interview: #3 loser youth – punk, hamburg

Vorklapp:
Nach und nach werde ich – bis (in 2025 hatte ich euch nicht verraten, welches) Weihnachten – mal alle Printinterviews, auch längst verblichener Bands, hier online stellen. Ich pimp die noch ein wenig, Musik, Links, Fotos. IMMER DONNERSTAGS – zur Tea-Time.Auch die bereits veröffentlichten bekommen einen neuen Termin und werden angepasst.
Alle Ausgaben sind Out of Print und werden nicht wieder aufgelegt.
Ausgabe 13 eventuell in 2026!

 

Irgendwo im Inter-Netz schwirren Töne ohne Ende.
Und am richtigen Ende zieht man dann, wie an einer Schnur,
folgt, hört, schmeisst weg, verheddert sich, bleibt hängen,
hat irgendwann ne scheißcoole Scheibe in der Hand.
So geschehen bei LOSER YOUTH.
Ein kleine Tapeslabel namens UGA UGA TAPES hing mir am Haken
und ich bestellte mir das Magnetband von LOSER YOUTH.
Andreas hat mir ein paar digitale Fragen beantwortet:

PP:
Ich bin aufmerksam geworden auf euch mit dem Taperelease „live in der Elbdisharmonie“. Ist ja doch eine Weltreise von Hamburg nach Bühl. Da kriegt man dann immer nur die kleinen Häppchen der maroden Republik mit. Wie marode seid ihr?

LOSER YOUTH:
Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Frage richtig verstehe. Laut Google beschreibt das Wort ‚marode‘ ja den Zustand, dass man durch sein Verhalten zugelassen hat, dass etwas unbrauchbar und schlecht geworden ist.
Dass die Welt so kaputt ist, wie sie ist, liegt bestimmt mit daran, dass viele ihren Arsch nicht hochkriegen um was dagegen zu tun. Das fängt beim aktuellen Rechtsruck an und geht hin bis zur Zerstörung unserer Umwelt. Wir geben uns da allerdings schon ein bisschen Mühe, der ganzen Scheiße etwas entgegenzusetzen. Das ist aber auch immer nur im Rahmen unserer Möglichkeiten und unserer Motivation. In dem Sinne würde ich sagen, dass wir vielleicht nur moderat marode sind. Ist das in etwa, was du hören wolltest? „wink“-Emoticon

PP:
Ich denke da so wie Du. Es ist halt manchmal nicht klar, ob „die anderen“ einen dazu treiben, alles kaputt zu machen, oder ob man es ganz von allein tut, nur weil man halt so ein „Mensch“ ist. Esgeht dann halt doch weiter(:)
Das Cover eurer Platte zeigt euch auf dem Spielplatz. Was macht ihr da? Die eigentlich spannende Frage ist ja, wo guckt ihr hin?

LOSER YOUTH:
Ah, das Coverfoto. Das ist in Hamburg-Eidelstedt aufgenommen, wo wir aufgewachsen sind. Ganz ulkige Geschichte. Wir haben uns da einfach so spontan getroffen und ein paar Löcher in die Luft gestarrt und – ZACK – hatten wir ein Cover. Da ist nichts gestellt dran!!

PP:
„AstroPunksFuckOff“?

LOSER YOUTH:
Es geht in dem Song darum, dass Astrologie scheiße ist. Genauso wie Verschwörungstheorien, Religion oder diese neurechten Montagsmahnwachen. Versteh ich gar nicht, warum Leute bei soviel
Mist mitmachen.

PP:
Wie geht’s weiter bei euch? Mal ne Reise machen? Musik für ne neue Scheibe?

LOSER YOUTH:
Wir nehmen gerade ne neue Platte auf, die kommt irgendwann dieses Jahr bei Riot Bike Records raus – geiles DIY Label aus Norderstedt! Ansonsten spielen wir mal hier, mal da, wie man das halt tut als Punkband. Im Juni sind wir wahrscheinlich in der KTS in Freiburg, das ist ja quasi um die Ecke von Bühl, oder?

PP:
Jo isses! Wir werden weiterhin darüber berichten!
Danke fürs schreiben!

Nachklapp:
das ist dann wohl diese Platte geworden:

Die Band gibt es aktuell immer wieder. Thommy macht nur ganz doll viele andere Projekte und Bands, hier gibt es so einige im Review auch. Aktuell würd ich sagen Briefbombe und apéro. Beide Bands im Review hier und hier.
Was die andern in der Band so treiben, das weiß ich nicht.
In jedem Fall ist auch noch ein 15 Jahre Jubiläumszine raus, mit Interviews … warte mal… wieso ist denn dieses da nicht drin?
Hatte wohl keiner mehr!

LP: anti-corpos – backlash

Erstmal: saucooles Cover!
Und als die Musik läuft hab ich Bilder meiner Jugend vor Augen.
In den 90ern gab es einige Bands, leider meistens ohne weibliche Beteiligte, die einen derart krassen Lärm gemacht haben.
Damals gab es den Begriff Screamo auch noch nicht.
Aber laute Gitarren, Wände aus Zorn durch Mirkofon geschrieen, gerufen, und in diesem Fall von Anti-Corpos auch gesungen, Drums die Schläge richtig wegknallen.
omg. I love that!

Anti-Corpos sind eine all-female, queer-feministische Band aus Berlin, die ihre Ursprünge in Brasilien hat.
Ich bin fassungslos begeistert von dieser Band!
Der stürmische Sound, von drei Frauen in einer Düsternis und Energie vorgetragen, dass mir die Spucke erstmal wegbleibt.
„backlash“ ist das Resultat von 20 Jahren gemeinsamer Bandgeschichte, Anti-Corpos sind komplett an mir vorbeigegangen, bis jetzt!
Zeitweise waren sie wohl mal auch zu viert, wenn ich die Fotos richtig deute. Ich tauche tiefer ein ins Internet für eine Recherche.

Es ist nun also keine Band, die aus #punktoo oder aktuellen Diskussionen und Diskursen über den Anteil von Frauen in der Punkszene und der sehr männliche Umgang mit ihnen, entstanden ist. Diese Frauen stehen schon sehr lange genau dafür ein: ihre Rechte, ihre Lautstärke, diese vorzutragen. Sie haben sich 2002 in Brasilien gegründet und sind inzwischen in Berlin ansäßig.
Diese queere Band ist, ich habe mich kurz mal durch ihre üppige Diskographie bei Bandcamp gehört, gewachsen und ganz sicher lauter und wütender geworden. Sie haben wohl eher mal mit Straight-Edge-Hardcore angefangen, als mit dem dystopischen Hardcore, der auf dieser Platte seinen Ausbruch gefunden hat. Das liegt vermutlich am Weggang der Sängerin und der Gitarristin, denn nun haben sie eine neue Gitarristin, die das Trio komplettiert.
Adriessa Souza – Vocals/Bass (Eat My Fear, Dominatrix), Helena Krausz – Drums (Eat My Fear, Gegenüber), and Irem Kara – Vocals/Guitar, seit 2022 (Nervöus, Hoarse)
Der Sound ist richtig heavy und maximaler Output. Abwechslungsreich in den Vocals. Inhaltlich, „backlash“ bedeutet Gegenreaktion, ganz klar gegen Männlichkeit, gegen Rassismus und pro feministisch, vor allem aber mit einem Augenmerk darauf, als Südamerikanerinnen hier im weißen Europa unterwegs zu sein.

Triggerwarnung wg. Strobo-Effekten:

Das Label No Gods No Masters ist von Anfang Teil ihrer Reise. Und das ist eben in Brasilien angesiedelt. Ich kenne zwei Bands, die ich entdeckt habe, Renegades of Punk und Àgua. Give it a listen!
Zusätzlich sind Refuse Records (Europa-Release) und Emancypunx beteiligt.

Für meinen Teil als Mann empfinde ich die Musik von Anti-Corpos als Testo-geschwängerte, verzerrte Hardcoremusik, die den männlichen Kollegen in nichts nachsteht. Nur die Inhalte der Texte sind klar anders und sehr direkt formuliert.
Wie bspw in dem oben eingefügten Video.
Die erste Seite ist in meinen Ohren etwas bedachter, sie hat mehr Druck und Power im Sinner einer Tanzbarkeit. Und die zweite Seite ist mehr nach vorne gespielt, mehr geknüppelt.
Adriessa und Irem teilen sich die Vocals und das passt ins musikalische Konzept total gut rein. Es ist „nicht einfach nur“ wütend, sondern es knallt.
Meist kreisen die Songs um die zwei Minuten und Anti-Corpos holen im Songwriting raus, was in der Kürze der Zeit geht, fügen noch eine ordentliche Prise Gitarrenkrach dazu. Manchmal am Ende eines Songs ein kleiner Twist, der gut funktioniert und ein I-Tüpfelchen ist.

„scream for a change“ erzählt in einer persönlichen Weise von den dissonanten Akkorden, die man rausschreit, in seiner winzigen Welt, in der man unterwegs ist, man aber von diesem Wechsel träumt! Das unter der Oberfläche von Normen, von der Vorstellung von Körpern und Geschlechtern, dass es darunter eine Welt gibt, die ausbrechen sollte, Wirklichkeit werden!
Das, was viele falsch verstehen und dann als Linke Diktatur bezeichnen, aus Gründen der Ahnungslosigkeit „woke“ nicht verstehen wollen. Das diese schöne Welt, diese Liebe zum Vorschein kommen sollte; so hart und brutal sie sich auch mal anhört!
„migrant heart“ kann ich total nachvollziehen. Dass das Herz, dass aus einem anderen Land kommt, die Kälte sieht, spürt, die gerade immer größer wird in der Gesellschaft.

9 Songs. Emotionale Brachialität. Super produziert. Hochglanzcover. Schwarzes Vinyl und Textblatt. Gibt es auch in zwei farbigen Varianten bei Refuse Records (Link oben!)

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