review: Nikola Tesla Pandemie Live Sessions Vol.1 MC

Was tun mit leeren Bühnen, deren Stille ohrenbetäubend scheint? Was tun mit verwaisten Bars, auf deren Theken die letzten Tränen kaum getrocknet sind? Was tun mit den Räumen, wo sonst das Leben pulsiert, torkelt, schwitzt und tanzt?

Das fragten sich ein paar (?) oder alle Macher des Nikola Tesla Clubs in Chemnitz und sperrten ein paar Bands, gut desinfiziert versteht sich, in den Club ein und die Aufnahmen auf diesem Tape sind dabei rumgekommen.
New-Wave-Post-Punk Bands, ein bisschen Hardcore, sphärischer Stoner, die auch schon hier besprochenen L’Appel du Vide sind dabei, aber auch Integral, Nowaves, Suralin, Mvrmansk und das Beam Orchestra.
Die aufgenommenen Songs sind durchweg super gespielt und top aufgenommen.
Bevor ich aber Purzelbäume schlage: hört selbst rein. Ich finds großartig!
Seite A und B haben von jeder Band je einen Song zu bieten. Da mir kein Infowisch vorliegt, kann ich euch leider nicht sagen, welche Band hier exklusive Tracks zu bieten hat.

Regelmäßig gibt es nice Playlisten, wöchentlich, wenn ich es richtig gesehen habe. 
Und ich finde es zur Abwechslung mal ganz gut, Livemusik nicht als Stream zu sehen, sondern nur zu hören.
Das Inlay ist defintiv auch noch erwähnenswert, denn es ist zum Auffalten, jede Band hat den Spruch eines bekannten Promis zugeordnet bekommen. Das Artwork ist von Zomba und sehr ansprechend! Jede Band hat so etwas wie eine Spielkarte als Design, eine Karikatur der Band, „awesome Bandinfos“ und eine „pandemic classification“.
Alle Einnahmen gehen zugunsten des Nikola Tesla. Es gibt auch eine Special Edition mit T-Shirt.
Im Tape finde ich aber auch noch den Hinweis, dass es Menschen gibt, die unter unwürdigsten Umständen an den EU-Außengrenzen ausharren müssen, gehen 3€ je Tape an die Organisation Legal Centre Lesvos in Griechenland.

review: Fotokiller – Demo MC

Ich liebe Tapes! Habe ich das schon mal erwähnt? Ich liebe Tapes, bzw. ich liebe sie wieder.  Über dieverse Umzüge dachte ich, und da war dann das Tapedeck auch noch ka.p.u.t.t., „ach, schmeiß doch die Alf-Kassetten endlich weg (und den andern Kram auch)“. Ein paar wenige Mixtapes und Demos habe ich behalten. Einen Schuhkarton voll. Maximal.
Und nun werden meine beiden Tapeschubladen im Plattenschrank immer voller und voller mit coolen Sachen. Und ja, ich nehme es vorweg, auch dieses Tape findet hier einen Platz!

Die Tape-Täter-Szene hat sich wieder geöffnet, für mich ganz klar mit großer Hilfe von Bandcamp. Vielleicht war sie nie weg, ich habs halt nur nicht mitbekommen. Inzwischen habe ich drei funktionierende Decks und vier Überholungsbedürftige hier stehen.
Hier geht aber um Fotokiller. Band aus Berlin, die so nett war, mir ein wenig Gebäck ins Promopäckchen zu backen. Der musikalische Dreier hat sich 2018 gegründet und probt seither, Eigenaussage, in einem unansehnlichen Plattenbau ohne Kiosk oder Toilette. Kenn ich. Also das ohne Toilette proben. Um etwas noch aus ihrem fantastisch formulierten Infowisch zu zitieren:

… dafür aber in repräsentativer Gewerbegebietslage im pulsierenden Berliner Szenebezirk Lichtenberg herumsteht und dort wertvolle Grundstücksfläche für dringend benötigte Yogastudios, Bioläden sowie Seifenmanufakturen blockiert, welche mit an sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in spätestens 20 Jahren auch an diesem Flecken betonveredelter Erde herbeigentrifiziert werden.

Diese selbstgetippte A4-Seite wird aber ab einem bestimmten Punkt sehr ernst. Die drei Bandmitglieder, Sofy, Damon und Matze, die schon in Bands wie Hatehug, The Dead Pony Kids oder auch Derbe Lebowski und Femme Krawall spielten, machen keinen Hehl daraus, die letzteren beiden aufgelöst zu haben, wegen eines misogynen Gitarristen.
Ihnen geht es nun in erster Linie darum, die feministische Kritik innerhalb wie außerhalb der Punkszene zu unterstützen, bzw zu vertreten.

So, jetzt aber zur Musik!
Der Sound erinnert mich brutal daran, Achtung Zeitreise, dass man vor 25 Jahren noch auf einem Tascam 488 oder ähnlichen Aufnahmegeräten mit schlappen zwei Mikrofonvorverstärker seine Songs aufgenommen hat.
Das klingt so räudig und so begrüßt mich dann dieses Tape! Fotokiller klingen nicht frisch und modern, keine getrimmten Gitarrenspuren oder sauber gespielte Drums. Die musikalische Ausrichtung ist jetzt auch nicht so unbedingt 21 Jahrhundert.
Was keineswegs rumpelig klingt, nein, ich würde sagen „besonders“. Die ersten beiden Songs ziehen ruch und beim dritten „Isolation“ nimmt die Band Fahrt auf, spielen richtig cool zusammen!

Je länger man sich reinhört, desto mehr zuckt das Tanzbein. New-Wave, ein bisschen düster, ein bisschen punkig. Flanger auf dem Bass, eine begleitende Gitarre, kurze Melodien heitern die leicht gedrückte Stimmung auf, irgendwie Verzerrung auf dem Schlagzeug (ich sag nur: Tascam 488, haha!) und eine ganz klasse Stimme.

Erinnert mich an Hi-Tereska, ach ne, Namedropping spar ich mir, dafür hat die Band auch zu viel Spielerfahrung. Einige Eltern des New-Wave-Punk der 70er/80er Jahre könnte ich noch nennen, aber macht euch selbst ein Bild.
Apropos, die Texte sehr bildhaft.
Anspieltipps sind „Babel of tongues“ und „City lights“.
Der Nächste Release kommt hoffentlich bald. Wer ein Tape möchte, vermtl die Band selbst mal bei FB oder Bandcamp anschreiben.

fanzine: Trust #207/02 April/Mai 2021

Das Trust Nummer 207 ist mir mal wieder eine kleine Review wert. 
Das Magazin erscheint seit vielen Jahren regelmäßig, ich hab ein Abo seit vielen Jahren, und irgendwie gehen wohl die meisten, so auch ich, nach so vielen Jahren mit dem Heft um, wie mit einem Freund. Mal ruft man an, sprich: schreibt ein paar Worte darüber, mal hat man schon Schwierigkeiten, eine einfach Postkarte zum Gruß zu verfassen, sprich: man blättert nur durch.
Klare, bleibende Elemente sind das Layout, schwarzer Rand, weißes, das Papier.
Direkt gefreut habe ich mich über das kurze, vorstellende Interview von Modern Illusion Records, deren Tape-Veröffentlichungen ich schon alle hier mal besprochen habe. 
Dieses Jahr wird wohl ihre erste Vinyl-Veröffentlichung folgen. Apropos, es gibt ein Interview mit Optimal Media, die sich vor allem darum bemühen beim Pressen eine 1A-CO2-Bilanz vorweisen zu können. Das fängt bei den Produktionsprozessen an und geht über Recycling Vinyl bis zur Nutzung der Hitze, die beim Prozess entsteht.
Ein gutes und interessantes Interview mit Ronja, Kollegin und Redaktionleieterin der Plastic Bomb, Jan Röhlk hat ausführlich mit ihr gesprochen. Nicht nur über alles, was mal war bei der Bombe, sondern auch den neuesten Entwicklungen und Ereignissen zum Thema „punktoo-Bewegung“.
Gibt dann gibt es noch die Reptilians from Andromeda, Nobelschrott und Kali Masi, die ich bisher nicht kenne. Ich hör mal rein!
Da bin ich auch schon bei den Reviews, in denen ich erfreulicherweise diesmal eine recht hohe Deckungsgleiche an Bands, die hier wie dort besprochen wurden, entdecke.
Tolle Ausgabe, wieder mal.

Danke.

fanzine: Ruebenmus #4

Rübenmus, schon die Nummer 4, ein junges Fanzine welches sich in meiner Welt quasi erst vor einem halben Jahr gegründet hat. Zack! – schon Ausgabe 4 raus. So klaffen manchmal gefühlte und echte Wirklichkeit auseinander.
Glücklicherweise haben die Rübenmusis das „Ultra Systrempresse-Siegel“, ich hätte das auch gerne, wo gibts das denn?, welches sie ganz klar auf die wirkliche Welt-Seite stellt.
Fleißig sind die Punx unerhörterweise also, jede Ausgabe, so fühlt es sich an, wird jede Ausgabe dicker. Mehr Stoff, also zum Lesen. Das Dosenbier schlucken wir immer noch alle allein zuhause (oder heimlich in der Tiefgarage umme Ecke, gebt es zu!)
Interviews mit den Geheimratszecken, „with OI to hope„, einer echt cuulen Soli Aktion mit Sampler, der Band Scheisse und einem herrlich gegensätzlichen Pärchen: „Punk is tot“ vs. „Weiterentwicklungen im Punk“.
Ihren Stil haben Szenepolizist und de Wessi gefunden, er ist gleichbleibend hübsch punkig anzuschauen. Seid ihr beiden das auf dem Cover? Dit is aba keen Punk, ihr schaut aus, wie Studis auf ner Bad Taste Party, haha. Dit raff ich eh nie. Punk. Ist doch tot, gell!
Irre, ironische, ernst gemeinte Berichte, zum Beispiel „Hundertprozent Arschl*chdichte (gefühlt)“ – ihr merkt schon: mit den Themen haben sie bei mir ein gemeinsames Interesse geweckt. Rubrik „Rübe ab“ wird das Buch „Hamburg Calling – Punk und Underground“ verrissen; ich fands ja ganz gut. Aba ich bin ja auch voll nich Punk. Ich komm ja ausser Provinz.  Der Autor eigentlich nur darauf, dass er den Typen, der das Buch verzapft hat, für zu alt findet und den Podcast den er gehört hat war Scheisse.
Ich meine, viele Punks haben das Gefühl, dass das was andere als Punk verkaufen Scheisse ist. Ich kann das nachvollziehen, ist mir aber auch schießegal.
Dann jibbet noch jeweils zwei Reviews, jeder der Herausgeber schreibt also seine 2Cents zu etwas. Find ich gut. Kann ich folgen!
Beispielsweise dieses kleine Provinzheftchen hat einen Bonuspunkt bekommen wegen des Ausmalbildes in der Mitte des Hefts (Ausgabe 6). Fein. Herzlichen Dank für die Blumen, die ich nur zu gerne zurückwerfe!
Ich macht ein super Heft, macht bitte weiter so!
Rübenmus hier oder bei FB oder mail

review: BÜCHSE – Tumulte LP

„Tumulte“ ist ja mal ne Ankündigung für ein erstes Album. Mir sagte die Band Büchse nichts, ich bekam eine unverfängliche, freundliche Anfrage.
Spontan nahm ich mich ihrer an und mein Stapel an zu hörenden Platten wuchs weiter an.
Zeit vergeht.

Ich packe die Platte mal spontan aus, freue mich direkt, ein grandioses Innenleben tritt hervor. Plakat, Platte, Booklet und: guter Musik auf Vinyl.
Ausm Saarland kenn ich nur Pascow. Glaube ich.
Ins Ohr flattern mir aber, zu meiner Überraschung, kein Deutschpunk, nicht mal Ansatzweise Punk, oder doch?, sondern Synthie, Drumcomputer, Gitarre und Sprechgesang.
Mit genau dieser Reduziertheit punkten der Dreier schon mal richtig hoch! Was ein bisschen Elektronik und Gitarren so ausmachen können. Die Lyrics sind sehr menschlich, solidarisch, offen und kommunikativ. Auch das sticht aus der breien Masse weit heraus! Die Texte machen wirklich Spaß. Ich hoffe, euer Mucke kommt im Radio, dass auch mal der Spack von nebenan mal hört wie man Sprechgesang mit Hirn zusammenbringen kann.

Cooler Song und cooles Video von Büchse über Coming of Age aufm Dorf.
Saarland in schlau.

Insgesamt echt mutig, so nem alten Punker die toll aufgemachte und gespielte Platte zuzuschicken. Ich springe also vom Tellerrand in einen Rap und Indierock-Gebräu, welches ich so noch nicht gehört habe. Aber meine Old-School-Freunde hören heute auch noch Such A Surge und zahlen viel Geld für deren LPs; for what?
Manche Musik ist halt zeitgemäß und kommt über diese Zeit auch nicht hinaus. Vielleicht weil sie zu experimentell und zu speziell ist.
Bei Büchse hab ich echt Hoffnung. Ein paar gute Musiker mit viel Phantasie für Story-telling und dieses in gute Lyrics verpackt. Gönnt euch.
Da geht noch was.
Das Chartpunklabel Bakraufarfita jedenfalls passt schon mal wie die Faust aufs Auge.

buch: GARY FLANELL – angst vor blauem himmel

Angst vor blauen Himmel“ ist der Titel von Gary Flanell’s zweiten Werk nach „Stuntman Unterwasser“. Er selbst ist oder war Fanzine-Macher (Renfield-Fanzine), Musiker, DJ. Euch ist er hier bekannt durch seine famose Split-MC rebok. Yeah. Es finden sich 35 Kurzgeschichten und Gedichte auf 207 Seiten, das ist ne ganz ordentliche Zusammenstellung, bzw ein respektabler Output.
Es geht um melancholische Lappen, DJs, die ihr Programm zusammenstellen, trotzdem ein nie zufriedenes Publikum haben, pubertierende Punks und andere, völlig absurde Geschichten. Völlig, nein, sicher nicht; da steckt jede Menge Leben drin!
Gleich die erste Story „Vom Verschwinden einer Fluse“ ist schön schräg, kurzweilig, punkig, ein toller Opener! Weil Fluse anders gemeint ist, als es der Titel verrät.
Die Kurzgeschichten sind mal kurz, erstrecken sich über eine Seite und mal etwas länger, wo sie dann auch mal 5-7 Seiten füllen. Mit diesem „was sie schon immer nicht wissen wollten“, schließe ich die kleine Story an, dass ich das Buch letzten Spätsommer gelesen habe und gerade am Badesee lag, als ich diesen Review in mein Diktaphon sprach. Das höre ich am Rauschen der klitzekleinen Badewellen, die all die Menschen machen mit ihren Gummidingern, wenn sie sich darauf rumwälzen. Das abgefahrenste Teil, an das ich mich erinnere, ist eine Badeinsel auf der mindestens vier Personen sitzend Platz haben. Aufblasbar und groß wie der 7-Meter-Raum vor einem Fussballtor.
Ein Gedicht, welches sehr heraussticht und noch erwähnt sein soll: „Michelle Piccoli Am liebsten ess ich Polizisten“. Wirklich ein Amusement, dies zu lesen.
Ich finde Gary hat einen richtig guten, eingängigen Stil. Es macht richtig Laune seine Geschichten zu lesen! Abwechslung ist immer da, manches mal geht es recht ruppig zur Sache, mal erzählt ein Wal Witze. Ja.
Danke für diese Buch. Wünsche euch auch maximales Lesevergnügen!

Buch gibts von und bei der Edition Subkultur. Und natürlich auch woanders. Da mach ich nur keinen Link für.
Hier sein Facebook-Link.

PS: Ich bin also froh, meine Audionotizen nochmal durchgesehen zu haben, nun steht es geschrieben: kauft dieses Buch.

review: Grüner Star – hauptsache, es bleibt friedlich LP

„…und an jedem klapprigen Dorf klebt jetzt ein Hafen dran“ (Europas langer Ritt). So startet die Platte und ich kann meine tiefe Verneigung vor Nils Texten nicht wirklich in Worte fassen.
Doch Grüner Star sind natürlich nicht nur Nils Stimme und Art zu Schreiben, sondern auch die Musiker, die sich um ihn versammeln um auf der Bühne ihre Art des Indie-Punks zu schrammeln.
Das schrieb ich nur für den kaum versteckten Reim! Denn Geschrammelt wird hier ziemlich wenig; die ganze Platte ist schon beeindruckend exakt eingespielt. Grüner Star kommen mit „hauptsache, es bliebt friedlich“ mit ihrer zweiten Langspielplatte um die Ecke.
Außer Nils (sang schon bei den übergroßartigen Schneller Autos Organisation und Pankzerkroiza Polpotkin), spielen noch Florian Gelling von grafzahl mit, Andreas Reth von Der Fremde  und Stephan Fust (Die Charts, spielt hier auch mit Nils zusammen) an der Gitarre.
Die Musik würde ich als sehr persönlichen, ansprechenden Indierock benennen. Mit dieser subversiven, zynischen Art, die nur Punks und Linksalternative drauf haben. Eine Blickweise auf Musik, Texte und ihre gemeinsame Wirkung, wie sie nur lakonische Hamburger treffend haben können.

Der erwähnte erste Song spricht schon für sich. Weiter geht es mit „Homburg und Mannheim (Köln)“ einer lakonisch fröhlichen Ode an das Tourleben. Grüner Star haben ein Faible dafür mit ihren Songtiteln meist nicht ansatzweise zu verraten, um welchen Inhalt es sich handeln könnte. Und meist hat man den Eindruck am Ende des Liedes, nicht genau zu wissen, was gemeint ist, obschon alles gesagt wurde.
Da muss man als Hörer schon noch mal ran. Nach „Irgendwann ist die Luft kaputt“ bin ich ganz in ihren Kosmos eingetaucht.
Was gibt es noch zu sagen: eine sehr poetische Platte ist das geworden, „Saure Gurken“ bereits auf der Split 7inch mit Elmar drauf, die ein einzigartiges Gimmick mit bei hat. Zwinker. Bei Facebook gibts auch ein schönes Video.

Das wirklich schmucke Artwork ist von Hans Stützer, Nils verriet mir, dass das kein bestimmter Stil sei. Nun, es möge einer werden! 180 Gramm Vinyl, Booklet und Downloadcode. Am ersten April diesen Jahres erschienen.
Erschienen bei Dian Recordings. Zu haben bei der Band, Green Hell, Flight13 und und und… bei mir!

review: Herr Paulsen und das Zeitproblem – aufgewacht, verlaufen (revisited) LP

Herr Paulsen und das Zeitproblem, hier nochmal die LP „aufgewacht verlaufen“.
Ich nehm einfach zum Anlass, dass wir in einer echt seltsamen Phase stecken, so zwischenmenschlich, bin aufgewacht und habe mich in éinem Gedanken verlaufen. Seit letztem Sommer, Aufgrund Corona, herrschen Schwierigkeiten beim Proben, beim Aufnehmen, Verzögerungen beim Bestellen und Liefern.
Erfindet selber Gründe! Jedenfalls ist mein Gedanke: seit einem Jahr gibt es  keine Musik mehr. Nichts erschienen, keine neuen Platten, man hört nur noch das alte Zeug; wird auch nichts mehr kommen.
Philipp ist der Gitarrist der Band, ein alter Kumpel von mir, spielte mit mir mal bei pADDELNoHNEkANU und gründete mit unserem Trommler die Band „Herr Paulsen und das Zeitproblem“. Sie brachten ein rotziges und wütendes Demo heraus mit dem Artworker, der auch das Anatol Cover „rette sich, wer darf“ gemalt hatte. 
Wir versuchen, wie viele, irgendwie Kontakt zu halten, was uns ohnehin etwas schwer fällt, leider, sorry. Es st dann aber immer mal schön, die quasi Compilation CD mit dem Demo und der letzten Scheibe, um die es hier eigentlich ja geht, in den Player im Auto zu schieben.
Ein weiteres Review der selben Platte, so was hat wohl noch nicht gegeben, jedenfalls nicht nach knappen zwei Jahren. Wohl eher beim Rerelease oder 20 Jahre-Jubilat.
Mir fällt nach einer so langen Pause des Nicht-Hörens auf, wie wahnsinnig abwechslungsreich Herr Paulsen und das Zeitproblem zur ersten Platte geworden sind. Musikalisch wie auch Textlich immer noch Dinge ausprobiert werden und man als Band die sich nun dann auch schon ein paar Jahre kennt, zusammen spielt, immer wieder auf der Suche ist nach etwas Neuem.

Bei diesem Gedanken fällt mir dann auf, wie schmerzlich ich Philip’s Ideenreichtum bei pADDELNoHNEkANU vermisse. Dieses „nicht machen, was andere machen“ und auch nicht dem Songwriting folgen, was irgendwer für richtig und „gut hörbar“ empfindet. Sondern sich von den Gefühlen und den (manchmal) spontanen Ausbrüchen im Proberaum hingibt; um dann in der dritten Version an dieser vermalledeiten Idee zu verzweifeln. Augenzwinker.
Das man ein viel zu langes Intro spielt, dass man eine kindische Freude daran hat ein bisschen holprig zu sein. Was sogar ein bisschen überfordert anhören könnte; für einen selbst UND die anderen. Und das ein Ziel da sein könnte, man aber gar nicht so richtig dort ankommen kann, weil man über den Drei-Akkorde- Tellerrand hinausblickt, am Horizont nach neuen Möglichkeiten, neuen Chancen sucht.
Sie schwelgen zwischen der frühen Angepisstheit, als die Band noch in Baden-Baden ansässig war und der Ruhe und Klarheit, die ein bisschen klingt wie Muff Potter oder Schelm, Indie angehauchter Punkrock. Songs, die vor Urzeiten gespielt wurden und jetzt im neuen Gewand auftauchen. Ersteinmal befremdlich für mich, der die Urversion schon vor Jahren abfeierte. Darf man das als Band machen?
Naja, wenn man es so sieht, dass Philip eine neue Band mit Martin, Clemens und Steven gegründet hat. Die fanden den Bandnamen total geil, also warum nicht? Fällt doch in quasi den selben Gedanken wie: diesen Song spielen wir nochmal, aber anders. Wie hier mit „Myosotis“ geschehen, den Tom von Freiburg / Auszenseiter gesanglich seine Note geben durfte.
Ich hatte mich das tatsächlich schon öfter mal in meiner Zeit als Musiker gefragt, wieso man ein neues Intro schreiben kann, warum den Song nicht verändern, schneller oder langsamer oder wütender spielen? Warum nicht dann auch noch mal Aufnehmen? Euch werden sicher einige Beispiele einfallen von Bands, die das schon gemacht haben. Ist ja sicher keine neue Idee!
Ich habe gerade einfach extrem Spaß daran, euch meine Empfindungen, Erinnerungen und Gedanken mitzuteilen, die mir beim hören dieser tollen Platte durch den Kopf gehen.
Auf Seite B gibt es bei „überholt“ wieder ein superlanges Intro. Geil.
Und an solchen Stellen maulen einige Schreiberlinge, Kollegen und Kolleginnen am erwähnten Songwriting rum oder merken auf, dass das ja kein Punk sei. Hierzu folgende Bemerkung: lest Verrisse nicht. Die wenigsten sind so gut geschrieben, dass man als Leser*in versteht, warum die Platte missfällt. Es ist meistens schon eine verfi**te Zeitverschwendung, sie zu schreiben (und gar abzudrucken). Dann lieber nix.
Vielen Dank fürs Lesen! Zieht euch Herr Paulsen & das Zeitproblem rein. Herzpunk. Von Herzen Punk. Die haben sicher noch ein paar Scheiben. Ich hab noch ein paar Platten im Bauchladen. Elfenart. Weißes Vinyl, Texteinleger, DL-Code und ein paar Sticker.

review: CeDe Salat Schüssel #2 – Antischall / Harry Gump / Kalter Stern

Antischall  – Glückskeks CD

Rauchend steht ein Auto neben mir auf die auf der A8; diese Fahrt ist hier wohl zu Ende.
Und jetzt kommt das Review von Antischall, ein weiterer, abgefahrener Release von 30  Kilo Fieber Records. Hach, CDs, mein Lieblingstonträger….
Sechs Songs sind drauf, eine EP. Vor Kurzem hatte ich mir schon ihr Video „Angelika“ angeschaut, welches die Band, so wie auch die CD, selbst produziert hat. Fünf „Normalos“ machen einen Rock Genremix, so ein bisschen auf hart und ein bisschen auf schlau. Punkrock nennen es einige, ich denke, damit liegen wir hier nicht ganz richtig. Am Gesang eine stimmlich ordentlich Feuer habende Frau!
Erstes Stück ist der Song zum Video „Angelika“.

Anfangs finde ich die Stimme der Sängerin etwas befremdlich, ist mir ein wenig zu gepresst. Was mir aber dann aber sofort positiv auffällt, ist der Chor-Gesang in den Refrains. Das die Band eine Frauen- und eine Männerstimme an Bord hat ist ebenso abwechslungsreich, wie ihr Genremix.
Das zieht sich durch „die Ruhe vor dem Sturm“; toller Text!; über „Harte Kante“ bis zm Schluss „wir sollten die Sonne verklagen“; auch ein super Text!
Insgesamt ist mir das (fast) zu abwechslungsreich.
Der vierte Song „nachgemacht“ handelt von den Menschen, die alles nachquatschen und lieber mal denken sollten, was auch wieder ein super Ansatz ist, nur die Musik!
Ich werde nicht so richtig warm mit diesem Crossover.
Mir gefällt, dass die Band ein eigenes Songwriting haben und absolut ihren eigenen Weg gehen. Besser als jede Band, die es um der Musik willen machen und irgendwelchen Nonsens und beliebig austauschbare Floskeln loswerden! Antischall machen das also richtig richtig gut.
Lieber die auf einem Festival vor den üblichen Festivalgängern, als die „austauschbaren“.
Anspieltipp ist definitiv der letzte Track der CD „wir sollten die Sonne verklagen“

Harry Gump – Von Mauern, Türmen, Brücken und Wegen
Kleine Geschichte vorneweg: wir haben uns bei einem sehr liebenswerten Halloween-Konzert in Oettingen kennengelernt. An dem Abend spielten noch die famosen Krawehl und die Notgemeinschaft Peter Pan zum Tanze auf. Veranstalter damals war eine Konzertgruppe in der auch Bernd von 30 Kilo Fieber Records dabei war. Ende 2019 hatte ich seine CD mit Textbuch „four chords forever“ hier vorliegen und bin echt hart in Love mit seinem Style.

Es gab eine  Vorab-Single des Songs „Team Gates“
Ich weiß nicht wie schnell man musikalisch reagieren kann auf auf Tages- aktuelles, wenn man nur seine Stimme und seine Gitarre braucht, ist man einer Band da klar im Vorteil!
Wir haben dann ein wenig korrespondiert, zwei Songs landeten auch direkt auf dem Tapesampler #7 der gerad aktuellen Printausgabe der ProvinzPostille. Der erste Song „Stimmen aus den Trümmern“ versprüht diese melancholische Lebensfreude, die ich bei den meisten Singer-Songwritern so sehr mag.

Und in all dieser Lebensfreude steckt eine ganze Menge ernst gemeinter Kritik. Die ganze CD ist also per se liebenswert!
Ich muss gar nicht weiter über die ganzen anderen Songs sprechen. Das ist gut!

Ein paar Songs gibts mit Percussions,  verschiedenen Instrumentierungen,  man lernt vor allem einen ganzen Haufen Leute kennen, die mit ihm musizieren, die Harry so über die Jahre „eingesammelt“ oder schon ewig kennt….
Da steckt viel Freundschaft drin, gebt Harry unbedingt mal euer Gehör!

Kalter Stern – s/t CD

Zum Abschluss dieser CD-Runde komme zu Kalter Stern aus Mönchengladbach. CD ist selbst betitelt, Weiß und Grau gehalten, Bella Park Records dem Label für „unlabelbares“. Na da bin ich ja mal gespannt.

Mäandernd, New-Wave, Sound-Experiment, selbst gemachte Beats, lyrische Träumereien. „Die letzten Hüftbewegungen des Sommers“ sind der Spruch im Innenteil der Hülle.

fass was an
trink was aus

Minimalistische Soundformationen, umkreist von Worten. „Ein Riese“ ist Erinnerung an Einstürzende Neubauten. „Kennen sie eine Merle“ so hiess es damals im Text, jemand den Tracktitel dazu?
Regelmäßiges überfordert sein, zwischenzeitliches Zwangsjackengefühl aus dieser Musik nicht mehr heraus zu kommen. Aus diesem Song nicht mehr ausbrechen zu können; und dann bricht der Song ab.
Plötzlich.
Wie ein Dada-Gedicht.
Insgesamt sind es 10 Stücke, die auf der CD-R eingebrannt wurden. Als ich ein zweites Mal durch bin stellt sich ein recht kurzweiliges und  abwechslungsreiches musikalisches Schaffen dar. Die Songs oft „ineinander gesteckt“, manche sehr ruhig und dichterisch, und manche etwas unruhiger, mit nem Beat, verzerrten Gitarren; man kommt fast in die Versuchung zu sagen „auch tanzbar“, leicht unterkühlt.
Kalter Stern trifft mit dem Namen tatsächlich um den Nagel auf den Kopf. Mir fehlt es ein wenig an der Emotion, der Energie, der ich folgen kann. Eventuell bin ich halt von eher dem heissen, schwitzigen Punkstern, der seine Pogorunden dreht.
Insgesamt trifft das Wort „außergewöhnlich“ es wohl am besten.
Am Werke waren hier Herr N. und Herr F.

 

review: Müllheim – Kron MC

Wohl die absolut witzig-kreativste Zusendung, die ich bisher bekommen habe.  Das wirklich mit Abstand geilste Bewerbungsschreiben aller Zeiten  (Fotografien im Anhang).
Wenn ich angeschrieben werde, merke ich schlicht an, dass es toll wäre, wenn die Band eine kleine Vita dazu packt. Ein paar Infos, wer wie wo und so.

wir sind eine punkband und schreiben unsere briefe superlustig auf bierettiketten

Gut so. Ich hätte euch nicht einfacher als Punkband identifizieren können. Zur Musik kommen wir ja erst noch, haha.
Nun, die Band besteht aus drei Patienten (0 Git / Ges., 1 Bass / Synth, 2 Drums) und haben einige Referenzen wie Razzia, Abwärts oder Mittagspause angegeben. Sie stehen auf die 1980er und eher „so schlecht aufgenommene Sachen“.
Man spielte schon in andern Bands, die aber keiner kennt, da dies das erste Infoschreiben sei. Info also: aufgenommen 2020 in Berlin, 2021 kam eine Single „Endzeitstimmungshits I + II“ zur Lage der Nation digital heraus.
Nachdem ich diese ausführliche Beschreibung gelesen habe, lege ich also die Kassette ein. (Kommt mit Downloadcode und kleinem Booklet).
Erster Gedanke: Phantom Records mit Lassie und Pisse auf dem Synthpunklabel. 
Das Artwork der Band Müllheim ist eher bescheiden, dafür fetzt die Musik umso mehr. Richtig gut abgehangener 70er Punk mit Synthie, sinnlosen Texten und … irgendwas mit „s“ muss mir jetzt noch einfallen…. „Existentialismus“
„Kann man davon leben“, fragt die Band. Von derart Musik? Vom Nichtstun? Vom Abhängen? Keine Ahnung man kann „damit“ leben aber „davon“? Ist eine kapitalistische Frage, hiermit klar mit Nein zu beantworten. Die Texte sind sehr repetitiv, nichts desto trotz haben sie diesen punkigen Zynismus, den ich wahnsinnig liebe.

tagsüber arschloch gewesen
aber abends voll nett

Sagt eigentlich alles über unsere Gesellschaft.
An dieser Stelle kommt mir die exitentialistische Frage „wie viel dieser Art Punk muss man hören, um das so perfekt wieder aufspielen zu können?“
Oder platzt das aus einem heraus? Ist das in einem drin und ist so eine Art musikalische Sprache, die durch das Erwachsenwerden erst in drei Akkorde gepackt werden kann. In jedem von uns schlummert also der 4/4tel Beat; in manchen halt 7/8tel.
Anspieltipp ist „Junge“, packt das mal in euern Kassettenrekorder! Super das.