festival: gutensglück #1 – 16.&17.09.2022 – Kapitel 1 & 2

Kann denn ein Festival kacke sein, wenn es so heißt?
In der Pampa rund um Magdeburg befindet sich die Börde. Dort gibt es viele kleine Ortschaften, die irgendwas mit „-leben“ im Städtnamen haben. Oder „-wegen“, ja, klar, es gibt auch noch ganz doll andere, ist ja auch nicht wichtig. Ein so lustiger Spruch wie der von einem von den drei Detlef’s aus Köln fällt mir sowieso nicht ein; dazu später mehr.

Kapitel 1
„Vorgeplänkel“
Ich freue mich ja seit gefühlt Monaten schon dort hinzufahren, es war nicht ganz leicht für mich, das mit meiner Familie zu organisieren. Na, hat ja geklappt, ich sitze im Auto. Freue mich. Der Weg dorthin, ist schon ziemlich weit. So knappe 600km – one way. Gut für die Öko-Bilanz!
Nach und nach wurden die Bands bekannt gegeben und ich freu mich tierisch die neue Band von Tuba, den ich nun schon soooo lange kenne, und noch nie von seiner zweiten Zweitband gehört habe. Die Boitels. Peppone werden spielen. Dann freue ich mich über Grüner Star! Da ich mit Nils schon so viele Jahre maile und noch ein paar Platten in meine Plattenkiste genommen habe, aber persönlich noch nie getroffen! (PS: Schneller Autos Organisation!)
Weiter gings mit Bands, mit denen ich irgendwie bekannt bin: Dr. Dexter, Von Hölle, Hasenscheisse (ihr kennt die nicht, whaaaat?, aber ich kenne die, whaaaahaaat?) oder Interna.
Da musst ich erstmal im Netz gucken und stellte dann fest: mensch, da kenn ich doch den Steven und Stulle, die haben bei Keine Zähne im Maul aber La Paloma pfeifen … aber das ist ja auch schon… Jahre her.
Am gespanntesten bin ich darauf, ob und wie mich Chrischan von Hasenscheisse begrüßt, wenn er mich an einem Ort trifft, an dem er mich nun so gar nicht erwartet; wir haben uns auch sicher 10 Jahre nicht gesehen.
Also ein kleines, feines Festival für mich auf Augenhöhe, mit total persönlichem Bezug und freundschaftlich.

Auf dem Weg durch die Republik regnete es. Wer zur Hölle kommt auf die Idee, Mitte September ein Open Air zu machen? Es ist plötzlich kühl, innerhalb von Stunden ist vergessen, dass es den ganzen Sommer heiß war. Ich habe mindestens einen Pullover zu wenig dabei, immerhin: eine Regenjacke.
Und wieso komme ich dazu, meinen Öko-Fußabdruck so derart zu zerstäuben?
Je mehr Baustellen ich befahren darf, desto düsterer werden mein Gedanken. Zwei Mal Stillstand für 10 Minuten und kein Unfall oder andere Katastrophen in Sicht; nur dumme Autofahrer mit „fuck Greta Aufklabern“.
Ich höre die zwei megaklasse ersten Alben von Rantanplan, um mich zu erheitern. Es klappt auch, bis ich dann denke: ach, jetzt kannst auch was Aktuelles von denen hören! Ui. Ich mach ganz schnell wieder aus. Das Genuschel und ultrabrutalschnelle Sprechsingen ist einem unerträglich durchgemixten Popsound gewichen. Ist ja auch lang her „kein Schulterklopfen“ und „gegen den Trend“.
Ich wollte um neun Uhr los. Habe es auf 10 Uhr geschafft. Wollte um 16 Uhr dort sein, nun ist es 17Uhr30 und ich stehe, laut Link an der richtigen Stelle. Ist nur mitten im Dorf, ich fahre hin und her, telefoniere, finde, Umarmungen, jetzt erstmal Pipi und dann ein Bier; schon geht’s los:

(ab hier mache ich Copy & Paste beim ausführlichen Bericht von Steven von Interna. Er hat das ganz wunderbar beschrieben, und mit seiner Erlaubnis, von mir gegengezeichnet, sozusagen.
Randnotiz: ich habe mit (fast) jeder Band kurz geschnackt und diese Interviews kommen noch jedes einzeln!)

Kapitel 2
„Frame in Frame“
Die Straßen werden schmaler, die Beläge ruppiger, und die Wände rücken näher ans Auto: Wir sind im ländlichen Osten, im Bördekreis genauer gesagt, Niedere Börde noch genauer gesagt. Where‘s the playground, Susie? Wir rumpeln durch Groß und Klein Ammensleben, Gutenswegen und andere Orte mit positiven Namen. Die Wasserdichtigkeit der von Tengo Peppone telegrafierten Wegbeschreibung erweist sich letztlich als Vorbote einer extrem runden Sache, so rund wie ne blankpolierte Kastanie im Herbst. Wie eine von denen, die ich morgen früh in Klein Ammensleben aufsammeln werde.
Irgendwann sind wir da, werden von Jens und Normen herzlich aufgenommen und mit den nötigsten Informationen (Parken, Pinkeln, Poofen) versorgt. Währenddessen spielen die lokalen Dr. Dexter traditionellen Punkrock mit dem Willen zur heiseren Hymne, bei dem aber die prominenten Keyboard-/Klavierpassagen aufhorchen lassen. Völlig frei von solcherlei Brüchen scheinen mir hingegen Keele aus HH zu sein, geschmeidiges Quartett, ausdrucksmäßig für MICH ALTE, ABGEKOPPELTE SALZKARTOFFEL natürlich eine Punkrock-/Rockpunk-Inkarnation von REVOLVERHELD. Das pneumatisch rundumgefederte, alle Zeit „Engagement!“ kommunizierende Fitneßtrainer-Gehüpfe des Bassisten macht mich am fertigsten, aber gecoacht wirkt die ganze Band. Morgen werde ich mir unsere Setliste auf die Rückseite der Keele-Setliste kritzeln und die Regieanweisung „Ciao/Merch/Socialmedia“ vorm letzten Lied entdecken. Ciao, kauft unsere Vinylplatten und folgt uns auf Inza. Geleckt. Und jetzt fallt über mich her, freßt mein Gehirn und mein Plauzenfett.
Wir verbringen den restlichen Abend am Lagerfeuer bei Currywurst und Kartoffelspalten mit Zwiebelstippe und freuen uns des Lebens. 23:30 Uhr archimedisiere ich mich in meinen Schlafsack und schlafe in der spartanischen Stockbett-Hütte 6 Std. straight durch. Stulle, der alte Penn-Artist, schnurchelt heimelig ins Ikea-Laken, und ich wittere Chancen, die das Leben evtl. gerade für mich anrichtet. Aufstehen, rausgehen.
Stapfe ungeduscht und ataktisch auf der Lichtung umher, schaue mir die Baracken an, die rauchende Lagerfeuerasche, die Autos und die Bühne, auf der ein halbes Schlagzeug und ein Trio toploser Boxen darauf warten, von Flechten, Moosen und Ranken überwuchert zu werden. 1936, als dieser Ort noch ein Schwimmbad war, campierten hier die italienischen Olympioniken. „Da war Bud Spencer bestimmt auch bei“, denkt mein benebeltes Hirn mir vor. Waldspaziergang wird nichts mangels Wald. Ich erklimme den Hang, auf dem die Schlafhütten stehen, und sehe im Horizontdunst den Salzberg des ehemaligen VEB Kaliwerke „Ernst Schneller“, Zielitz, quasi also den Ayers Rock von Sachsen-Anhalt. Peppone haben einen Song namens „Kalimandscharo“ über diesen fremdartig in der Landschaft liegenden beige-braunweißen Hügel geschrieben, und über den Acker, auf dem ich stehe, schiebt der kühle Wind Wolkenstränge verschiedener Grautöne. Endlich Herbst. Endlich wirklich Herbst. Jedes Jahr warte ich länger drauf.
Unterm kalten Wasserhahn des aufgerissenen Herrenklos Haare und Sonstiges waschen. Mal zur Straße gehen und schauen. Plötzlich nicht mehr pleite sein, weil am Wegesrand 10€ liegen. Zu Fuß nach Klein Ammensleben, weil sie da vielleicht Kaffee haben. Eine Einheimische versichert mir, daß es „…hier im Durf…“ GAR NICHTS gibt. Oder wie Detlef es heute Abend ausdrücken werden: Man sei durch jede Menge Orte gekommen, die irgendwas mit „-leben“ heißen, „…aber sah gar nicht nach Leben aus!“
Also wieder zurück zum Slot. Fremd in der Börde, und Alleinsein ist ein rares Gut in meinem derzeitigen Leben, so daß ich jede Minute, die ich unter rauschenden Bäumen dahergehe, genieße. Es ist der Morgen eines perfekten Tages.
Wenig später geben sich die Wohltaten schon die Klinke in die Hand und rennen bei uns offene Türen ein. Peppone tischen Frühstück auf, und die Sonne beginnt ihre Tagesschicht. Stulle und ich holen die Hobel aus den Futteraalen und daddeln rum. Simme, was macht der eigentlich? Schlaf nachholen, aufem Übungspad klöppeln? Mit Anlauf in den Wald förstern? Ordnungsgemäß die Grenze verzollen und simultan die Mutti verlinken? Sich gebenedeit ein paar unter die Tonsur mönchen? Sich gehörig was ins Keyboard klimpern oder einen hinter den Schnuffi atmen? Etwa die Rinne verzinken? Ich weiß es grad nicht.
Nachmittags Spaziergang zum Mittellandkanal mit Tuba (Ben Racken, Die fabelhaften Buckau-Boys undwasweißichnoch) & Felix (pADDELNoHNEkANU, Provinzpostille, Vinyl-Keks): Interessante Gespräche über Punkrock im Wandel der Zeiten, den Magdeburger FC und die Gegend, Beinahtuchfühlung mit Nandus und zunehmender Regen. Gut, daß Team Peppone bereits am späten Mittag zwei Pavillons direkt an die Bühne gezwirbelt haben. Unter ihnen werden sich nachher die Leute versammeln und wegen des Regens auch nicht weggehen. Sprich: Der ganze lange Abend wird eine einzige, herrliche BANDS-UND-LEUTE-SITUATION sein! (war gestern allerdings ohne Regen und Pavillons auch schon so!)
Als wir zurückkommen, hat Jens bereits Kürbissuppe auf dem Kocher. Ich habe schon so manche Kürbissuppe verkasematuckelt, aber diese gehört zu den Top-Pumpkin-Five! Dazu ein paar vegetarische Schmalzkniften, und schon fühl ich mich wie Steven Frame an einem Samstagabend mit Kürbissuppe und Schmalzkniften.
Grüner Star machen den Auftakt einer höchst abwechslungsreichen Handvoll Bands. Meine Sympathometer schlägt gleich ein wenig aus, weil der Gitarrist eine Fidel Bastro-Pudelmütze trägt. Man soll ja die Menschen nach ihrem VERHALTEN beurteilen, nicht nach ihrer KLEIDUNG, und eine Mütze aufzuziehen, das ist ja ein Verhalten. Der Sänger erinnert mich an Peter Hein, aber nur wegen seines idiosynkratischen Auftretens; halt einfach ein TYP, der authentisch sich selbst transportiert und eine menschliche Aussage macht, der ich mich nicht entziehen kann und möchte. Seine Gesangspausen nutzt er zum Tanzen mit geschlossenen Augen, aber ohne animatorischen Gestus. Für sich macht er das und zieht während der 40 Minuten, die Grüner Star bestreiten, eine Schneise in die Crowd. Kein Bad in der Menge, eher ein Vordringen. Baut Spannung auf und hält die Balance. Der Regen sei ihm und seinen Kollegen von Hamburg bis hierher gefolgt, erklärt er. Gut zu wissen, ich dachte nämlich, WIR wären das gewesen.
Die Musik bewegt sich im weiten Feld zwischen Indie und Punk, BPM-Quotienten von Midtempo bis Motorik, manchmal beginnend repetitiv und auf eine kratzbürstige Art fließend und offen. Kann ich auf Anhieb was mit anfangen, und später wird mir der wundervolle Felix ihr Album „Hauptsache, es bleibt friedlich“ für umsonst überreichen, was mich ziemlich vom Podest schwiemelt. Die Zeile „Ist dir die Luftfeuchtigkeit der Nacht in die Augen gefallen?“ soll mich heute noch ein wenig begleiten, repräsentativ für die überragenden Texte dieser Gruppe. Eine Entdeckung! Toll!
Unser eigenes Konzert (das siebente unserer Karriere) geht danach zu meiner vollsten Zufriedenheit über die Bühne, und das ist selten so. Die Leute gut, wir gut, Sound gut, Gelöte macht mit, Kommunikation funzt – eins der besten Konzerte, die ich je gegeben habe und unser bestes bisher. Hinterher wollen Zwei zuerst etwas von uns kaufen (aber wir haben ja nichts) und dann wissen, was wir beruflich machen. Vorher möchten sie aber raten und tippen bei mir auf Pfarrer. Das gefällt mir.
Selbst mit Hasenscheisse kann ich heute etwas anfangen. Ihre „acoustic guitar trash balladen“, aus denen ich mir einen gewissen Brecht/Weill-Einfluß heraushöre, sind nicht mein Ding, aber ich genieße den Auftritt und fühle mich blendend unterhalten. Extrem aktivierende Polka-Refrains wechseln sich mit rhythmisch offenen Intermezzi ab, in denen die Geschichte des jeweiligen Songs mehrstimmig weitergesponnen wird. Macht einfach Sauspaß, da zuzuhören. Und unterm Pavillondach fliegen die Extremitäten, während Stulle und ich uns die nächste Rutsche Kartoffelspalten reinmähen und uns von Anke und Otto vom Kali-Lauf erzählen lassen: Letztes Jahr hat Tuba auch mitgemacht und ist bei 35 Grad Celsius den Kalimandscharo hoch, aber da hatte Otto ihn längst abgehängt.
Den emotionalen Höhepunkt setzen aber Peppone, deren Energie, Fleiß und Liebe wir dieses rauschende Fest zu verdanken haben. Mag sein, daß es in musikalisch-technischer Hinsicht gar nicht ihr bester Auftritt ist, und auch der Sound ist zumindest anfangs echt brüllig, aber die großen Punkmomente der Geschichte haben diese Vorzeichen immer umgedreht, und deswegen waren sie so begeisternd und so gut. Punk handelt von Leuten, die was Eigenes auf die Beine stellen (klingt jetzt ein bißchen nach Jodeldiplom, ist aber auch wahr), und diese vier Typen sind so punk wie nur was. Endlich normale Leute!
Stunden später wird mir Stulle, der mit melancholodischem Punkrock wie diesem nicht automatisch was anfangen kann, erzählen, daß ihn die menschliche Größe, die hör- und lesbar in diese Musik und die Texte eingeflossen ist, unerwartet berührt hat; daß Hoffnung und Optimismus darin wären, trotz aller thematischen Heftigkeit (Flucht, Krebs, Tod, gescheiterte Existenzen). Er hat es erfaßt. Peppone sind die wahrhaftigste Band des Abends, sie sind Familie und holen sich ihre Lieben auf die Bühne. Jens‘ Tochter nimmt sich am Ende ihres Vokaleinsatzes einen dieser extrem süffigen Mexikanerschnäpse* vom Tablett und enteilt, ihn stürzend, in die Menge, am Vater vorbei, der ihr mit einem „Ach-so-ist-das-also“-Blick nachschaut. Riesenkurzfilm.
(*Alter Sombrero, dieser Mexi-Schnappes: Kurz vor meinem längst zur lieben Gewohnheit gewordenen „Shellober“-Gesangscameo stürze ich mit Simme einen dieser roten Teufel, und der fährt mir so hart und würzig ins Gedärm, daß ich zügig den Sanitärbereich aufsuchen muß. Längerfristige Folgen bleiben aus. Klammer zu)
(Zweite Klammer: Als Frank Mühr mir bescheinigt, „Shellober“ gut gesungen zu haben, weiß ich noch gar nicht, daß das FrFrank Mührst.)
Eigentlich braucht jetzt nichts mehr zu kommen. Simme und ich auf zwei Stühlen im verwühlten Backstage, und bei ihm gehen die Lampen aus, er wird quasi neurophysiologisch runtergedimmt und kündigt an, sich im Bus abzurollen. Ich erwäge kurz, es ihm gleichzutun, gehe dann aber doch wieder raus und kröne mir den Abend mit den fantastischen Detlef aus Köln; allein auch, weil ich aus alter Liebe schwer an einer Band vorbeigehen kann, in der Eine/r eine Firebird spielt – wie Frank Mühr.
„Gut gelaunter Haß“ ist Detlefs Credo, und das greift tiefer als „Funpunk“, aber ein ums andere Mal scheckig lachen müssen Stulle und ich uns bei Titeln wie „Scheiße ich muß pissen“, „Wie kann man sich nur nicht für Fußball interessieren“ oder „Barclay James Harvest“ doch. Gleichzeitig stehen diese Typen ganz klar auf der guten Seite, ohne im geringsten den Konfektionierungen des Punkrockbetriebes anheimgefallen zu sein, und beliebige Lustigheimer sind sie auch nicht. TYPEN!! Humor, verdammt! Authentizität, ja, ja, bla, bli, blumm, wir sind ja hier nicht im Personalityzoo, normale Leute halt, die beim Frühstück am nächsten Morgen auch mal „Kopulationspsychose“ sagen, ohne daß komische Vibes aufkommen. Und ein brachial geprügelter, aufs Nötigste reduzierter Zweiminüter tritt dem Vorigen in den Arsch. Keine der großzügig auf die Bühne gereichten Alkoholspenden (Durcheinandertrinken? Ja, bitte!) wird stehen gelassen. Texte über Saufen und saufen, ohne daß die Performance Kinken kriegt. Drummer spielt open handed, wirkt auch bei fliegenden Tempi völlig entspannt, und 2-3x pro Song nimmt ein verschmitztes Lächeln in seinem Gesicht Platz. Ich bin verliebt und kaufe mir von teils geliehenem Geld zwei Platten.
#längesterreviewallerzeiten und es kommt noch mehr!

LP: Syndrome 81 – prisons imaginaires

Endlich: die erste Full-Lenght von Syndrome 81 aus Brest im Nordwesten von Frankreich. 10 Jahr hat die Band sich dafür Zeit gelassen.
Ich nehme es vorweg: es ist großartig! Und es ist anders, als wir sie bisher kannten.
In 2017 hatten sie eine Compilation diverser 7Inches als LP rausgebracht „béton nostalgie“. Das war der Moment, in dem ich sie tatsächlich wahrgenommen habe. Ich liebe die 7er, alle!, aber eine LP bekommt halt eine andere Aufmerksamkeit.

„Prisons Imaginaire“ (eingebildete Gefängisse) heißt das erste Full-Length, was sie uns auf den Plattenteller knallen. Im Grunde ist es nicht mehr notwendig überhaupt ein Rezi-Exemplar zu verschicken. Ähnlich vllt wie Pisse hier in Kaltland, muss man bei Syndrome 81 wohl damit rechnen, dass die Erstauflage ziemlich schnell vergriffen ist. Und ich habe tatsächlich zwei Tage fünf Stunden und 26 Minuten gewartet … zu lang gewartet. Weg war die farbige Auflage. Dann halt die andere. Egal.
Ich war zu der Zeit (zu) viel in Arbeit und hatte einfach keine Zeit, diesen einfach Onlineeinkauf  bei Sabotage Records (dem deutschen Vertrieb) abzuschliessen. Als ich nach einer Weile nach Hause kam, war das Paket da und ich schaute ganz schön erstaunt aus meinen Glupschern, als mir zwei LP’s in die Hände fielen. Eine LP ist mit Demo- und alternativen Versionen versehen. Fab (der Sänger) schrieb mir „Yeah this is no more a big secret that free bonus LP, we plan soon to put the songs online“, das war im August und ja, sie sind online!
Für den Preis, Freunde, wahnsinn!

Los geht’s mit „vivre et murir“, was leben und sterben heißt, und sie holen mich sofort ab – obwohl sich ihr Sound eklatant verändert hat! Er ist nicht mehr so punkig und rough. Viel Hall und New-Wave weht da durch die Musik. Litovsk spielen sowas in die Richtung auch.
Sie verlassen sich directement auf ihren neuen Sound. Das geht rein wie Butter. Klitzekleines Vorspiel, zwei Gitarren spielen zwei Melodien gegeneinander und Fab krakehlt seine leicht unterkühlten Lyrics darüber. Wie der Wind, der „dans les rue de brest“ vom Atlantik her durchzieht.
Post-Wave-Punk-Hit diesen Herbst! Zieht euch den Scheiß rein. Ich bin so hart begeistert von Melodie, Herz und einen Singalong, der zum verlieben ist.
Man könnte schon fast meinen ohohoh, die Band hebt ab. Jetzt haben sie sich so lange Zeit gelassen, um uns Midtempo-Mitgröhl-Singalongs um die Ohren zu hauen. Aux contraire!
Mit „future périmé“ sind sie bissig wie die 10 Jahre zuvor. Angeknüpft an diesen knallig nach vorne gespielten Oi-Punk mit diesem britischen Waveeinschlag. (über die französische Szene zu dieser Zeit weiß ich allerdings wenig)
Vor einer ganzen Weile schon habe ich Syndrome 81 angefragt an der für sie östlichen Grenze zu Deutschland zu spielen, Strasbourg und Rastatt, doch 1100km one-way sind dann doch sehr weit für ein Konzertwochenende. Das Begehren wird allerdings durch solche Releases nur noch größer, haha!
Neulich hatte ich in der Alten Hackerei ein Shirt von ihnen an und wurde angesprochen! Es gibt noch mehr wie mich. Das finde ich gut!
Was Syndrome 81 in der Folge, auf dem Album schaffen ist, eine Waage zu halten zwischen hart und weich. Eine Kombination aus eigenem Sound, den sie jetzt gefunden haben, Genreübergreifendem Songwriting, Tristesse im Gesang, Einfachheit und trotzdem bleiben die Melodien nicht wie Honig in den Ohren kleben.

Ungern, ganz ungern möchte ich hier im Blog etwas so hart abfeiern, sonst unterstellt mir noch Bierschinken oder so, dass ich zu denen gehöre, die immer alles abfeiern in ihren Reviews; DAS hier, gehört hart gefeiert! Und ja, sie singen alles auf französisch und nein, es liegen keine Übersetzungen bei. Macht aber nix. Ich hab auch schon jede Menge Bands in fremden Sprachen gehört und es stört mich nicht die Bohne, es erstmal nicht zu verstehen. Tomar Control zum Beispiel!
Vor 20 Jahren hätten mir Syndrome 81 vermutlich gar nicht mitgegeben. Für heute ist das ein großer Wurf. Ein absolutes Hitalbum.

Das außergewöhnliche Artwork ist von Hugues Le Corre & Nicolas Bazire von No Sun Media. Nicolas macht auch noch das französische Label, auf dem diese Platte erschienen ist Destructure Records

zu den Outtakes:
Es sind schon einige Veränderungen in den Songs passiert und ich feier auch das total ab, das eine Punkband uns diesen Einblick gewährt.
Einige sehr viel roughere Songs befinden sich auf den beiden weiteren Seiten. Hört rein, es lohnt sich.

7inch: l’appel du vide – abwärtsspirale

Mit „abwärtsspirale“ haben L’Appel Du Vide eine bei mir mit Spannung erwartete neue 7inch raus – das Demo war schon ein Burner!
Und mit dem ersten Song brettern sie gleich los. Surfsound im Postpunk-Gewand! Viel Hall auf der Stimme. Zwischen Verzweiflung und Selbstaufgabe „das bin ich nicht“.
Hui. Bisher alle Releases, die mir It’s Eleven Records zugeschickt hat, Treffer! Ihr solltet die Dresdener Institution dringend wahrnehmen!
Die Single von L’Appel du Vide wurde schon im September 2021 aufgenommen und ist als eben diese 7inch mit 4 Songs erschienen, wie auch als MC mit 8 Songs! 
Die vier Songs sind ziemlich klasse gespielt und gemischt. Die Schreibende und Hörende Zunft hat das schon über den Klee gelobt, wieso sollte ich das nun also auch noch tun?

Die „Abwärtsspirale“ zieht einen gar nicht so runter, wie sich der Titel erstmal anhört. Ein wenig erinnert mich das an die tollen STRG-Z. Was ich megagerne mag, ist das L’Appel du Vide ein gutes, punkiges Tempo hat und mich zum Zucken und Zappeln bringt. Auch „leo hört rauschen“ (heute: „die arbeit„) können einen prima Referenz sein. Wobei mir da auffält: kommen die nicht alle so aus der Gegend dort? New-Wave-Punk scheint da ziemlich angesagt zu sein!
Schaut also mal in den Shop des Labels, holt euch, was ihr braucht. Wenn ich das richtig gesehen habe, ist das Tape „abwärtsspiralen“ eine Kombi aus der 7inch und Aufnahmen, die im Laufe der Pandemie gemacht wurden. Das gibt es wohl nur über die Band.

Ich freue mich auf einen Longplayer, die Band scheint kreativen Output zu haben und sicher nicht lange auf sich warten lassen.

buch: der letzte Punk (Abo Alsleben)

Abo Alsleben hat mir sein neuestes Buch „Der letzte Punk“ zugeschickt.
„Hallo Fexlix“ schreibt Abo. Er würde sich über eine Rezension „der letzte Punk“ freuen.
Ich hatte schon wahrgenommen, dass er dieses Buch geschrieben hat. Vor ein paar Jahren habe ich natürlich „Satan , kannst du mir noch mal verzeihen“ gelesen über Otze Ehrlich (gestorben 23.04.2005).
Und das las ich nur, weil ich vor… 15, 18 Jahren? mit einem Kollegen bei einer kleinen Fernsehserie abends im Hotel saß und wir quatschten. Er hat keinen linksversifften Background, ist aber in der DDR groß geworden. Er sprach mit auf mein Punk sein und Otze an. Ich fragte natürlich erstaunt zurück, woher er den denn kennt. „Den kannte doch jeder“.

Abo Alslebens Buch „der letzte Punk“ eine fiktive Geschichte von Öse, dem Schlagzeuger (anfangs) von SK.
Klar, die Person ist bekannt, nur die Personen um Öse herum, sind sicherlich eine Mischung aus verschiedenen Charakteren. Jedenfalls hat sich Abo aus diversen Quellen, so auch oben erwähntem Buch, zusammengesammelt und eben eine fiktionale Geschichte erzählt. Im Anhang werden diese transparent gemacht.

Öse legt vom ersten Wort an ein negativ dekandentes Verhalten an den Tag und gibt sich dabei ahnungslos. Erst nach ein paar Kapiteln stellt sich heraus, wer da eigentlich der Ich-Erzähler ist. Da ich Otze’s Geschichte kenne, weiß ich, wie diese fiktionale Story ausgehen wird; oder hat sich der Autor evtl. einen „Tarantino-Kniff“ ausgedacht und die wahre Geschichte verändert?
Öse wird mit Bruder und Eltern auf einem Hof in Thüringen groß. Die Kapitel sind sehr kurz gehalten. Meist geht es um kleine Erlebnisse rund um Öse’s Harakiri-Verhalten. Sich selbst etwas beweisen zu wollen. Es ist eine wahnsinnig kerlige Geschichte über einen Punk-Macho (ich meine nicht: Sexist!).
Er hat, nachdem er Punkluft geschnuppert hat, nur noch ein Ziel: der bekannteste Punk in der DDR zu werden. Anerkannt zu werden.
Als die, im wahren Leben Schleimkeim genannte Band, Schmeißkeim eine Split LP aufnimmt und herausbringt, ringt Öse zwischen Kapitalismus und Starallüren.
Für mich funktioniert alles an diesem Buch gut! Die Erzählweise, die Kurzweiligkeit, der völlig normale „Ton“ der Worte. Der Witz, das Drama, dass holt man sich allein aus dem geschriebenen Wort. Ich lese jedenfalls keine persönliche Beurteilung daraus. Es geht ums Verdroschen werden, ums Austeilen, Saufen, Exzesse mit Alkohol und Lärm, das Lügen gegen den Staat. Das Herumlavieren um seine eigenen Ziele zu erreichen, dass Zerbrechen an der Umstellung des Systems – so hatte sich das keiner gedacht oder gewünscht.
Was mich immer nachhaltig beeindruckt ist, dass der Kerl mit seinen Kumpels hingegangen ist und seine Instrumente selbst gebaut hat, nicht nur das, selbst bauen musste. UND: seine Aufnahmetechnik mit zwei Tapedecks 4-Spur-Aufnahmen zu generieren; geil.

Ich finde, Abo stellt das sehr anschaulich dar, mit wieviel Blauäugigkeit Öse (Otze) da Anfang der 80er unterwegs war, in seinen Anfangstagen mit Punkrock. Klar kann man sich immer darüber streiten, ob dieses oder jenes Ereignis im Buch hätte mehr Beachtung finden müssen.
Das mach ich nicht. Das Buch ist gut, wie es ist!

Das Buch bekommt man bspw. bei black-mosquito oder Laketown Records oder beim Autor direkt.

PS: Das Ende meiner Geschichte und Verbindung: Man stelle sich vor, sogar in Baden-Baden ist/war Schleimkeim angekommen (ca. 1993/94) und von einer mehr Emo als Deutschpunkband gecovert worden.
Ist halt einfach auch ein megacooles Riff!
In die Kneipe zur trockenen Kehle

7inch: hell & back – club lathe #1

Hell & Back hauen zwei neue Songs raus. „monochrome“ und „have i ever let you down“. Beide Stücke drei Minuten. Wobei mir der zweite etwas besser dünkt.
Und sie haben ihren eigenen Club Lathé gegründet und vertreiben die vier Teile selbst über Bandcamp. Nach vier Jahren das erste Lebenszeichen der Band, was neue Songs angeht.
Selbstverständlich ist das schon ausverkauft. 50 Stück wird es von jeder Single geben.
Wie auch immer. Hell & Back machen dort weiter, wo sie aufgehört haben.
Lebendiger Emocore, melodischer Punkrock, abwechslungsreich, gutes Songwriting – mehr braucht es doch gar nicht.

Auch digital absolut lohnenswert!
Erschienen bei Flying Penguin Records, was das bandeigene Label ist.

digi: direct juice – kostprobe

Zwei kurze, knackige Songs, mal mit Bass produziert.
Wer meinen Blog verfolgt weiß, dass ich die Zwei-Mann-Band vor Jahren schon in Magdeburg live erleben durfte.
Die beiden neuen Tracks fast schon zart.
Apropos zwei: ich habe zwei Gigs entdeckt bei FB. Beide für mich leider zu weit weg.
DIRECT JUICE:
22.09. mit haexler in nürnberg projekt 31
23.09. mit haexler in kreuzlingen horst klub

 

7inch: Paul Pecho – neatly yellingmouth

Ein gänzlich unbeschriebenes Blatt namens Paul Pecho flattert hier rein. Respektive eine Vinyl 7inch. Zwei Seiten, zwei Songs.
Beim Vinyl-Keks hab ich ja immer den Spaß am Start, maximale Worte aus meinem erdnussgroßen Gehirn rauszuklopfen. Hier mach ich es mal kurz und knappi knapp.
„curtis yellingmouth“ ist ein trashiger Songwriter-Titel, der ziemlich smooth rockt und trotz des ruhig gehaltenen Tempos ganz schöne mitzieht. 
Eine warme, rotzige Stimmung. Paul hat diese Songs wohl geschrieben, als er noch ungeboren war. So die selbsterzählte Legende. Das Label, bei dem er herausgekommen ist It’s Eleven Records, erzählt das mehr so: „Paul Pecho simply shakes two psychedelic Garagerock pearls out of his sleeve.“ Joah. IN der Mitte liegt dann wohl die Wahrheit.

Jedenfalls soll seine Pränatale Legende die wärme seines Sounds erklären. Die Lyrics sprechen für sich selbst und sind nicht dem Walgesang ähnlich oder sonstwie verfremdet. Gut! Der herrlich schräge Background / Spoken Word hebt den Song noch zusätzlich ab, es ist sehr repetitiv.
Er bietet auch an „Hi!“ zu sagen, w
enn man über Musik, Kaffee oder Pizza mit ihm sprechen möchte. Unter dieser Mail

Bei „neatly framed“ auf der andern Seite gibt er etwas mehr Gas. Abgehangener, im Gegentakt gespielter, 70’s Rock, psychedelisch, kleine Soli. 
Die Songs sehr kurz und kurzweilig.

Anchecken, bitte.
Kaufen hier: it’s eleven records

PS: Paul spielt sonst noch bei Black Salvation und hat für diese Songs alle Instrumente selbst gespielt.

video: lena stoehrfaktor – runde eins

Erster Song auf ihrer vor kurzem erschienen EP „Essenz“.
Lena teilt Rhymes aus und gibt die Ringerichterin, während sich andere prügeln dürfen.
Blutige Lippen vorprogrammiert.

video: pascow – himmelhunde

Ich denke, nach sichten dieses neuen Videos: die Herren werden uns in einigen Jahren noch begleiten und die Konzerte immer größer werden. Nein, Stadionrock ist das nicht; aber gut! Alex‘ Gesang, die Art den Text über die Musik zu legen, überhaupt: die Musik von PASCOW. (btw: ihr wisst, dass ihr euren Namen des Kanals nun ändern könnt? Ich werfe mal den Vorschlag „pascow“ in den Ring)
Mit diesem neuen Video machen sie mit Visual Attack dort weiter, wo sie ihre Trilogie vor einem Jahr mit „Kriegerin“ zuende gebracht haben. Jedenfalls visuell. Es beginnt nun eine neue Geschichte und die Frage „wie kommen wir da raus“ wird einigen im Kopf rumschwirren!


Album kommt im Januar 2023. „sieben“

mc: sven the slacker – hutch

„hutch“ von Sven the Slacker. Ein Slacker ist jemand, der eine geringe Anpassungs- und Leistungsbereitschaft hat. Nun, Sven hat es geschafft, sich seit 2020 so einige Songs zu erarbeiten und präsentiert acht davon nun auf einem (sold-out) Tape.
Ich bin jedenfalls überrascht mal wieder was von Aldi-Punk im Briefkasten zu haben. Es ist schon Release 133, vow! Finde bemerkenswert, dass er immer noch tauscht und ganz viel Deutschpunk macht. Wobei Sven nun so gar nichts mit Deutschpunk zu tun hat. Es ist eine ganz liebenswerte kleine Kassette in einem Pappschuber. Weißer Pappschuber, weiße Kassette mit ganz viel Schwarz drauf. Doch ganz so präsentiert sich die Musik, glücklicherweise, nicht.
Synth-Post-Punk, den Sven The Slacker hauptsächlich selbst zusammenzimmert, bei „allein“, dem ersten Track, hat er allerdings schon gitarristische Unterstützung von Benjamin Streich. Sven selbst hört sich ein wenig an, als hätte er ziemlich lange mit Jensen verbracht. Allein in seinem Zimmer.
Jedenfalls spielt Benjamin noch bei andern Songs mit und ab und an singt Magda den Background-Chor.
Teilweise erinnert mich das 8-Song-Tape an Peppone oder vielleicht auch so ein bisschen Phileas Fogg. Er selber sagt, dass „DIY-Lofi-Synth-Punk“. Da ist schon ne Menge rausgekommen, Sven The Slacker, der auch als ROSI, so meine Rechercheergebnisse, unterwegs ist, hat aktuell auch schon wieder zwei neue Tracks raus.
Da er aber das „internet“ hasst, ist es sehr sehr schwierig, Informationen zu bekommen (FB, Insta, Tube).
Insgesamt hat das Tape eine kleine, feine Melancholie, die einen nicht nach unten zieht, auch nicht aus dem Halbdunkeln in die Sonne geleitet, eher sowas für die „Zwischendurch-Tage“; also der Herbst, der jetzt kommt. Garagig, punkig, Synthie, lakonischer Gesang.
Und die hab ich eher öfter als die Up’s and Down’s, Volltreffer also.
get it here: