LP: cios – caveman traditions (Печерні традиції)

Von Abbruch Records habe ich ein paar echt tolle Platten geschickt bekommen und diese hier voll vergessen.
Wie konnte ich nur?

CIOS sind eine ukrainische Streetpunkband, die es schon so einige Jahre gibt und bisher gar nicht auf meinem Radar auftauchten. 2012 sind bereits die ersten 9 Songs erschienen.
Das Cover ist echt cool und ansprechend. Ich denke sofort an Kriegstote, an Geschichte, die am liebsten verbuddelt wird und nie mehr auftauchen sollte.
Das Trio hat unter den gerade herrschenden Kriegsbedingungen also ein direktes und ehrliches musikalisches Zeitdokument aufgenommen und veröffentlicht.  Übersetzt heißt der Titel „steinzeitliche traditionen“.
Sie beschreiben unheimlich von ihrem Schicksal, ohne dabei pathetisch oder hochemotional. Sie sind wütend und direkt.
In einem Review habe ich gelesen, CIOS würden klassischen Punkrock machen. Was bitte ist denn klassischer Punkrock?
Ist das Ramones oder Sex Pistols?
Jedenfalls hat mich „war for war’s sake“ direkt mitgerissen. Was ein toller, simpler, maximal das minimalistische Songwriting und Riff nutzend, Song! Aus einem Riff bauen sie eine „klassische“ (hüstel) Strophe, bleiben auf diesem Riff und geben ihm im Refrain ein Break und eine Hook zum niederknien. Trocken. Direkt. Dazu der Inhalt der Lyrics.
Im Juli 2025 erschienen.
Manchmal erinner mich der Gesang von Punkrat an Motörhead, is halt so PunkRock mit Oi und ordentlich Rotz von der Strasse.
Es wird schön im Midtempo alles durchgezockt. Klar, es könnte auch mehr ballern, aber warum? Da könnt ihr bspw in Moratory reinhören, auch eine Band aus der Ukraine, die ordentlich aufs Gaspedal treten.
Einige Songs sind auf Englisch, dazu Russisch und Ukrainisch.

CIOS sagen dazu:
wir haben unsere Sicht unsere Emotionen und unsere Wut in dieses Album gesteckt, in diesen Zeiten voller Lügen, Heuchelei und Betrug, wollen wir so ehrlich wie möglich zu euch sein.

Der Wehrdienst soll hier ja auch wieder kommen.
Und scheinbar haben wir aus all den blutigen und menschenverachtenden Konflikten der Vergangenheit keine Lehren gezogen, die uns davon abhalten könnten, nicht auf andere zu schießen oder ihnen größtmögliches Leid anzutun. Das Humanismus, Frieden und Freiheit und eine Leben ohne Herrscher, ohne Kriege und menschgemachte Katastophen ein feuchter, sorry, ferner Traum von so linksradikalen Öko-Aktivist*innen bleibt. Schade.
Steinzeitliche Traditionen.
10 Songs. Vinyl kommt in gelb, was prima zu dem roten Cover passt. Ein echt aktuelles Album in 2025 – für mich erst jetzt, dafür umso empfehlenswerter.

Platte gibts beim Label. Aber auch bei den Coop-Labels Smith & Miller und pasidaryk pats records (Litauen)

 

7inch: angry youth elite – unite & fight

Angry Youth Elite ist eine Skatepunkband aus dem Ruhrgebiet.
Und diese 7inch ist irgendwie zwischen ein paar LP’s gerutscht und ich hab die einfach nicht mehr gesehen. Blöd.
Aber nu issie aufm Teller und ich berichte:

vier Songs sind auf dieser 7inch drauf, 2023 kam ein Album, dies also ein aktuelles Lebenszeichen. Sie spielen wohl recht viel und sind über die deutschen Grenzen hinaus bekannt.
Angry Youth Elite ist Musik für freundliche Menschen. Midtempo-Skatepunk, der auf der ersten Seite etwas melodischer und bejahender klingt als auf der zweiten. Da geht es etwas melancholischer zu, nicht weniger melodisch!

„no more fear“, das letzte Stück ist sehr geradeaus. Skatepunk im Sinne von Fat Wreck Chords.
Insgesamt dreht die 7inch unglaublich schnell und vor allem kurzweilig ihre Runden, doch bei mir bleibt nach dem dritten Hören immer noch nicht wirklich was hängen. Ja, bin ja auch eher der Deutschpunker, aber auch nicht doof, gell. Allerdings steck ich halt in amerikanischen Skatepunk so gar nicht drin.
Was ich aber sagen kann, ist: die Band hat ein echt gutes kurz & knackig Songwriting drauf. Sie spielen auf den Punkt und ist super produziert!
Sicherlich stehen sie den genannten Bands (Good Riddance und Millencolin), die im Werbetext genannt werden in nichts nach, würde ich sagen!
Was nicht dabei ist: ein Booklet oder Textblatt. Ich komme in dieser Kürze inhaltlich gar nicht so mit. Wobei mir eben bei solcher Musik genau die politische Attitüde im ganzen positiv konotierten musikalischen Fluss recht schnell dahinter verschwindet.

Wie auch immer. Meine Meinung muss ja nicht die eure sein: heißer Shit. Greift zu, wenn ihr auf melodischen Skatepunk steht!

Erschienen via Bakraufarfita Records.
Diese 7inch kommt in verschiedenen Farben und Looks, Eco-Vinyl.
Da steht „limitiert“ – ich bin bei 500 Stück allerdings bei der üblichen Menge an Platten. Mehr macht doch heute eh keiner mehr, oder?

 

LP: distance – le décor

Die französische Band Distance, ich habe das Cover gesehen und dachte „das ist doch was für mich“.
Und ich muss leider, da das Album schon ne gefühlte Ewigkeit raus ist, trotzdem sicherlich an einigen vorbeigegangen sein wird, gestehen, dass ich die Platte erst letzte Woche endlich zugeschickt bekommen habe.
Und ich bestehe auf mein Foto, auf dem ihr die Platte sehen könnt, wie sie ist, wenn sie denn in der Plattensammlung steht.

Die Gitarre fräst sofort eine schöne 77er Melodie, haben aber ordentlich Delay und Hall im Sound, da brezelt der Bass mit Distortion dagegen und gemeinsam mit den Drums ergibt das dann schon einen guten Midtempo-Druck.
Die Stimme ist ungewohnt hoch für eine Post-Punk-Band, was, denke ich, ein Alleinstellungsmerkmal ist. Auf der Platte sind namentlich nur Kürzel, im Netz ist leider nichtmal ein Livevideo geschweige denn ein Videoclip zu finden. Immerhin: Insta!
Das Artwork hat mich, wie gesagt, schon direkt angesprochen und ich vermutete exakt das darauf, was auch drin ist. Das passiert mir nicht oft, zwinker.

Distance spielen also hochmelodischen Postpunk, 77er Punkkante, total gut gespielt und äußerst tanzbar. Gefällt mir richtig richtig gut.
Sabotage Records.

 

Zum Abschluß:
meine Plattensammlung ist beträchtlich angewachsen.
Durch Zukäufe, Neuerwerb oder die vielen Reviews, die ich hier mit Freude schreiben darf.
Ich habe alle Releases mal bei Discogs eingestellt, die nicht bleiben wollen und versuche die Labels nicht zu unterbieten! Würde mich sehr freuen, wenn die ein oder andere Scheibe/MC  einen neuen Besitzer*in finden würde.

video & LP: attila reißmann – lila / bunkerkonzert / welive #16

Wo soll ich anfangen?
Attila kenne ich schon eine Weile von seiner anderen Band namens Heisse Projektile und Confused gibt es auch noch. Er kommt aus Lahr und wir spielten im Oktober einen Gig zusammen in eben jenem Bunker 108, in dem er auch dieses Live-Video produziert hat zum Release seiner Solo-Platte „lila“.
Wir kamen an dem Abend ins Gespräch und ich stellte mit Erstaunen fest, dass er ein recht umtriebiger Musiker ist, allerdings, so wirkt es für mich, nur in Lahr (südwestliches Baden-Württemberg) – und das ist schade!

Beginnen wir aber mit der LP, die kam vor dem Video im Mai 2025 raus. Im Eigenverlag und auch im eigenen Vertrieb.

Das Album, wie auch das Konzert, beginnt mit „leber liebe ungewöhnlich“, ein netter Einstiegssong, doch mit dem zweiten Stück „kleinstadtromantik“ kommt das, was er über das ganze Album mit seiner Band durchzieht: coole, entspannte, leicht poppige Akustiksongs, die sehr gut arrangiert sind.
Mal verträumt, mal sehr ernst; es geht ums Verliebtsein, miteinander leben, manchmal auch nebeneinander herleben. Um die Gegend und die Umstände, in denen er sich befindet, auch musikalisch. Das Punk halt auch so sein kann, wie er das präsentiert.
Da hat er nicht unrecht, allerdings fehlen mir dazu dann doch die klaren Ansagen in den Lyrics.
In „dein punk“ geht es genau um dieses ambivalente Verhältnis. Punk zu sein, aber halt nicht so auszusehen oder das permanent Repräsentieren zu wollen.

Ein wirklich guter Satz fällt mir bei „dach der welt“ auf:

in dieser welt in der wir hier leben
sind wir das problem

Ein grundsympathisches, leidenschaftliches und dennoch in sich ruhendes Debüt!
Attila hat dem nicht nur seinen Namen gegeben, es gibt doch auch eine wirklich gute Backing-Band, die, wenn ich das richtig gesehen habe, auch komplett beim Livevideo beteiligt sind.

Ich habe keine Kritik daran, so soll sich der folgende Absatz nicht anhören:
Ein wirklich insgesamt sehr professionell gemachtes Video. Eine sehr gut eingespielte Band präsentieren mit einem gänzlich gut aufgelegten Attila Reißmann das komplette Album.
Allerdings fehlt mir das Publikum. Mehr Atmo, mehr Menschen, die da mal vor Freude im Dreieck hüpfen – also das „Leben“ auf diesem Konzert.
WeLive haben den ganzen Ruschel in den Bunker gepackt und das LiveKonzert aufgenommen. Auch Ortsansässige!

Man kann sagen: ein regionales Produkt.
Wo ihr das bekommt, ist eine wirklich gute Frage, denn bei Bandcamp habe ich dazu leider nichts gefunden. Auch keinen Shop im Netz.
Vermutlich direkt bei Facebook oder bei Insta.

 

buch: grit lemke – kinder von hoy

Um es mal so anzufangen: auf verschiederlei Kanälen, Gesprächen, habe ich mich schon mit den Ereignissen in Hoyerswerda auseinandergesetzt, die Anfang der 90er diese Stadt krass in den Fokus rückten.
Der offene Rassismus und die Gewalt in der Stadt gegen Flüchtlinge war unfassbar. Die Eskalationsstufe, die damals erreicht wurde, die unerträglich war und sehr schwer in den Griff zu bekommen.

Durch eine Freundin geriet mir nun dieses Buch „kinder von hoy“ in die Hände, über das ich nun ein paar Zeilen verlieren möchte.
Grit Lemke ist eine Autorin und Dokumentarfilmerin. „kinder von hoy“ ist ein dokumentarischer Roman. Kann man das Roman nennen? Es sind viele Zeitzeugen, die eine Stimme bekommen in diesem Buch.
Anfangs empfand ich das tatsächlich als superanstrengend, es zu lesen.
In der Chronologie der Jahre erzählt, wie die Stadt entstanden ist, springen die Aussagen der Interviewten Zeitzeugen allerdings, dazu Worte, die man halt als alter Wessie nicht kennt, oder nur teilweise, dazu dann keine Erklärung oder Glossar. Ohne groß Fließtext, immer wieder Unterbrechungen kommt ein Fluß im Grunde erst gegen Ende ins Buch; die letzten 50 Seiten habe ich dann „gefressen“.

Alles in allem war es wie bei einem Film, den man schon ein paar Mal gesehen hat, oder bspw die Lebensgeschichte von Elvis: ich wusste, worauf es hinauslaufen wird. Und ich weiß, dass das kein gutes Ende nimmt.
Das Buch zeigt ungeschönt die Seite der Bewohner. Menschen, die nicht im „westlichen“ Sinne „links“ waren, aber so gesehen wurden, sich auch bereitwillig auf die Seite der Linken stellten – und in einen Zwiespalt gerieten. Zwischen freiem Leben, Aufbruchstimmung und Gewaltexzessen auf beiden Seiten.
Der Westen, der dorthinkam, der die Rechtsradikalität mit auch krass beschleunigt hat. Der alte Osten, der nie etwas gegen den schwelenden Rassismus getan hat.
Das alles war Zunder genug, um ein lichterlohes Feuer zu entzünden.

Das starke Artwork ist schlicht und treffend.
Der Untertitel ist „Freiheit, Glück und Terror“.
Bedauerlicherweise ist ja damals nicht nur ein Mensch „zu Schaden gekommen“, sondern umgebracht worden. Und dieser rechte Terror wurde nie aufgearbeitet. Immer wieder wird auf den Linken rumgehackt, sie seinen gewaltbereit. Heute noch.
Und ich kann mich auch sehr gut an die 90er erinnern – zu der Zeit war einiges an Straßenkämpfen in der Hafenstrasse schon gelaufen – in der wahrlich keine Seite zimperlich war. Die Bullen nicht, die Rechten nicht, und die Linken, Autonomen, auch nicht.
Seitdem hat sich einiges beruhigt, gefestigt, weil es Strukturen gibt, in den jemansch leben kann.
Und nun sind sie wieder da: die Neider.
Das, was wir heute sehen können sind die Ergebnisse dessen, was die Menschen in Hoyerswerda in ihrem Kosmos erlebt haben.
In meiner Welt ein famoses Buch. Lest es!

 

Nachklapp:
Die, wie soll ich sagen, Gesamtzeit der Wende, die Baseballschlägerjahre, da habe ich auch eine Doku durchgeschaut, die ich euch auch noch mit ein paar Worten vorstellen werde.
Klar, das Buch ist schon eine Weile raus, die Doku auch, es ist nichts „aktuelles“ – aber das Thema! Das wird so lange aktuell bleiben, solange der Braune Sumpf in Deutschland nicht endlich auch, mit der Erkenntnis der Notwendigkeit, aus der Mitte der Gesellschaft, trocken gelegt wurde!

buch: Claus Oistric – als der vorhang fiel (punk in wien)

Mein schlechtes Gewissen hat mich echt über Monate geplagt. Dieses tolle Buch neben meinem Bett zu haben und einfach mal nullkommanull zum lesen zu kommen…. erstmal: es ist ein echt flüssig geschriebenes Buch.
Zumal kann man es ja lesen, wann man will!
Zum andern: ich war einfach irre viel mit der Arbeit unterwegs, Kinder, Band, Provinzpostille, Vinyl-Keks, ich kann ja manchmal gar nicht Nein sagen, wenn es um Musik geht; nur das Lesen, das bleibt dann auf der Strecke.

Mir Wien verbindet mich eine fantastische Klassenfahrt, ein Besuch in einem Comicladen und die Entdeckung von Sin City von Frank Miller ebendort. Dazu lebte meine Schwester ein paar Jahre in Wien.
Leider bin ich schon ewig nicht mehr dort gewesen.
Dafür kann ich nun, buchstabengenau, nachlesen, was in meiner Jugend, ca 900km weiter östlich, in Wien abgegangen ist.

Claus Oistric, der Autor dieses Buches, ist nicht sehr viel jünger als ich, beginnt in den 70er Jahren, das mit den 90ern im Titel ist also ein wenig irreführend, es Bedarf aber den Anfang, damit man einen chronologischen Einblick in die Szene bekommt.
Klar, manches entwickelt sich einfach über Jahre, Protagonist*innen kommen und gehen oder entwickeln sich halt weiter. Spielen nicht mehr in einer Band sondern veranstalten Konzerte o.ä.
Interessant ist der Fakt, dass Wien ja nur durch die Donau und ein paar Kilometer getrennt vom Ostblock liegt. Man behauptete lange, dass dort eine „tote Stadt“ zu finden sei.
Ende der 80er ging es dann los. „Alle“ waren auf der Durchreise in Wien und / oder machten Zwischenstation. Claus vergleicht das mit einer Netflix-Serie, die in die vierte Staffel geht. Zu jeder Zeitperiode ließe sich eine drehen. Warum eigentlich nicht?
Es wäre mal was, was ich UNBEDINGT ansehen würde wollen; und nicht aus Langeweile dann halt mal anschauen.

Leider findet sich zu manchen Bands so gar nichts im Netz, sodass man ein Hörbeispiel in die Ohren bekommt.
Da waren die Bands in der Ex-DDR wohl irgendwie einfallsreicher oder besser im archivieren ihres Oevres.
Ein paar Bands kenne ich, wie zB Truemmer sind Steine der Hoffnung. Die allerdings auch eine LP raus haben, die in meinem Besitz ist.
Die meisten Bands aus den 80er Jahren sind mir nur entfernt bekannt.
Kulta Dimentia, Pöbel, Target of Demand, Extrem, Bloody Mary, Programm C, Die Böslinge.

Wie auch immer, ihr könnt über Konzerte, Hausbesetzungen aber auch Clubs in denen erste Shows stattfanden lesen. Einige Fanzines, wie auch namhafte Veröffentlichungen werden erwähnt.
Alles ist recht kurzweilig geschrieben und ab und an mit einem Foto „belegt“.
Ich finds gut!

Claus Oistric, „Als der Vorhang fiel. Punk im Wien der 90er“. € 22,– / 180 Seiten. Verlag Glitzer & Grind (hat sich ohnehin der Musikszene Österreichs verschrieben) / Milena (Link zum Kauf.), Wien 2023
Klar, gibt es auch in einschlägigen Buchhandlungen.

LP: Bambix – what’s in a name (reissue)

Zum 25-jährigen Jubilat bringen Bakraufarfita Records ein Reissue der Bambix Scheibe „what’s in a name“ auf unsere Plattenteller.
Bambix hatten in den vielen Jahren, in denen sie durch Europa, Amerika und Südamerika getourt sind, immer wieder Besetzungswechsel und am Ende blieb immer Wick Bambix, die Sängerin, Gitaristin und Texterin übrig. Sie macht inzwischen solo Musik, ab und an mit einem zweiten Gitarristen.
Ich darf ehrlich gestehen, da ich in den 90ern aufgewachsen bin, dass mich diese Art melodisch und schnell gespielter Punkrock nie interessiert hat. Vor allem haben Bands, die ordentlich Geld damit verdient haben, dafür gesorgt. Das sind ja in der Hauptsache amerikanische Bands gewesen. Nicht Bambix!

„what’s in a name“ ist ein Album, welches in 13 Menschen mit Geschichten aufgeteilt ist. Es geht in jedem Stück um einen andern Menschen, „julie“ und „amy“ cachen mich da in der ersten Runde des Hörens am meisten!
Vor allem gehen alle Geschichten darum, weiterzumachen und zu kämpfen für das, an was man glaubt!
Und mit dem Song über Amy, die der Kopf des Labels Daemon Records in USA ist, ehrte sie damals eines ihrer Vorbilder – und dann veröffenlichte Amy die dritte Bambix Platte „what’s in a name“ tatsächlich auf ihrem Label.
Was ich in meinen Jugendjahren empfand, nämlich das all diese Melodic-Punkbands quasi gleich klingen, kann ich heute sagen: doch, ich höre einen Unterschied! Ich wollte wohl damals nicht.
Bambix stechen durch den wirklich tollen weiblichen Gesang raus. Wick spielt auch noch echt geile Riffs und haut nicht die üblichen Hooks raus. Ab und an ein bisschen NO FX, recht poppig, schafft es ihre Melodien in schöne Bögen zu spannen. Also nicht einfach „nur“ ein Riff und eine Melodie dazu, diese Melodien werden dann auch weitergezogen ins nächste Riff.

Ein schöner, für mich überraschender, Reissue. Keine Ahnung, ob die Platte damals steil gegangen ist, verdient hätte sie das auf jeden Fall!
Ursprünglich erchienen bei Vitaminepillen Records, ein wirklich bekanntes und umtriebiges Label aus NRW (glaube ich). Auf jeden Fall kam auch Knochenfabrik bei ihm raus – und einige andere heute noch spielende Bands!

Gibt es also bei Bakraufarfita in schwarz/weiß marmoriert, gelb und schwarz. Wick’s Solo-Platte könnt ihr gleich mitbestellen 😉
Natürlich gibt es die Platte auch im gut sortierten Plattenhandel.

Review kommt auch beim Vinyl-Keks. Yeah!

das aus der jugend – für immer niemals sein wie ihr

Plötzlich sprang mich so ein witziger Bandname an. Demotape von Das Aus der Jugend. Klar, ich habe erstmal Haus gelesen und mich dann auch über meine eigene Blödheit amüsiert.
Wer öfter mal von mir hier liest weiß, ich steh auch Wortspiele, Wortverdrehungen und Wortakrobatik.
Letzteres ist ja ein seltenes Gut im Punk und wurde lange als Studentenpunk abgetan.
Ehrlich gesagt habe ich das Demotape schnell weggelegt, weil es mir viel zu Indie war – und dann kam die Anfrage mit der ersten Platte und ich bin ja auch begeisterter Hörer von Weiterentwicklungen. Also her damit, rauf auf den Plattenteller.

Und was von Flight13 Records kommt kann nicht Fail gehen, meistens, die LP heißt „für immer niemals sein wie ihr“. Wisst ihr jetzt was ich meine? Das ist schon mehr Wortakrobatik. Könnte ja auch nur „niemals so sein wie ihr“ heißen. Wäre aber ein veränderter Sinn und das „immer“ im Satz ohne das „so“ hat sowieso 1000 Mal mehr Wucht.
Und dann guck dir die drei Typen auf dem Cover an! Ich glaub ihnen das. Dieses Setting, in dem sie sitzen, eiskalt ad absurdum geführt; dennoch nicht unmöglich, dass sie das cool finden.
Deshalb werden sie niemals, niemals sein wie ihr. Und ihr nicht wie ihr, oder?

Der angeschnittene Zwetschgenstreusel (übrigens ist gerade in unserer Gegend, so zwischen Bühl und Freiburg sowas von Zwetschgenzeit!) zieht sich dann ganz wunderbar als Reminiszenz an die Beatles auf die Labels weiter: Seite A vollständig, Seite B das abgefutterte Blech.

Während ich das instrumentale Klavier-Intro der Platte anhörte, las ich auf dem Textblatt die Lyrics und empfand sie direkt als gut. Ja, wirklich: gute Lyrics. Witzig. Hintersinnig.
„Künstler aus Süddeutschland“ – „die SPD schiebt ab“ und „Mollies aus Champagnerflaschen“ sind direkt Hingucker und bergen schöne Scherze.
Ja, schön, den Punk kann auch schön.
Schön laut, schön rotzig, schön Fun, Arme in die Luft.

Ich denke kurz, so für ca. 3 einhalb Minuten habe ich Gelegenheit dazu und dann kommt der dritte Titel „ich will dein Hundi sein“ – och neee. Echt jetzt?
Da hab ich mich schon so gar nicht abgeholt gefühlt. Ich hatte sofort „Waldheims Pudel“ von K.G.B. in den Ohren und The Neglected „my dog he licks me to keep my body clean“ – das sind so Songs um einen Song gemacht zu haben. Bleiben kleben wie der feuchte Tropfen einer Nektarine auf dem Küchenboden. Sehr alter Kram, der, in der Hoffnung darauf, das sich nicht „Schimmelkulturen aller Fächer vereinigt euch“ dahinter klebt, nicht mehr in diese Zeit passt.
Aber Das Aus der Jugend möchte uns da sicher ihre Sichtweise näherbringen. Dochdoch, als Künstler aus Süddeutschland hat man in der Geburtenlotterie gewonnen und verspielt nun den Gewinn.
Sie wirken jung, haben aber wohl all die Klassiker der deutschen Musikgeschichte wie Schwämme aufgesogen und nun wird mit Reibeisenstimme rausgeprügelt, was nicht mehr länger in der vollgestellten Studentenküche vor sich hinschlummert.
Ein paar Songs sind irgendwie zu lang, dennoch alles klar, verständlich und äußerst amüsant.

Seite B, das leere Blech, schau dir jetz amol a, was aus derre Jugend worre isch (<— das ist Badisch, oder sowas in der Art) folgt ein Ein-Minutenkracher auf den nächsten. Kaum Luft geholt, geht der nächste Track los. Alle drei Jugendlichen singen, so ist es ordentlich abwechslungsreich und „fick mindestlohn“ ein geiler Hardcore-Refrain. „glockengeläut“ nimmt ein wenig das Tempo raus, um dann mit „wir bauen uns ein haus“ einen Rock’n’Roll-Smasher rauszuhauen und zurecht die Keule gegen Nazi-Opas zu schwingen.
Ey, wenn die wirklich so unverblümt und direkt auch auf den Straßen rumlaufen würden, dieses Aus der Jugend, dann wäre hier einiges echt geradegerückt. Ich höre da eine permanente Wut in den all der Fröhlichkeit!

Die Kritik an der Generation, die Boomer, kriegt ordentlich auch ne verbale Keule:

ich esse Steak, ich trinke Wein,
ich bin ein altes, reiches, weißes Boomer-Schwein
ihr seid so faul, großes Maul
von nichts n Plan eure Armut kotzt mich an
„eure Armut kotzt mich an“

Als wäre das unbedingt berechtigte Kritik an den herrschenden Verhältnissen.
Aber in meiner Jugend habe ich das auch so schon gehört, nur das das Wort Boomer darin nicht vorkam. Es hat sich also nichts verändert. Das ist echt arm.

„Das Aus der Jugend“ ist das sehr gute, wilde Ende dieser Platte und beinhaltet nochmal das anarchistische Komplettpaket theatröses Chaos über Chaos, Piano, dummes Geschwätz über Fußball.

Das Artwork, und all seine wilden Ideen, komplettieren ein Gemälde mit Rahmen, auf Betriebstemperatur und unter einer Minute.
Kaufempfehlung.

Flight 13.

 

dieser ausfürhliche Review ist bereits beim Vinyl-Keks erschienen.
Mit freundlichen Grüßen!

 

MC: betonwelt – betonwelt

Die Kassette habe ich mir im nachladen mitgenommen auf der kleineh mit meiner Band gemacht hatte Anfang Februar. Deswegen ein Review eines schönen Releases auch ein Jahr nach offiziellem Release!

Betonwelt haben einen ansprechenden Namen und ein schönes Cover – da greif ich dann schon mal zu.
Es handelt sich wohl um eine hamburger Band. Das Trio Betonwelt erinnern mich an alles mögliche aus den 80er/90er Jahre. Hardcore Punk aus England, dazu Hamburger Punk, Wave-Gitarren und Flanger drauf. Coole Beatwechsel ab und zu. Dadurch auch die Rumpeligkeit!
Die Vocals ist sehr dystopisch und findet „sehr weit hinten“ statt. Viel Hall.
Ab und an mal ein Ufta. Irgendwie Exploited in den 80ern. Da stecken eine Menge unterscheidlicher Einflüsse in Betonwelt.
Sie singen auch auf Englisch und recht simpel. Wir werden alle sterben, weil wir zur Bundeswehr gehen, Betonwelt, Plastikwelt, und vor all dem Wegrennen.

Find ich – gut!
Erschienen bei Brainwasher Records.

 

CeDe Salatschüssel #9: IQ Zero / Margot Erkner / SAFI / drauf

IQ Zero – Toss A Coin

Die aktuellste CD, rein vom Release her, sind IQ zero und heißt „toss a coin“ und mit der beginne ich auch.
Die Band hat also eine Münze geworfen und beschlossen uns dieses Album mit elf Songs zu schenken.
Im Inlay sieht man als erstes „für Stephan“ und darunter ein Foto einer (der) Band, die komplett am Rad dreht. Schön gestellt.
Dazu Autogramme. Nett.
Wenn die CD raus ist, sind lustige Fotos der Bandmitglieder, die offensichtlich sehr viel Spaß hatten komplett over the Top zu sein.
Die Mucke hört sich nach Green Day an. Durchdachter Punkrock von IQ Zero.
Die Bandmitglieder kennen sich seit Schultagen und waren 10 Tage im Killstar Studio in München.
„farewell“ fast schon ein balladesker Beginn, dann eigentlich ein guter Song wird. Das Piano spielt da gut rein.
Bei „wanna know“ geht es schon in fast poppige Gefilde, was so gar nicht mein Ding ist.
Pop-Punk, biscchen Emo, Punkrock.
Der Bass schwer und dengelt ordentlich, dafür ist der Rest so brav eingespielt und gemischt, dass ich echt die Wildheit der Fotos komplett vermisse.
„simpatico“ tatsächlich Pogo-Punk.
Es wimmelt so vor Singalongs, sicherlich live ne Wucht.

DRAUF – sternzeichen zigarette

Band kommt aus Vechta. Cover spricht mich gar nicht an, ich rauche nicht mehr und Tattoos auf der Innenseite der Lippe finde ich einfach dumm.
Also schnell die CD rein und bloß nicht weiter drüber nachdenken.
„sternzeichen zigarette“ ist allerdings auch gar nicht der vermutete Bandname, sondern es ist das Tattoo. Abgefahren. Drauf. Finde den Titel da schon irgendwie geiler. Lässt sich im Netz auch leichter finden! Egal, scheint ne junge Band zu sein, die ihren ersten Release raushaut.

Seit 2017 sind sie ordentlich unterwegs und haben sich, laut Vita, in die Herzen der Deutschpunks gespielt.
Das trifft es ganz gut. Soweit ich das über den ersten Song „das ist deutschland“ sagen kann. Und es ist bisher der beste Release, den mir Rockzone zugesandt hat. Kein Rock dabei, wirklich punkig das Ding. 
klar, es ist nicht alles Gold, was da funkelt, der Nächste „es ist nicht alles gold, was glänzt“ beginnt sofort mit einem Ohohohoh-Chor, den Alarmsignal oder Die Toten Hosen nicht besser spielen könnten und ich krieg Falten im Gesicht.
Jaja, Felix, maul nicht immer an allen CD-Releases rum. Aber halt in einem Song 8 Mal (oder mehr) den selben Refrain mit diesem Chor – warum macht man das? Meinen Bands, die das machen, dass der Zuhörer noch zwei Runden braucht um mitzugröhlen, oder weil er es nicht kapiert hat, was der Inhalt ist, hehe.

Die Themen sind gut, auch ab und an schon mal im Deutschpunk in Gebrauch waren.
Textlich finde ich das allerdings schon ganz gut.

„das ist deutschland
in der mitte rechter rand“
das ist deutschland

„ich kann es nicht mehr sehen
mit brandstiftern und tätern teilt ihr euch das bett
wie die fahne im wind
christlich sozial und so adrett“
auf dem rechten auge blind

Die Aussagen sind also treffend und die Musik läuft schon auch sehr gut rein!
Bisher also, wie gesagt, von Rockzone der geilste Release drauf „sternzeichen zigarette“ – gibts auch auf Vinyl (dann wäre dieser Review auch schneller fertig gewesen 😉 ) im SHop von Rockzone Records

margot erkner

Entschuldigt, dass ist wirklich ewig hier hängengeblieben, obwohl mich die Nachricht und dann die CD-Verpackung doch sehr angesprochen hat.
Tolle Pappschachtel! Und einem Zettel mit Infos und einem Foto. Ist ne Promo, Platte sieht ein wenig anders aus.
September 22 aufgenommen und 10 Songs sind drauf.
Gut abgehangene Rockmusik. Ist nice, läuft ganz gut durch.
Mehr habe ich gar nicht zu sagen.

Tomate Platten, Flight 13.

SAFI

Mehrfach gelesen habe ich über SAFI, dass es DAS Album des Jahres sei – und bin nicht drauf angesprungen.
Dann flatterte die CD doch hier rein.
Es ist düsterer Pop. Ein echt fettes Promoschreiben über zwei Seiten liegt bei und es sind so wohlfeile Worte, die den Sound und alles an SAFI so gut beschreiben, dass ich für einige Momente, in denen ich die Musik einfach laufen lasse, sprachlos bin und keine Ahnung habe, was ich jetzt machen soll.
Zwischen Wall of Sound und minimalistischen Songstrukturen hin + her wabert SAFI, spricht ihre Texte darüber. Also irgendwie mehr Spoken Word mit musikalischer Begleitung? Nein, da wird schon noch gesungen, es gibt Sprachexperimente. Avantgarde oder doch sehr klare, klar verständliche Aussagen?
Ein anderes Magazin schrieb „SAFI ist ein einziger, kritischer Moment, der sich in die Zukunft frisst und anfühlt wie eine Operation am offenen Herzen“. Was sehr lyrisch beschreibt, was die Band lyrisch bringt. Spannend auch die kleinen Noise-Eskapaden. Was beim ersten (rein)Hören noch echt ansprechend war, verliert sich diesmal tatsächlich.
Unglaublich viele featuring Artists wie Denis Lyxzen, Käthe Rummelsnuff, Sebastian Madsen.
Fazit: von Moses Schneider live aufgenommen, was ich tatsächlich, bei dem, was sie da musikalisch machen, für extrem professionell halte. Live sicherlich eine Wucht. Der Sound will mehr, die Musik will mehr, sehr fordernd und speziell. Irgendweas las ich auch von Punk… aber nein, dass ist sehr große Popmusik. Ganz sicher!
Tatsächlich ein Album des Jahres.
Ja, isses. Mir persönlich ist es sehr spannend und exzentrisch, schmiegt sich doch an. Ein wenig suche ich allerdings noch den Zugang.
Wie geht es euch damit?

Rookie Records. Als CD und als Doppel LP.