MC: korrosion – couchelden

Zum Review hatte ich hier das aktuelle „naked in the playground„-Tape, welches famos abzufeiern ist.
Nun haben korrosion, posthum sozusagen, einen digitalen Release ins analoge Tape geschoben und auch zum Durchnudeln im Tapedeck rausgebracht. Es hört auf den Titel „couchhelden“ und ist beeits 2021 erschienen.
Dvor gab es ja die Split mit der Band Scheisze aus dem Jahre 2020 und davor ein Demo in 2019. Weswegen ich das alles aufzähle: ihr merkt selbst, korrosion sind nicht nur schnell im Spiel, dem Spiel der Schlagstöcke und der flinken Finger, nein, auch im Schreiben und veröffentlichen von neuen Songs. Also man kann schon fast von Geknüppel von Chouchhelden sprechen!

Die Songs auf diesem Tape sind zügellos! Ohne jede Handbremse wird drauflosgebrettert. Melodicore vom Feinsten. Aber nicht so wie irgendein amerikanisches Abziehbild. Das ist definitiv mit etwas mehr Hirnschmalz. Oft genug sind ja die Texte von solch melodischen Bands recht… sagen wir mal… einfältig?
Bei korrosion ist das anders:

Krisentreffen, Rat der Punks
Die scheiß Wende zerstört No Future
Katastrophe, wo soll das hinführen
Wohlstand rafft die Massen dahin
Kein Ticken mehr im Hintergrund
Kein Damokles-Schwert blickt gütig hinab

Kein Ticken mehr im Hintergrund

Für die Jugend – Für die Kinder
Zerstört die Erde so krass ihr könnt!
Für die Zukunft von No Future
Sprengt Paläste, sprengt die Knäste
Sprengt die Schweine in die Luft
Und vielleicht auch ein Atomkraftwerk

Kannst du die Freiheit spüren?

No Future
(Fridays for no Future)

Mehr hab ich gar nicht zu erzählen. 11 Songs. Gute Aufnahme, super gespielt, viel Spaß beim Zuhören und Abfeiern.
Zu haben via Bandcamp bei der Band oder Mail beim Label Abfallproduktionen.
Kommt mit feinem, bunten Cover, A4 Faltblatt mit allen Texten, farbiges Tape.

 

LP: frachter – bad sterben

Frachter, eine Band aus Weimar, wo liegt das eigentlich? Ein Ort irgendeines Dichters, glaub ich, da kommen Frachter her, die schon in 2016 ihr erstes Demo veröffentlichten.
Mich erinnert das sofort an Kitt Wolkenflitzer, Herr Paulsen und das Zeitproblem oder Lygo. Nicht ganz so „schreiig“, mehr Indie, mehr Emopunk,
aber von vorn:

Der Frachter legt ab mit dem ersten Track der Platte Bad Sterben. Der lakonische Gesang von Jochen, dem Sänger und Gitarristen von Keine Zähne im Maul aber La Paloma pfeifen kommt mir in den Sinn; dabei ist Weimar tatsächlich weit weg von Flensburg oder Kiel.
Sie haben auf jeden Fall die „richtigen“ Vorbilder, die sie in den Titeln auch benennen, wie Graf Zahl oder ….but sterben zum Beispiel. Das ist schon alles hoch melodisch und hat doch so einige schöne Textzeilen, viel Ironie zwischen und in den Zeilen.

denn perfekt ist nur der tod

die Tischdecke bleibt kleinkariert
genauso wie die Köpfe
(Atacama)

Das gefällt mir richtig richtig gut, was die Band da macht. Abwechslungsreiches Songwriting! Die Songs „zylinder“ und „keine szene machen“ gehen ineinander über, durch ein Break ins andere.
In Letzterem dreht es sich um eine Liebeserklärung an eben die eigene Szene, davon ein Teil sein zu dürfen, sich sicher fühlen kann, aufgehoben. Was man kreativ und subversiv erschaffen kann. Im letzten Satz bekommt das noch einen Twist, ein klein wenig erhobenen Zeigefinger, denn ob der Jugend der Band ist das entschuldbar:

eine Szene nimmt eine Menge in Kauf
weil sich das einfach besser verkauft
aber hey alles cool
ich will keine Szene machen
es war schon immer so
und dabei sollten wir es belassen

So ein kleiner Wink, dass eben auch eine coole Szene ins Konservative abrutschen kann; eingefahren wird. Sollten wir es also belassen?

Die Worte gebe ich mit auf den Weg.
Ein paar Shows spielen sie auch, schaut mal bei FB.
Album ist am 17.02. erschienen. Mein Review so ähnlich auch beim Vinyl-Keks.
Käuflich zu erwerben direkt beim Label gunner-records.
Ein Video gibt es zu „homo faber“ – ein Track, der mich nun an Captain Planet erinnert. Das Album kann echt nur gut sein, wenn ihr auch nur annähernd etwas mit den genannten Bands anfangen könnt!

und ganz aktuell gibt es noch einen Clip zu „schnauzbert“

LP: cages – second thoughts

Hier komm ich endlich dazu die Cages zu reviewen. Eine ganz wundervoll verpackte Platte, die ich mir  schon vor ner ganzen Weile gezogen hab.
Ich bekam mit, dass Micha der Sänger, auch Zeichner von vielen schönen Emo/Screamo-Releases, Herausgeber des Artzines Schwarzer Rand, eine neue Band hat, die Cages heißt. 
50 Stück dieses tollen Artworks sind bei Through Love raus:

Es ist eine EP, einseitig bespielt, fünf Songs. Und jeder einzelne packt mich!
Emotive Hardcore. Auch als Punker kann man sich von all den Haken und Ösen, den Stopps, mal etwas vertrackter mitnehmen lassen. Cages rutschen nie in ein zu schreiiges oder jazziges Gefrickel. In den Lyrics geht es viel um Nachdenkliches, Dinge die wir zu schnell vergessen, über das Immerwiederkehrende, die Rituale, die so dumm sind, sie ewig zu wiederholen.
Ich finds saucool:


Erschienen bei Through Love Rec. (Germany), Middle-Man Rec. (USA), Shove Rec. (Italy) und Long Legs Long Arms Distr. (Japan)

LP: todeskommando atomsturm – endlich zukunft

Wie hart man sich täuschen kann! Ich entdecke Todeskommando Atomsturm hier wohl ein zweites Mal.
Ich stelle fest, nach den ersten paar Takten, dass das nicht das ist, was ich erwartet habe. Irgendwann hatte ich mal ne Split, ne, bei der kleinen Recherche stelle ich fest, ne, Todeskommando Atomsturm hat keine Split gemacht. 
Wie auch immer: also alles neu!
Die Mucke ist ja mal einfach cool. Hardcorepunkband aus München.
Im ersten Song „dead punks“ verabschiedet sich die Band davon, dass diese Szene von Altem, denn diese Szene, und deren Inhalte, wofür sie stehen, haben sich verändert, weiterentwickelt. Was soviel heißt: mit der Entwicklung der Gesellschaft geht diese Veränderung einher und alles, was du von früher laberst mündet darin, dass es heute halt einfach nicht mehr so ist; und du konservativ an deinem Shit festhälst.
„Seelenverkäuferin“ handelt von Menschen, die Geld vom Staat beziehen und die Frage daraus: Was ist dieser Mensch denn Wert?
1,96 EUR?

die Mäuse sind verschwunden, nur der Kater ist geblieben

„Tag des Feuers“, auch als Videoauskopplung erschienen, geht es um den niedergebrannten Regenwald in Brasilien.

Wobei ich hier den Wehmutstropfen loswerden mag: dieses Solo vorneweg ist so hart rockig, dem/(der eine(n) oder anderen wird es gefallen – ich mag diese Rockmusik null, dass es mich sofort dazu bringt, beim Video auf Stop zu drücken. Die Platte läuft, selbstverständlich, durch!
Wenn ich mir dann noch den Artkel aus der Süddeutschen Zeitung dazu reinziehe…. Die Band hat ein gutes Gespühr für Melodien, ja, aber ausgerechnet dieser Song? Es ist ein Rocksong, mit Punk, nunja, hat das nicht so viel zu tun.
Nichtsdestrotzrotz ein sehr schönes Video und ein super Text. Die Wut ist textlich und gesanglich klar formuliert.
Bei „Tigerbalsam“ geht es ums älter-werden in dieser Szene. Der Teenagerfrust ist nie vergangen, was einen zum Nachdenken bringt, man aber dann doch immer weiter macht. Genau! Ganz meine Meinung! Fett nach vorne gespielter Hardcorepunk, der den beschrieben Frust die Faust in der Luft hinzufügt!
Ich weiß jetzt auch nicht, ob ich mit 62 oder so noch auf der Bühne stehen werde, aber eventuell kenne ich befreundete Bands von meinen Kindern oder deren Freunden, und schaue mir die an, supporte! Wenn es diese Blüten treibt, haben wir doch alles richtig gemacht. Lärm bis in alle Ewigkeit.
„Endlosschleife“ ist eine sich endlos wiederholende Abwärtsspirale im Internet.
Danach folgt „nein“, in dem es um die Menschen geht, die sich in den letzten beiden Jahren vermehrt auf die Strasse gewagt haben, um mit Todschlagargumenten durch die Gegend zu latschen. Und auf jedes Gegenargument mit „nein“ zu antworten.
„Kabul calling“ ist teilweise in Englisch, es geht um Flucht und Fluchtursachen. Er schließt sich musikalisch ein wenig an „Tag des Feuers“ an, ich nutze hier mal den Ausdruck pathetisch.
Zum Abschluss schieben sie dann einen Song auf französisch hinterher, meinen tiefsten Respekt dafür, es ist keine leichte Sprache. Der Trugschluss der feministischen Punkrockparty – und bevor ich da jetzt etwas erkläre, was mir möglicherweise unerklärlich ist, weil ich ein Mann bin, empfehle ich hier den Anspieltipp.  Zuhören und nicht durchrauschen lassen!

Die Band spielt richtig gut zusammen und haben ein eingespieltes Songwriting. Rotz in der Stimme, melodische Gitarren, präsize Backsection.
Im Booklet präsentiert sich Todeskommando Atomsturm auf großer Bühne mit Konfettiregen. Ich denke, wer Pascow mag, kann hier bedenkenlos mitbestellen! Und auch das nächste Konzert besuchen. Sow ie sich die Band präsentiert, ist damit zu rechnen, dass da noch einiges kommen wird!

Erschienen und zu haben via Gunner Records.
(und dieser Review mit Freundlichen Grüßen auch schon mal beim Vinyl-Keks.)

10inch: auspuff – we are auspuff

wat’n name. Auspuff.
Die gänzlich unbekannte Band Auspuff bringt eine 10inch in Eigenregie raus (ich nehme an, die Band hat mit CICI Records ihr eigenes Label gegründet)
Die Band wurde in 2020 gegründet und besteht aus zwei Menschen: Lisa & Raul. Sie spiel(t)en wohl auch schon mit / bei: Einkauf Aktuell, Leopard und Die Spritzen.
Das Scheibchen läuft auf 45rpm und gibt mir, ich lege Seite zwei zuerst auf, ein Gefühl von Beastie Boys auf ihrer Cooky Puss EP, wo sie erste Schritte im Hiphop machten. Das ist schön rough, mit einem Sprachsample unterlegt, es geht um New York. Überhaupt haben die beiden sich hart in NY verguckt, ein Aufkleber liegt bei „I (auspuff) NY“. Dafür kein Textblatt. Na gut, die Texte sind recht gut zu verstehen und repetitiv, da braucht man das jetzt nicht unbedingt.
Die Aufmachung dieser tollen Platte, macht das Fehlende wett.
Man ist bei der Herstellung wohl kreuz und quer mit farbgetunkten Reofen über die 100 Cover gerollt und hat hinterher den Schriftzug mit Glitzerverlauf drübergesprayt. Voll gut! Und das ganze dann noch in eine 10inch-Hülle! Die sind bei mir jedenfalls ziemlich rar!

Die zweite Seite bollert dann ordentlich mit „ich hab kein Gehirn mehr“ (… am Ende wollen sie auch keines mehr) und „du bist nicht gut genug“ (eine Ode an das Diktat des Drucks der Gesellschaft), sodaß ich bei Seite eins meine helle Freude am ersten Deutschpunkkracher „we are auspuff“ habe!
Das hat ordentlich Noise und Druck!
Und sie legen mit Anspieltipp „kittchen fantasy“ einen superironischen Klopper hinterher. Ich vergleich das mal mit Feine Nase. Hört da mal rein!
Zum Abschluss gibts noch mal so was wie „du bist nicht gut genug“ mit „sink tank“ klingt bei mir die äußerst noisige Platte an dieser Stelle aus.
Ich find die echt Bombe! Superabwechslungreich, auf jeder Party kann man, ja nach Stimmung, einen andern Track in die Plylist schmeißen und macht nix falsch.

Gibt es, meines Wissens nach, nur bei der Band, sprich direkt bei Bandcamp oder Mail.

LP: 100 kilo herz – akustisch im gewandhaus

(dieser Review erschien schon beim Vinyl-Keks)
Am 03.02.2023 erschien die LP „akustisch im Gewandhaus“ von 100 Kilo Herz in den Shops und in euren Ohren; und ich hab keine Ahnung, wo ich diesen Review anfangen soll.
100 Kilo Herz, eine Punkband mit Gebläse-Sektion, die sich durch solidarische, kritische, herz-liche Lieder in unsere Herzen gespielt haben. Die im letzten Jahr einen berechtigten, wie auch von Seiten der Band reflektiert aufgearbeiteten, Shitstorm über sich ergehen lassen hat müssen. Eine (ist das noch?) Punk-Band die, durch die Bläser eben auch musikalisch unausweichlich, hochmelodischen Punkrock machen, mit Reibeisenstimme, Reimschema und Versmaß.
Nun stehen da, außer der ohnehin schon sechs-köpfigen Band, 10 Menschen auf der Bühne, die die Punkmusik der Band in ein akustisches Gewand packen.
Was ich mal vorweg sagen möchte ist, dass es für Punkbands heute wichtig sein sollte, in Locations und vor Publikum zu spielen, was „normalerweise“ nichts mit dem Sound anfangen kann. Oder auch nicht unbedingt mit dem permanenten Querulantentum und Gemaule über gesellschaftliche Probleme, der Untergangsstimmung, die permanent durch die Lyrics weht. Und das machen 100 Kilo Herz schon von Anfang an echt gut. An den Stellen, an denen ihr Sound zu seicht wird, ihre Songstrukturen zu überschaubar, erreichen sie hoffentlich genau die Leute, die sonst nicht hinhören!
Und der Inhalt kriecht in ihre Ohren und versetzt ihre Hirne in Schwingung und sie beginnen zu denken. Sich zu engagieren, was immer.

Folglich ist es für mich absolut schlüssig, dass sich die Band so in die Herzen eines größeren Publikums gespielt hat, das auch im Gewandhaus sitzt, wo sonst eben klassische Musik gespielt wird. Wo Dirigenten ein Orchester durch den Abend geleiten und nun eine Brass-Punkband steht, die vor einem sitzenden Publikum in weißen Hemden, Fliege und Krawatte ihre melancholisch, kritischen Songs zum besten gibt.

Diesen Song spielen sie auch im Gewandhaus als ersten. Im Text heißt es:

Na klar habt ihr auch Hobbys, man muss ja was riskier’n
Mit Aktien spekulier’n, ein wenig Geld transferier’n
Und ich bin mir sicher, ich kann genau so sein
Alle, die zu wenig haben, vom Restgeld befrei’n

Ist doch genau das richtige Publikum, sofern denn außer Fans auch Menschen dort waren, die sonst die besagte Klassische Musik erleben.
In der Promo heißt das „Punkrock meets Hochkultur“. Als alter Couchpunker kommt mir da schon ein hochnäsiges Lachen aus der Kehle, respektive dem, was ich oben schon schrieb. Also ein lachendes und ein weinendes Auge!
Auch könnte man meinen, da es ja bekanntere Bands gibt, die gerade im Halbjahrestakt exklusive Media-Books rausbringen, dass 100 Kilo Herz eventuell etwas hoch greifen, nach gerade mal zwei Alben.
Wobei die Band es einfach schafft, greifende Hooks und gute Texte in abwechslungsreiche Songs zu packen, und das eben in kürzerer Zeit, als manch andere. Ich kann die beiden Platten „weit weg von zuhaus“ und „stadt, land, flucht“ wirklich empfehlen!
Wie auch immer, die erste Seite, bzw. die ersten sechs Songs haben mehr Tempo und starten lebhaft in dieses Set. Seite zwei beginnt mit viel Piano zu den Songs „Laternensong“ und „Rücksitz“. Sind echte Gänsehautmomente.
Ich finde, dass man schon merkt, dass 100 Kilo Herz noch nicht die 100%-Profis sind. Aber genau das freut mich total, denn abgeklärte Rockbands gibt es echt genug und Punk lebt davon, dass man nicht alles perfekt abliefert! Die zusätzlichen Instrumente, gespielt von Stefan Didt (Saxophon), Jost Elvers (Posaune), Lorenz Fröhlich (Trompete) und Stephan Mühl (Percussion und Ukulele), bringen wirklich eine schöne Farbe in die Musik von 100 Kilo Herz.
Anspieltipps auf dieser Platte namens „akustisch im Gewandhaus“ sind ganz klar „an Ampeln“ (den mag ich sowieso voll gern und erinnert mich wahnsinnig an Captain Planet – und die sind auch eine ganz große Liebe) und noch „die Guten“!

Zum Abschluss: ganz großen Respekt an die Band, die sich da musikalisch absolut weiterentwickelt hat. Einzelnen Songs nicht nur einfach ein neues Instrument hinzugefügt, sondern auch an der Struktur gearbeitet hat.
Wer weiß, ob sie dieses Akustikset nochmal so aufführen; für dieses eine Mal allerdings wirklich klasse gespielt und mit maximaler Leidenschaft vorgetragen.
Könnt ihr hier live erleben:
20.01.23 Bitterfeld, AKW
21.01.23 Husum, Speicher
27.01.23 Zwickau, Kein Bock auf Nazis Festival
26.05. – 27.05.23 Kronach, Die Festung Rockt
24.06.23 Münster, Vainstream Rockfest

Das hier präsentierte Mediabook mit LP und Booklet gibt es bei Coretex.
Die Version im Gatefoldcover bei JPC
Erschienen bei Bakraufarfita Records. Aufgenommen im Rahmen der Reihe „Leipzig klingt weiter“.

PS: Wer nun in diesem Review vermisst, dass ich mich mehr äußere zu den Vorwürfen gegen den Ex-Gitarristen der Band (2021 bereits aus der Band ausgeschlossen), der kann sich sehr gerne das Statement von Rock am Berg Merkers vom Sommer des letzten Jahres durchlesen (und den Links dort folgen). Inzwischen hat sich einiges getan. Die Band und auch ihr Label Bakraufarfita haben sich konsequent um Aufklärung und Aufarbeitung bemüht. Ich habe da einiges mitgelesen, denke, die Band und die Crew machen das sehr gut und sind mit ihrer Art & Weise damit umzugehen wesentlich näher am Menschen und Geschehen, als so manch andere; hier nenne ich keine Namen.

LP: scheissediebullen – simulation eines guten lebens

Die Freiburger Scheissediebullen bringen ihren dritten Longplayer raus, nachdem es 2013 „aufschwung“ und 2016 „anwohner raus“ erschienen ist.
Bei Gunner Records sind sie geblieben und „Simulation eines guten Lebens“ erscheint ergo wieder dort.

Das Cover ist aufwendig im Punkrock-Kritzelstyle. Glücklicherweise nicht auf kariertem Papier, ich würde sonst Rückschlüsse auf etwaig verlorene Schulstunden ziehen, in denen, statt der Performance der Leerkraft zu folgen, das Schreibgerät leergeschrieben wurde.
Die Vorderseite mit einem verträumten Punk, der aus seinem recht aufgeräumten Zimmer in die graue Welt (mit Atompilz) schaut, auf der Rückseite wohl die, möglicherweise von ihm beschmiertes Mauerwerk, Graffitis der Songtitel. Die finde ich allerdings etwas chaotisch angeordnet und unleserlich; da hätte man doch auch gleich einen Deathmetal-artigen Schriftzug… der ein oder andere ist vielleicht nicht ganz so lost wie ich.
Ein vier-seitiges Booklet mit allen Texten liegt bei. Auch optisch sehr schick.

Scheissediebullen machen recht gediegenen Deutschpunk mit recht schlauen Texten. Nach der ersten Runde fetzt mich das noch nicht so richtig, also nochmal von vorne.
Was die Band sympathisch macht sind ihre Spielfreude, der gute Sound und die Zitate. Ich finde Slime, die Toten Hosen, ihr könnt ja auch mal ein bisschen suchen!
Sie sind sich selbst nicht zu schade, Melodien zu klauen und selbstironisch über sich zu singen.
Ziemlich direkt ist beispielsweise „Philosoph“, einer umfassenden Kritik am Werk des Philosophen Sloterijk, der siet zu vielen Jahren an der Karlsruher Unität sein Unwesen treibt.
Erinnert mich desöfteren an Alarmsignal, wer einer unbekannteren Band eine Chance geben möchte, ist somit bei Scheissediebullen ziemlich sicher am richtigen Ort in der Plattenkiste.
Super Songtitel wie „La Deutsche Vita“ oder auch „Sommer, Strand & ein paar Leichen“ machen die 14 Songs eben selbstironisch, aber auch sozialkritisch und politisch. Ja, ein „so tun als ob wir ein gutes Leben führen“ das ist das Thema der ganzen Scheibe. Ist es ja mit der Punkmusik im allgemeinen.
Für Menschen die Mülheim Asozial mögen oder auch die erwähnten Alarmsignal.

Schöne Bundles der „Simulation eines guten Lebens“ (100 Stück limitierte LP mit silbernem Vinyl und Riso-Print, sweete Bundles mit unserem neuen Shirt (starring Hündin Pippa!!) oder einfach die CD oder LP) gibt es bei Gunner direkt.

(dieser Review ist freundlicherweise auch schon bei Vinyl-Keks erschienen)

 

CD: klotzs – sucht vol. I

Statt einer angkündigten Doppel LP „sucht“ von Klotzs, die für irgendwann Herbst 22 angekündigt war, nun für Frühjahr 23, kommt eine CD. In zwei Teilen.
Teil eins, im Gatefold-Pappschuber, ist mit neun Songs bestückt. Die gab es beim Konzert im November bei den Konzerten mit Duesenjaeger. Man konnte seine Email-Adresse hinterlassen für den zweiten Teil, aber ich weiß ja, dass die LP kommt, was soll ich mit dem ganzen Plastik.
Nun, ich habe mir eine CD / MD -Kombination besorgt, kann nun alle eure CD’s endlich wieder in ein Abspielgerät tun; was ich aber gar nicht will.
Egal bei Klotzs, die sind toll, da will ich doch mal lauschen. Ja!
Und das solltet ihr auch:
Ein klein wenig bleiben sich Klotzs natürlich treu. Die fetzigen Punksongs gibt es immer noch, die mit Intelligenz, Wortwitz und Spielfreude nur so strotzen!
„sand“, damit geht’s los, doch „lokalpatriot“ ist ein Hit, ALTER, wie geil ist das Ding. Und „drachenstadt“!
Doch sie machen sich auch an eine andere Gangart heran. Sagen wir mal: jazziger Indierock. Wobei Jazz nicht das beinhaltet, was ihr jetzt denken wollt. Und auch „indie“ ist wohl nicht das beinhaltet, was der Fortsatz „rock“ mit sich bringt. Klotzs machen das eigen-willig.
Inge ist der Multi-Instrumentalist bringt da schon so einiges ins Multirecording-Gerät, wie bei diesem Kleinod, dessen Titel mir grad nicht einfällt, mit dem Saxophon, welches hart nach New York klingt!
„kennzeichen D“ ein wahnsinnig guter Text.

Ich will es kurz machen, denn diese CD ist ja nur ein Teil, ein Appetizer. Mir hat er Appetit gemacht. Das Album wird toll! Klasse Artwork!

7inch: main line10 vs tourette’s – the opposite of beeing kind

Tourette’s vs Main Line 10; und endlich mal ne Mönchengladbacher Band, die nicht im sonst übelichen, musikalischen, Dunkel der Stadt abtaucht.
Bei Dr. Skap Records hab ich das Ding bestellt und meine Freude daran. Die Bands haben sich das geteilt, da sie im Herbst 2022 gemeinsam eine kleine Europatournee gemacht haben.

Die Tourette’s sind seit 1997 unterwegs und macht hochmelodischen Punkrock in Tradition so einiger amerikanischer Bands. Wobei „the edge of sickness“ das recht ernste Thema des Alkoholismus anspricht.

Mit „no promises“ dreht sich um die Suche nach einem Selbst. Gut gespielt. Nice. Fast schon verhalten.

Mainline 10 überaschen mit „ohana“ mit einem fast elfengleichen Track, der sehr poppiger Natur ist; ein Liebelsied. Um dann mit „heart beat“ einen NuMetal/Hardcore/Melodicpunk-Brett hinzulegen; cool.
Es geht drum, den Herzschlag des anderen zu spüren, statt sich gegenseitig zu verscheißern. Die Band aus Mallorca, bringt ordentlich Power auf die Platte. Abwechslungsreich.

Die ganze 7inch – in der Kürze liegt die Würze, wer auf Melodiccore-Kram steht ist hier hart richtig, gebt den beiden Bands ne Chance, sie sind gut!
Musik gibt’s nur by spotifei. Das verlinke ich nicht.
Release als Coop von Intersphere Records, Melodic Punk Style, High End Denim Records, 20 Chords Records, Wrecking Crew Records, Fast Decade Records und eben Dr. Skap Records.

MC: l’appel du vide – abwärtsspiralen

Vor einer ganzen Weile hatte ich bei Insta gepostet, dass ich dieses Tape reviewed habe. Jo, war aber nicht so.
L’appel du vide – abwärtsspiralen. Die Band schrieb mich an, dass das aber gar nicht inline sei. Ich schrieb zurück „kommt in Kürze“. Jetzt find ich das hier in meinem „Stapel“ und es ist einfach nicht abgeschickt. Ja sag mal… Kann doch wohl nicht wahr sein. So ein gutes Tape!

Also los: „Delirium“ ist ein wirklich großartiger Track! Durch das monotone und repetitive kann er auch recht schnell auf den Sack gehen. Die Band schafft es aber, aus den gefühlt 14928 Effekten, die sie auf Gitarre und Synthies hat, eine ganz eigenwillige und trotzdem homogene Mischung durch die Boxen zu jagen. Der Song dreht sich in den Lyrics um Corona, um euer Geschwurbel. Doch in der jetzigen (Anfang 2023) Zeit bin ich mir manchmal gar nicht so sicher, ob „uns“ nicht das Geschwurbel weggenommen wurde von den Quarkdenkern. Manchmal ist einfach nicht mehr so ganz klar, wo die Trennlinien nun verlaufen müssen, und was unsere Inhalte halt nicht mehr hergeben müssen – sondern eben nun bei den Aluhuttträgern liegen. Ich hoffe, ihr vesteht, was ich meine!
Der nächste Hit jagd dann auch gleich hinterher „das programm“.

Da ich die 7inch, und diese Songs sind auf Seite 1 dieses Tapes, bereits reviewed habe: hier – widme ich mich schnell Seite zwei, denn da stecken die Extrasongs, die wohl vor den Songs zur Single aufgenommen wurden.
Es beginnt mit dem, man kann schon sagen, Discosmasher „stille“ um danach direkt eine Kehrtwende ins Endsiebziger-Fahrwasser von Joy Division zu machen mit „gift“. Es ist nicht einfach nur ne platte Kopie. „gift“ ist ein wenig disharmonischer, molliger. Und er geht mir, wie auch schon „delirium“ mit immer längerer Laufzeit ganz schön auf den Sack. Das Repetitive ist manchmal nicht so ganz meins.
L’appel du vide sind aber wirklich weit davon entfernt, mich zu nerven. Die Band spielt total gut zusammen und ein Blick in ein Livevideo bestätigt, dass sie richtig gut zusammen spielen!
„einer von hier“ live:

Kurz vor dem Abschluss gibt es eine elektronische Version von „das programm“. Es ist ganz klar kein Remix, wohl eher auch eine Demoversion mit Drumcomputer. Ist auch wirklich cool. Was für den Dancefloor.
Und der letzte Song führt uns an den „abgrund“ , bzw. die Band führt uns dorthin, oder möchte dort hinunter?
Das Tape gefällt mir richtig gut, wie ich schon schrieb, bei ihrem fast regelmäßigem Output, könnte da doch mal ein Longplayer bei rumkommen, oder?
Im Februar haben sie ein paar Gigs – Tendenz Nord & Ostdeutschland. Kommt mal in den Süden!
Das Tape gibt es nur via Bandcamp.