte abgreifen.

Thomas:
Über Punkmonium wurde einmal nicht zu Unrecht sinngemäß geschrieben, dass das Album zu seicht für die einen und zu rau für die anderen sei. Es gäbe somit kaum einen Markt für solche Musik. Textlich sieht das ähnlich aus. In unseren beiden Alben haben wir ernste und auch nicht ernst gemeinte Texte. Oft fällt mir bei Punkbands auf, dass sie entweder das eine oder das andere bedienen. Vor allem dann, wenn sie vergleichsweise erfolgreich sind.
Wir haben das nie so richtig verstanden, weil meiner Meinung nach die Texte aus dem Bauch heraus entstehen und nicht schablonenartig wirken sollten.
Es werden ja eigentlich Gefühle in Texten abgebildet und in der heutigen Gesellschaft ist kaum jemand ausschließlich wütend, traurig, verletzt, lustig oder sonst was.
Wir haben eher das Gefühl, dass der Schlüssel zum Erfolg aktuell heißt, intelligent zu wirken. Kryptische Texte: Personalpronomen streichen, ein zwei Wortspiele, rethorische Fragen mit Pathos raushauen als hätten sie Bedeutung.
Das ist wirklich keine Kunst, aber erfolgreich. Konkrete Texte zu schreiben ist unserer Meinung viel schwieriger. Vor ein paar Jahren hatten alle auch noch mehr Humor, da gabs keine LP ohne nicht mindestens einen witzigen Sample aus einem Film oder einer Serie.
Um auf deine Frage zurück zu kommen: Konservativ finden wir das nicht unbedingt, aber irgendwie absurd.
Konservativ finden wir die Tatsache, dass zu viele Leute bei Konzerten absichtlich Vorbands verpassen, ohne sie vorher mal gehört zu haben. Wir arbeiten aktuell daran, die beste Vorband aller Zeiten zu werden, aber das ist leider auch ziemlich konservativ.

PP:
Was du ansprichst mit der „marktkompabilität“ kenne ich sehr gut von meiner eigenen Band. Da gab es die Zeit, wo das mit den Photoshopcover immer populärer wurde.
Früher konnte man die Musikrichtung noch am Cover erkennen. Wir haben dann nen Punk, der ne Mülltonne schmeisst aufs Cover gemalt. Da wurde dann sofortgeschrieben: Boa hey, das Cover sieht aus, als wären da die HannenAlks oder BecksPistols drin.
Wir Szenegreise (alle Ü30) machen viel Meinung. Auf der anderen Seite guck
en wir uns heute noch Bands an, die vor 25, 30 Jahren schon tourten.
Zurück zum Interview:
Manche eurer Lyrics haben eine gute Kraft, obwohl sie sich in melancholischer, sehnsüchtiger Verzweiflung suhlen. „setz dich mit dem Ipad an den Strand und schau dir dabei Fotos an; vom Meer“
Wer schreibt die Texte? Woher nehmt ihr die Inspiration dafür?

Thomas:
In dem Refrain von „Fotos“, den du ausgewählt hast, wird eine ziemlich absurde Situation beschrieben. Solche Situationen sind häufig Inspiration für die Texte. Letztendlich ändert sich aber sowas mit der Zeit und die Texte hängen stark von dem jeweiligen Geschmack zu dem Zeitpunkt ab.
Bei den ersten beiden Alben wurden oft selbst erlebte Situationen aufgegriffen und meistens überspitzt weitergesponnen oder Stereotypen thematisiert.
Bei den neuen Sachen geht es vielmehr um Menschen in emotionalen Extremsituationen, die stellvertretend für gesellschaftliche oder persönliche Zustände stehen können. Wir finden die Entwicklung unserer Texte, besonders im Wissen derer des kommenden Albums gut.

PP:
Wie geht’s weiter bei euch? Ein weiteres Album in Planung?

Matze:
Tatsächlich haben wir vor kurzem ein neues Album aufgenommen. Vorher gibt es aber noch eine Split 7inch mit Senor Karoshi. Wenn das alles draußen ist, hoffen wir, vor allem mal mehr Konzerte spielen zu können.
Wie das geht, konnten wir aber bisher noch nicht herausfinden. Das kann natürlich daran liegen, dass wir die digitale Entwicklung eher als stille Beobachter an uns vorbeiziehen sehen.

PP:
Tausend Dank für das Interview. Wir hören uns!

Nachklapp:

Außer Ich Discographie:
2011     von vornherein schade CD
2014    punkmonium LP (review)
2016    split 7inch /w Senor Karoshi (review)
2017    split LP /w Guilo Galaxis, Duesenjaeger, Disco // Oslo (review)

dieses famose Video haben sie zur LP rausgebracht!

Auf ihrem Kanal gibt es die erste CD komplett zu hören und einen Vorgeschmack auf ein Album, welches in 2016 dann nicht mehr kam.

 

Autor: felixfrantic

post-deutschpunker. Chef-Redakteur bei ProvinzPostille (Fanzine, Online-Mag) seit 2014 Gitarrist*in bei pADDELNoHNEkANU (Punkband) seit 2002 CEO bei Krachige Platten (Label) seit ewig Redakteur bei Vinyl-Keks (Online-Mag) seit 2019 "Irgendwas mit Medien" bei Lautstarke Filme (Videoclips) seit ewig Labertasche bei Plattenschau Podcast seit 2023

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