LP: handvoll scherben – handvoll scherben

Eine Handvoll Scherben ist eine, würde ich sagen, eine Oi-Punk-Band, die auf Dr. Skap Records rausgekommen sind. Was mich total überrascht, denn was ich bisher von dem Label kenne, und auch beim Auflegen dieser Scheibe erwartet habe, ist hochmelodisch. Handvoll Scherben ist räudig und straight durchgespielter Midtempo-Punkrock mit ziemlich klaren Ansagen und angepissten Texten.

du bist der keil, an dem die gesellschaft bald zerbricht

oder auch:

du bist die pest
die die welt zerfrisst
wir sollen konsumieren
am besten jeden tag
und es dreht sich immer weiter
das goldene hamsterrad

Insgesamt acht Stücke, einseitig bespielt, Rückseite Siebdruck, und abschließend: „was du hast“ ist der Volltreffer, da kriegen Handvoll Scherben mich! Der Song ist ein wenig schneller als die andern, schön die Achtel durchgezockt, kleines Soli, kurzer, knackiger Song zum Abschluss. Vor ziemlich genau einem Jahr erschienen. Hier die Vinyl-Version!
Check it out.

LP: prisonnier du temps – comme un lion en cage

Nachdem ich Jacky von Syndrome 81 angeschrieben hat, dass er eine Solo-LP raus hat, hab ich natürlich zugegriffen. Egal was da wohl drauf ist, es wird gut, denn er ist ein echt guter Gitarrist und Songwriter!

Das Cover ist recht düster gehalten, „prisonnier du temps“ (Gefangener der Zeit) so der Name, „comme un lion en cage“ (wie ein Löwe im Käfig) so der Titel. Und beinhaltet drückenden, eher langsameres Midtempo, Oi-Punk, dem man anhört, dass er der Gitarrist von Syndrome 81 ist.
Acht Songs sind drauf und der Prisonnier du Temps legt los mit dem Titeltrack.
Zwischen knapp zwei und den typischen dreieinhalb Minuten sind die Tracks lang.
Wenn ich die Lyrics richtig interpretiere, mein Französisch ist okay, nicht das Beste, hehe, dreht sich schon das meiste um eine gewisse regionale  Zugehörigkeit. In „la rose blanche“ drückt das ganz gut aus, hier geht es darum, warum die Franzosen schon immer so für ihre Freiheit kämpfen.
Jacky dankt seiner Gang, der Band, seiner Frau, die dieses Projekt wohl auch mit möglich gemacht hat.
Es ist ein Solo-Album, hört sich aber grandios nach Band an, ein sehr lebendiger Sound. Ein toll aufgenommenes Schlagzeug und ein bomben Bass. Die Gitarrenmelodien funktionieren darin total gut. Sie sind recht simpel gehalten. Alles sehr eingängig. Die Chöre recht hoch „gestimmt“.
Folglich gibt es ne Menge Parts, bei denen man mitgröhlen kann. Ich hab aber das Gefühl, dass das gar nicht wirklich beabsichtigt ist, sondern das der Sound, das Gesamtbild, das einfach mitnimmt. Mich holt das total ab. Es sind keine Schlachrufe, der Referain ist nicht das zwingend Mitsingbare.
„sans espoir“ ist der, denke ich, schnellste Song auf der Platte und der Text dreht sich um Menschen, die schwarze Gedanken haben und für die die Zeit stehengeblieben ist. „perdu d’avance“ behandelt Wehleidigkeiten von Couchpotatoes, die immer nur Wunden lecken. Den Titel würde ich damit übersetzen, dass es „den Vorteil egalisieren“ meint, kann aber auch „Anbiederung“ bedeuten.

Jacky singt stimmlich recht gedrückt, der Prisonnier du Temps dürfte Mensch gefallen, der grad Pascow abfeiert, aber das Roughe und Unbändige ein wenig vermisst. Direkt bei Bandcamp zu bekommen.

LP: dead end kids – heiß & dreckig

Drittes Album des Trios aus Dresden und Leipzig namens „heiß und dreckig“.
14 neue, selbstgemachte Hitgranaten werden wild in den Raum geschmissen und die Dead End Kids bringen sie alle zur Explosion.
Kann man das so sagen?

Lasst uns mal reinhören!
In meinen Augen haben sie ein Cover, das mich nicht dazu bringen würde, bedenkenlos zuzugreifen. Es sieht total nach Bravo aus, und die habe ich, hatte ich, in meiner Jugend schon gefressen. Irgendwie hat man sie aber doch gelesen. Obwohl das so unerträglich bunt war, und die Fotolovestories und die ganzen Popper – uargl.
Dead End Kids haben silberne Leibchen an und präsentieren uns also ihre Interpretation der Bravo.
Ein bisschen habe ich Angst, dass das auch musikalisch auf Platte passieren wird, wenn ich die Nadel auflege.
„Welcher Typ bist du? Pizza und Glitzer. Finde heraus, welches Dead End Kid am besten zu dir passt.“
Das ist ja irgendwie total drollig, süß. Zum lieb haben.

Ich bin dann schon ganz froh, dass da auf der LP auch Musik drauf ist. Und los geht es mit „Influenza“.
Hardcorepunk-Vorspiel. Halbtongitarren explodieren in eine Melodiccore-Deutschpunk-Melodie.

„verliebt“ ist ebenso ein hochmelodiöses Stück. Die Dead End Kids schaffen eine super Mischung, eine besondere Zusammenstellung aus verschiedensten Stilen zu spielen. Hardcorepunk mit leicht metallischem Einfluß, wie bei „Prokastrination“ mit dem sehr gut gezockten Metal-Solo.
Die Lyrics sind schlaue, witzige Deutschpunk-Ohrwürmer. Eine Mischung aus Helmut Cool und Krause Glucke Weltverschwörung (ja, wenn schon Namedropping, dann wenigstens was, das euch alle neugierig macht).
Die Dead End Kids habe viel Sozialkritik im Gepäck. Es ist also nicht alles schön und glattgebügelt, nein, man kann ja auch mal klare, ungeschönte Kritik in wohlfeile Worte packen und die mit einer eingängigen Melodie kredenzen.

Dreizehn eigene Stücke und ein Coversong, der da „Frieda und die Bomben“ heißt. Haben den die Beatsteaks geschrieben oder Turbostaat; oder beide zusammen? – ich weiß es nicht mehr.
Und wenn man sich den Text wiederum anhört, wird man ja nicht wirklich schlau daraus, denn der Text ist ein wenig kryptischer, im Gegensatz zu dem, was die Dead End Kids machen. Bei ihnen bleibt relativ wenig Interpretationsspielraum, sie sagen schon sehr deutlich, was sie ausdrücken wollen.
Das finde ich richtig, richtig gut. Und total erwachsen, im Gegensatz zu dem erwähnten Artwork. Genau damit spielen sie also, zwischen Adoleszenz und jugendlichem Überschwang.

Alle Songs haben ein echt gutes Tempo, drücken echt nach vorn, die ganze Zeit. Das hat echt Power!
„Kartoffelsalat“, „Verliebt“ auch der erwähnte „Prokrastination“ passen irre gut in AZ’s oder auf Rock am Merkers, besser als in das Vorprogramm von Die Ärzte.
Aber vielleicht erreicht man dort doch am besten die Menschen, die sich nicht zu viele Gedanken machen, denen die Dead End Kids genau da mal ein ein paar Schilder mit Stichworten hochhalten, um drüber nachzudenken und was draus zu machen.

Gatefoldcover, gelb transparentes Vinyl, Kreuzworträtsel (macht das mal, und schickt der Band n Foto!) auf der Rückseite, käuflich zu erstehen bei JPC
Erschienen bei Rilrec.
Einige neue Videos im Tubenkanal (siehe oben) und ein Interview hier beim Keks.

(Dieser Review erschien schon, ihr ahnt es, beim Vinyl-Keks.)

MC: elmar – über alten dächern (leise)

Vier Jahre von einer drei Song Split 7inch mit den wunderbaren (aber ganz doll anders seienden) Grüner Star, kommt eine vier Song Kassette.
Endlich!
Klar, ich kann jetzt nicht sagen, dass Elmar bei mir jeden Tag rauf und runter laufen, aber die „betriebstemperatur: halten“ Platte ist mega! Immer noch, also jedes Mal.

Was genau liefern Elmar mit ihrem neuen Tape „über alten dächern (leise)“ da eigentlich ab? Machen sie einfach da weiter, wo sie aufgehört haben?
Es ist jedenfalls kein bisschen leise! Vom ersten Takt bin ich echt wieder mitgenommen. Sofort nach vorne gespielt.
„das haus“ besticht dadurch, als hätten Muff Potter ein bisschen Lygo gefressen und sind voll auf Speed. Das ist keine Sekunde lasch! Die Nachdenklichkeit sitzt mehr in den Texten, als in den Gitarrenriffs!
Mit „elefantenhaut“ legen sie direkt den nächsten Hit drauf. Dann ist Seite 1 leider schon durch…
Die Songs sind abwechslungsreich, die Gitarren spielen mit- und gegeneinander, die Drums treiben immer nach vorne, der Bass legt mit Biss einen verdammt guten Teppich drunter.
Bevor ich das Tape umdrehe, schaue ich kurz (nicht während der Fahrt!) ins Klappcover, spickel in die Lyrics. Aufgenommen Anfang letzten Jahres Ende Januar 2023 erschienen. Man hat keine Kosten & Mühen gescheut ein aufregend buntes Cover zu gestalten. Auf dem Cover ein Kind mit, vermute ich mal, dem Vater auf dem Skateboard im Garten. Der Bildauschnitt ist sehr cool gewählt, zeigt nichts und verrät alles. Unterstreicht die Lebendigkeit der Musik.
Kleiner ausgrissener Fresszettel mit einem Dank fürs bestellen drin. Robin würde sich freuen, wenn wir uns mal kennenlernen. Oke, dann richte doch bitte deinen Bandkollegen aus, dass wir das dieses Jahr mal machen sollten!

Die weiße Weste ziemlich dreckig
und ihr Blick eher gemein
Wenn das der Anfang ist
will ich für das Ende sein
„das Haus“

Das finde ich mega!
Es folgen „maulschorf“ und „bon duell“.
„maulschorf“ ein waschechter Emosong! Total super, aber bevor ich den Gedanken fassen kann, was ich gut daran finde, kommt auch schon der letzte „bon duell“ und haut mich um.
Disharmonischer Anfang, der die Spielfreude der Band unterstreicht, in Melancholie rumstreunert, ein paar Ecken und Kanten später einen sphärischen, melodidiösen Part münden lassen, diesen ganz reduzieren auf Snareklicken, Bass und einen cachy Refrain, um daraus wieder zu explodieren!
Elmar haben viele, abwechslungsreiche Ideen, die sie in kurze Songs, in den einen Sound packen, den sie haben.
Und in der Kürze dieses Tapes ist das maximal gut gemacht.

Bestellen bei Bandcamp oder per Mail.

LP: frachter – bad sterben

Frachter, eine Band aus Weimar, wo liegt das eigentlich? Ein Ort irgendeines Dichters, glaub ich, da kommen Frachter her, die schon in 2016 ihr erstes Demo veröffentlichten.
Mich erinnert das sofort an Kitt Wolkenflitzer, Herr Paulsen und das Zeitproblem oder Lygo. Nicht ganz so „schreiig“, mehr Indie, mehr Emopunk,
aber von vorn:

Der Frachter legt ab mit dem ersten Track der Platte Bad Sterben. Der lakonische Gesang von Jochen, dem Sänger und Gitarristen von Keine Zähne im Maul aber La Paloma pfeifen kommt mir in den Sinn; dabei ist Weimar tatsächlich weit weg von Flensburg oder Kiel.
Sie haben auf jeden Fall die „richtigen“ Vorbilder, die sie in den Titeln auch benennen, wie Graf Zahl oder ….but sterben zum Beispiel. Das ist schon alles hoch melodisch und hat doch so einige schöne Textzeilen, viel Ironie zwischen und in den Zeilen.

denn perfekt ist nur der tod

die Tischdecke bleibt kleinkariert
genauso wie die Köpfe
(Atacama)

Das gefällt mir richtig richtig gut, was die Band da macht. Abwechslungsreiches Songwriting! Die Songs „zylinder“ und „keine szene machen“ gehen ineinander über, durch ein Break ins andere.
In Letzterem dreht es sich um eine Liebeserklärung an eben die eigene Szene, davon ein Teil sein zu dürfen, sich sicher fühlen kann, aufgehoben. Was man kreativ und subversiv erschaffen kann. Im letzten Satz bekommt das noch einen Twist, ein klein wenig erhobenen Zeigefinger, denn ob der Jugend der Band ist das entschuldbar:

eine Szene nimmt eine Menge in Kauf
weil sich das einfach besser verkauft
aber hey alles cool
ich will keine Szene machen
es war schon immer so
und dabei sollten wir es belassen

So ein kleiner Wink, dass eben auch eine coole Szene ins Konservative abrutschen kann; eingefahren wird. Sollten wir es also belassen?

Die Worte gebe ich mit auf den Weg.
Ein paar Shows spielen sie auch, schaut mal bei FB.
Album ist am 17.02. erschienen. Mein Review so ähnlich auch beim Vinyl-Keks.
Käuflich zu erwerben direkt beim Label gunner-records.
Ein Video gibt es zu „homo faber“ – ein Track, der mich nun an Captain Planet erinnert. Das Album kann echt nur gut sein, wenn ihr auch nur annähernd etwas mit den genannten Bands anfangen könnt!

und ganz aktuell gibt es noch einen Clip zu „schnauzbert“

LP: todeskommando atomsturm – endlich zukunft

Wie hart man sich täuschen kann! Ich entdecke Todeskommando Atomsturm hier wohl ein zweites Mal.
Ich stelle fest, nach den ersten paar Takten, dass das nicht das ist, was ich erwartet habe. Irgendwann hatte ich mal ne Split, ne, bei der kleinen Recherche stelle ich fest, ne, Todeskommando Atomsturm hat keine Split gemacht. 
Wie auch immer: also alles neu!
Die Mucke ist ja mal einfach cool. Hardcorepunkband aus München.
Im ersten Song „dead punks“ verabschiedet sich die Band davon, dass diese Szene von Altem, denn diese Szene, und deren Inhalte, wofür sie stehen, haben sich verändert, weiterentwickelt. Was soviel heißt: mit der Entwicklung der Gesellschaft geht diese Veränderung einher und alles, was du von früher laberst mündet darin, dass es heute halt einfach nicht mehr so ist; und du konservativ an deinem Shit festhälst.
„Seelenverkäuferin“ handelt von Menschen, die Geld vom Staat beziehen und die Frage daraus: Was ist dieser Mensch denn Wert?
1,96 EUR?

die Mäuse sind verschwunden, nur der Kater ist geblieben

„Tag des Feuers“, auch als Videoauskopplung erschienen, geht es um den niedergebrannten Regenwald in Brasilien.

Wobei ich hier den Wehmutstropfen loswerden mag: dieses Solo vorneweg ist so hart rockig, dem/(der eine(n) oder anderen wird es gefallen – ich mag diese Rockmusik null, dass es mich sofort dazu bringt, beim Video auf Stop zu drücken. Die Platte läuft, selbstverständlich, durch!
Wenn ich mir dann noch den Artkel aus der Süddeutschen Zeitung dazu reinziehe…. Die Band hat ein gutes Gespühr für Melodien, ja, aber ausgerechnet dieser Song? Es ist ein Rocksong, mit Punk, nunja, hat das nicht so viel zu tun.
Nichtsdestrotzrotz ein sehr schönes Video und ein super Text. Die Wut ist textlich und gesanglich klar formuliert.
Bei „Tigerbalsam“ geht es ums älter-werden in dieser Szene. Der Teenagerfrust ist nie vergangen, was einen zum Nachdenken bringt, man aber dann doch immer weiter macht. Genau! Ganz meine Meinung! Fett nach vorne gespielter Hardcorepunk, der den beschrieben Frust die Faust in der Luft hinzufügt!
Ich weiß jetzt auch nicht, ob ich mit 62 oder so noch auf der Bühne stehen werde, aber eventuell kenne ich befreundete Bands von meinen Kindern oder deren Freunden, und schaue mir die an, supporte! Wenn es diese Blüten treibt, haben wir doch alles richtig gemacht. Lärm bis in alle Ewigkeit.
„Endlosschleife“ ist eine sich endlos wiederholende Abwärtsspirale im Internet.
Danach folgt „nein“, in dem es um die Menschen geht, die sich in den letzten beiden Jahren vermehrt auf die Strasse gewagt haben, um mit Todschlagargumenten durch die Gegend zu latschen. Und auf jedes Gegenargument mit „nein“ zu antworten.
„Kabul calling“ ist teilweise in Englisch, es geht um Flucht und Fluchtursachen. Er schließt sich musikalisch ein wenig an „Tag des Feuers“ an, ich nutze hier mal den Ausdruck pathetisch.
Zum Abschluss schieben sie dann einen Song auf französisch hinterher, meinen tiefsten Respekt dafür, es ist keine leichte Sprache. Der Trugschluss der feministischen Punkrockparty – und bevor ich da jetzt etwas erkläre, was mir möglicherweise unerklärlich ist, weil ich ein Mann bin, empfehle ich hier den Anspieltipp.  Zuhören und nicht durchrauschen lassen!

Die Band spielt richtig gut zusammen und haben ein eingespieltes Songwriting. Rotz in der Stimme, melodische Gitarren, präsize Backsection.
Im Booklet präsentiert sich Todeskommando Atomsturm auf großer Bühne mit Konfettiregen. Ich denke, wer Pascow mag, kann hier bedenkenlos mitbestellen! Und auch das nächste Konzert besuchen. Sow ie sich die Band präsentiert, ist damit zu rechnen, dass da noch einiges kommen wird!

Erschienen und zu haben via Gunner Records.
(und dieser Review mit Freundlichen Grüßen auch schon mal beim Vinyl-Keks.)

LP: 100 kilo herz – akustisch im gewandhaus

(dieser Review erschien schon beim Vinyl-Keks)
Am 03.02.2023 erschien die LP „akustisch im Gewandhaus“ von 100 Kilo Herz in den Shops und in euren Ohren; und ich hab keine Ahnung, wo ich diesen Review anfangen soll.
100 Kilo Herz, eine Punkband mit Gebläse-Sektion, die sich durch solidarische, kritische, herz-liche Lieder in unsere Herzen gespielt haben. Die im letzten Jahr einen berechtigten, wie auch von Seiten der Band reflektiert aufgearbeiteten, Shitstorm über sich ergehen lassen hat müssen. Eine (ist das noch?) Punk-Band die, durch die Bläser eben auch musikalisch unausweichlich, hochmelodischen Punkrock machen, mit Reibeisenstimme, Reimschema und Versmaß.
Nun stehen da, außer der ohnehin schon sechs-köpfigen Band, 10 Menschen auf der Bühne, die die Punkmusik der Band in ein akustisches Gewand packen.
Was ich mal vorweg sagen möchte ist, dass es für Punkbands heute wichtig sein sollte, in Locations und vor Publikum zu spielen, was „normalerweise“ nichts mit dem Sound anfangen kann. Oder auch nicht unbedingt mit dem permanenten Querulantentum und Gemaule über gesellschaftliche Probleme, der Untergangsstimmung, die permanent durch die Lyrics weht. Und das machen 100 Kilo Herz schon von Anfang an echt gut. An den Stellen, an denen ihr Sound zu seicht wird, ihre Songstrukturen zu überschaubar, erreichen sie hoffentlich genau die Leute, die sonst nicht hinhören!
Und der Inhalt kriecht in ihre Ohren und versetzt ihre Hirne in Schwingung und sie beginnen zu denken. Sich zu engagieren, was immer.

Folglich ist es für mich absolut schlüssig, dass sich die Band so in die Herzen eines größeren Publikums gespielt hat, das auch im Gewandhaus sitzt, wo sonst eben klassische Musik gespielt wird. Wo Dirigenten ein Orchester durch den Abend geleiten und nun eine Brass-Punkband steht, die vor einem sitzenden Publikum in weißen Hemden, Fliege und Krawatte ihre melancholisch, kritischen Songs zum besten gibt.

Diesen Song spielen sie auch im Gewandhaus als ersten. Im Text heißt es:

Na klar habt ihr auch Hobbys, man muss ja was riskier’n
Mit Aktien spekulier’n, ein wenig Geld transferier’n
Und ich bin mir sicher, ich kann genau so sein
Alle, die zu wenig haben, vom Restgeld befrei’n

Ist doch genau das richtige Publikum, sofern denn außer Fans auch Menschen dort waren, die sonst die besagte Klassische Musik erleben.
In der Promo heißt das „Punkrock meets Hochkultur“. Als alter Couchpunker kommt mir da schon ein hochnäsiges Lachen aus der Kehle, respektive dem, was ich oben schon schrieb. Also ein lachendes und ein weinendes Auge!
Auch könnte man meinen, da es ja bekanntere Bands gibt, die gerade im Halbjahrestakt exklusive Media-Books rausbringen, dass 100 Kilo Herz eventuell etwas hoch greifen, nach gerade mal zwei Alben.
Wobei die Band es einfach schafft, greifende Hooks und gute Texte in abwechslungsreiche Songs zu packen, und das eben in kürzerer Zeit, als manch andere. Ich kann die beiden Platten „weit weg von zuhaus“ und „stadt, land, flucht“ wirklich empfehlen!
Wie auch immer, die erste Seite, bzw. die ersten sechs Songs haben mehr Tempo und starten lebhaft in dieses Set. Seite zwei beginnt mit viel Piano zu den Songs „Laternensong“ und „Rücksitz“. Sind echte Gänsehautmomente.
Ich finde, dass man schon merkt, dass 100 Kilo Herz noch nicht die 100%-Profis sind. Aber genau das freut mich total, denn abgeklärte Rockbands gibt es echt genug und Punk lebt davon, dass man nicht alles perfekt abliefert! Die zusätzlichen Instrumente, gespielt von Stefan Didt (Saxophon), Jost Elvers (Posaune), Lorenz Fröhlich (Trompete) und Stephan Mühl (Percussion und Ukulele), bringen wirklich eine schöne Farbe in die Musik von 100 Kilo Herz.
Anspieltipps auf dieser Platte namens „akustisch im Gewandhaus“ sind ganz klar „an Ampeln“ (den mag ich sowieso voll gern und erinnert mich wahnsinnig an Captain Planet – und die sind auch eine ganz große Liebe) und noch „die Guten“!

Zum Abschluss: ganz großen Respekt an die Band, die sich da musikalisch absolut weiterentwickelt hat. Einzelnen Songs nicht nur einfach ein neues Instrument hinzugefügt, sondern auch an der Struktur gearbeitet hat.
Wer weiß, ob sie dieses Akustikset nochmal so aufführen; für dieses eine Mal allerdings wirklich klasse gespielt und mit maximaler Leidenschaft vorgetragen.
Könnt ihr hier live erleben:
20.01.23 Bitterfeld, AKW
21.01.23 Husum, Speicher
27.01.23 Zwickau, Kein Bock auf Nazis Festival
26.05. – 27.05.23 Kronach, Die Festung Rockt
24.06.23 Münster, Vainstream Rockfest

Das hier präsentierte Mediabook mit LP und Booklet gibt es bei Coretex.
Die Version im Gatefoldcover bei JPC
Erschienen bei Bakraufarfita Records. Aufgenommen im Rahmen der Reihe „Leipzig klingt weiter“.

PS: Wer nun in diesem Review vermisst, dass ich mich mehr äußere zu den Vorwürfen gegen den Ex-Gitarristen der Band (2021 bereits aus der Band ausgeschlossen), der kann sich sehr gerne das Statement von Rock am Berg Merkers vom Sommer des letzten Jahres durchlesen (und den Links dort folgen). Inzwischen hat sich einiges getan. Die Band und auch ihr Label Bakraufarfita haben sich konsequent um Aufklärung und Aufarbeitung bemüht. Ich habe da einiges mitgelesen, denke, die Band und die Crew machen das sehr gut und sind mit ihrer Art & Weise damit umzugehen wesentlich näher am Menschen und Geschehen, als so manch andere; hier nenne ich keine Namen.

LP: scheissediebullen – simulation eines guten lebens

Die Freiburger Scheissediebullen bringen ihren dritten Longplayer raus, nachdem es 2013 „aufschwung“ und 2016 „anwohner raus“ erschienen ist.
Bei Gunner Records sind sie geblieben und „Simulation eines guten Lebens“ erscheint ergo wieder dort.

Das Cover ist aufwendig im Punkrock-Kritzelstyle. Glücklicherweise nicht auf kariertem Papier, ich würde sonst Rückschlüsse auf etwaig verlorene Schulstunden ziehen, in denen, statt der Performance der Leerkraft zu folgen, das Schreibgerät leergeschrieben wurde.
Die Vorderseite mit einem verträumten Punk, der aus seinem recht aufgeräumten Zimmer in die graue Welt (mit Atompilz) schaut, auf der Rückseite wohl die, möglicherweise von ihm beschmiertes Mauerwerk, Graffitis der Songtitel. Die finde ich allerdings etwas chaotisch angeordnet und unleserlich; da hätte man doch auch gleich einen Deathmetal-artigen Schriftzug… der ein oder andere ist vielleicht nicht ganz so lost wie ich.
Ein vier-seitiges Booklet mit allen Texten liegt bei. Auch optisch sehr schick.

Scheissediebullen machen recht gediegenen Deutschpunk mit recht schlauen Texten. Nach der ersten Runde fetzt mich das noch nicht so richtig, also nochmal von vorne.
Was die Band sympathisch macht sind ihre Spielfreude, der gute Sound und die Zitate. Ich finde Slime, die Toten Hosen, ihr könnt ja auch mal ein bisschen suchen!
Sie sind sich selbst nicht zu schade, Melodien zu klauen und selbstironisch über sich zu singen.
Ziemlich direkt ist beispielsweise „Philosoph“, einer umfassenden Kritik am Werk des Philosophen Sloterijk, der siet zu vielen Jahren an der Karlsruher Unität sein Unwesen treibt.
Erinnert mich desöfteren an Alarmsignal, wer einer unbekannteren Band eine Chance geben möchte, ist somit bei Scheissediebullen ziemlich sicher am richtigen Ort in der Plattenkiste.
Super Songtitel wie „La Deutsche Vita“ oder auch „Sommer, Strand & ein paar Leichen“ machen die 14 Songs eben selbstironisch, aber auch sozialkritisch und politisch. Ja, ein „so tun als ob wir ein gutes Leben führen“ das ist das Thema der ganzen Scheibe. Ist es ja mit der Punkmusik im allgemeinen.
Für Menschen die Mülheim Asozial mögen oder auch die erwähnten Alarmsignal.

Schöne Bundles der „Simulation eines guten Lebens“ (100 Stück limitierte LP mit silbernem Vinyl und Riso-Print, sweete Bundles mit unserem neuen Shirt (starring Hündin Pippa!!) oder einfach die CD oder LP) gibt es bei Gunner direkt.

(dieser Review ist freundlicherweise auch schon bei Vinyl-Keks erschienen)

 

fanzine: rauditum #8

Ha! Ich habs wiedergefunden. Ab und zu muss man gezwungen sein, zuhause zu weilen, dann kommt man auf die irresten Ideen; mal abgesehen von renovieren, basteln, musizieren oder laut Musik hören.
Hashtag „aufräumen“.
Und da zieh ich doch aus einem Stapel das (noch) aktuelle Heft vom Rauditum aus Dresden.

Ich schlag das also flux mal auf und gehe von vorne durch: ein paar Menschen haben mitgewirkt an dieser Ausgabe, außer Ugly und De Wessi. Zwei Gratis CD’s gibt es diesmal auch dazu.
Start ist das Interview mit den Machern von Demons Run Amok. Die beiden sind ziemlich offen und beantworten die Fragen direkt. Kurzweilig und gut!
Es folgt ein wirklich gutes Statement im folgenden Comic „Rude Femzines“. Ein schnuckelig kurzer Beitrag von the Roadblocks über die Songs auf ihrem neuen Album „welcome to Paradise“.
Etwas ausführlicher ein Bericht über die Rollstuhl Erlebnisreisen GIAMBO gUG. Heiko hat die Idee gehabt für Menschen mit einem Pflegegrad zwischen 3-5, die also rund um die Uhr versorgt werden müssen, mehrtägige Trips zu ermöglich. Wie cool ist das denn?
Ein sehr langes Interview gibt es mit Snob City, das hebe ich mir für später auf. Sie unterhalten sich über Antifschismus und Sexismus in der Oi-Szene.
Mit der Hardcoreband Schwach ein Vorstellungs-Interview und ein paar Facts zur aktuellen Scheibe. Eine recht junge Band Bullock aus Dresden darf ein paar Worte loswerden. Worauf dann Ralle ausführlichst aus seiner Biografie erzählen darf. Er ist, war Teil der Bands Rawside, Frontalangriff und Troopers.
Garniert mit ein paar Gedanken und Reviews von Zines und Tonträgern.

Auf jeden Fall wieder lohnenswert jede Seite zu lesen. Um genauer zu sein: es wird immer lesbarer, was Anfangs noch ausprobiert wurde, hat sich nun gefestigt und wir wird weiter ausgebaut.
Heft kriegt ihr sicher über die FB-Seite oder bei Ugly direkt.