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LP: anna absolut – ultramarin

Wenn es eine Band gibt, die musikalisch komplett was drauf hat und sich wahnsinnig weiterentwickelt hat, dann ist es Anna Absolut aus Graz in Österreich. Wenn es eine Band gibt, die textlich sowas von irrwitzige Ideen hat, bei denen es, zumindest mir, einem die Fragezeichen in die Falten auf der Stirn wirft, dann ist es Anna Absolut.
Sie haben echt ein Händchen für „badab dab dab vow“ (Schwestern im Geiste) und andere Spielereien.
Wenn es um Inhalt geht und eine Aussage, dann haben sie schon ein klare Kante gegen Rechts „Kanonen & Violinen“. In meinen Ohren ist die Musik der Band richtig gut gereift, sie haben ausgefallenen Ideen und spielen das einfach so weg; alles gehört zusammen. Eine wilde, runde Mixtur, aus Turbostaat-Melancholie, Punkrock, Post-Rock und leicht windschiefem Gesang.
Und dann stolper ich über die „
Eine sehr schön getexte Erinnerung an einen Kämpfer gegen den Nationalsozialismus namens Karl Drews; und alle andern, die als Pflastersteine in einer Stadt verewigt wurden.
Danach wird wieder aufgedreht mit „Mythos Scholmer“. Ein Text, den ich so gar nicht verstehe. Ist das so ein Die Ärzte-Gedenkstück à la „bitte, bitte“ oder erntsgemeint auf eine lebende Person, die ich in meiner Schnellrecherche nicht gefunden habe.
Mit „Adrenochrom“ und der Videoauskopplung „Liebe kann man so nicht schreiben“ machen sie wieder alles super. Klasse getextet und musikalisch eine gute Mischung aus emotionalem Indie-Geschrammel. „Liebe kann man so nicht schreiben“ dreht sich um toxische Beziehungen.

Sie brechen die beiden ernsteren Themen dann mit dem flotten „Tanzen geh’n“ auf; um als Abschlussnummer „denk nicht mehr daran“ wieder dafür zu sorgen, dass ich diese Sorte Humor so gar nicht verstehen kann. Vielleicht kommen Anna Absolut aus einer anderen musikalischen Galaxie, oder sie sind einfach hundert Jahre jünger als wie ich 😉
Sie selbst schreiben „
Inmitten von Punk und Indie. Lebensbejahend, sozialkritisch, mit Augenzwinkern.“
Ihr bekommt die Platte über diesen LinkTree.
In wunderschönen Farben Cover und Vinyl. Mit Textinlay, leider kein DL-Code

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festival: gutensglück #1 – 16.&17.09.2022 – Kapitel 1 & 2

Kann denn ein Festival kacke sein, wenn es so heißt?
In der Pampa rund um Magdeburg befindet sich die Börde. Dort gibt es viele kleine Ortschaften, die irgendwas mit „-leben“ im Städtnamen haben. Oder „-wegen“, ja, klar, es gibt auch noch ganz doll andere, ist ja auch nicht wichtig. Ein so lustiger Spruch wie der von einem von den drei Detlef’s aus Köln fällt mir sowieso nicht ein; dazu später mehr.

Kapitel 1
„Vorgeplänkel“
Ich freue mich ja seit gefühlt Monaten schon dort hinzufahren, es war nicht ganz leicht für mich, das mit meiner Familie zu organisieren. Na, hat ja geklappt, ich sitze im Auto. Freue mich. Der Weg dorthin, ist schon ziemlich weit. So knappe 600km – one way. Gut für die Öko-Bilanz!
Nach und nach wurden die Bands bekannt gegeben und ich freu mich tierisch die neue Band von Tuba, den ich nun schon soooo lange kenne, und noch nie von seiner zweiten Zweitband gehört habe. Die Boitels. Peppone werden spielen. Dann freue ich mich über Grüner Star! Da ich mit Nils schon so viele Jahre maile und noch ein paar Platten in meine Plattenkiste genommen habe, aber persönlich noch nie getroffen! (PS: Schneller Autos Organisation!)
Weiter gings mit Bands, mit denen ich irgendwie bekannt bin: Dr. Dexter, Von Hölle, Hasenscheisse (ihr kennt die nicht, whaaaat?, aber ich kenne die, whaaaahaaat?) oder Interna.
Da musst ich erstmal im Netz gucken und stellte dann fest: mensch, da kenn ich doch den Steven und Stulle, die haben bei Keine Zähne im Maul aber La Paloma pfeifen … aber das ist ja auch schon… Jahre her.
Am gespanntesten bin ich darauf, ob und wie mich Chrischan von Hasenscheisse begrüßt, wenn er mich an einem Ort trifft, an dem er mich nun so gar nicht erwartet; wir haben uns auch sicher 10 Jahre nicht gesehen.
Also ein kleines, feines Festival für mich auf Augenhöhe, mit total persönlichem Bezug und freundschaftlich.

Auf dem Weg durch die Republik regnete es. Wer zur Hölle kommt auf die Idee, Mitte September ein Open Air zu machen? Es ist plötzlich kühl, innerhalb von Stunden ist vergessen, dass es den ganzen Sommer heiß war. Ich habe mindestens einen Pullover zu wenig dabei, immerhin: eine Regenjacke.
Und wieso komme ich dazu, meinen Öko-Fußabdruck so derart zu zerstäuben?
Je mehr Baustellen ich befahren darf, desto düsterer werden mein Gedanken. Zwei Mal Stillstand für 10 Minuten und kein Unfall oder andere Katastrophen in Sicht; nur dumme Autofahrer mit „fuck Greta Aufklabern“.
Ich höre die zwei megaklasse ersten Alben von Rantanplan, um mich zu erheitern. Es klappt auch, bis ich dann denke: ach, jetzt kannst auch was Aktuelles von denen hören! Ui. Ich mach ganz schnell wieder aus. Das Genuschel und ultrabrutalschnelle Sprechsingen ist einem unerträglich durchgemixten Popsound gewichen. Ist ja auch lang her „kein Schulterklopfen“ und „gegen den Trend“.
Ich wollte um neun Uhr los. Habe es auf 10 Uhr geschafft. Wollte um 16 Uhr dort sein, nun ist es 17Uhr30 und ich stehe, laut Link an der richtigen Stelle. Ist nur mitten im Dorf, ich fahre hin und her, telefoniere, finde, Umarmungen, jetzt erstmal Pipi und dann ein Bier; schon geht’s los:

(ab hier mache ich Copy & Paste beim ausführlichen Bericht von Steven von Interna. Er hat das ganz wunderbar beschrieben, und mit seiner Erlaubnis, von mir gegengezeichnet, sozusagen.
Randnotiz: ich habe mit (fast) jeder Band kurz geschnackt und diese Interviews kommen noch jedes einzeln!)

Kapitel 2
„Frame in Frame“
Die Straßen werden schmaler, die Beläge ruppiger, und die Wände rücken näher ans Auto: Wir sind im ländlichen Osten, im Bördekreis genauer gesagt, Niedere Börde noch genauer gesagt. Where‘s the playground, Susie? Wir rumpeln durch Groß und Klein Ammensleben, Gutenswegen und andere Orte mit positiven Namen. Die Wasserdichtigkeit der von Tengo Peppone telegrafierten Wegbeschreibung erweist sich letztlich als Vorbote einer extrem runden Sache, so rund wie ne blankpolierte Kastanie im Herbst. Wie eine von denen, die ich morgen früh in Klein Ammensleben aufsammeln werde.
Irgendwann sind wir da, werden von Jens und Normen herzlich aufgenommen und mit den nötigsten Informationen (Parken, Pinkeln, Poofen) versorgt. Währenddessen spielen die lokalen Dr. Dexter traditionellen Punkrock mit dem Willen zur heiseren Hymne, bei dem aber die prominenten Keyboard-/Klavierpassagen aufhorchen lassen. Völlig frei von solcherlei Brüchen scheinen mir hingegen Keele aus HH zu sein, geschmeidiges Quartett, ausdrucksmäßig für MICH ALTE, ABGEKOPPELTE SALZKARTOFFEL natürlich eine Punkrock-/Rockpunk-Inkarnation von REVOLVERHELD. Das pneumatisch rundumgefederte, alle Zeit „Engagement!“ kommunizierende Fitneßtrainer-Gehüpfe des Bassisten macht mich am fertigsten, aber gecoacht wirkt die ganze Band. Morgen werde ich mir unsere Setliste auf die Rückseite der Keele-Setliste kritzeln und die Regieanweisung „Ciao/Merch/Socialmedia“ vorm letzten Lied entdecken. Ciao, kauft unsere Vinylplatten und folgt uns auf Inza. Geleckt. Und jetzt fallt über mich her, freßt mein Gehirn und mein Plauzenfett.
Wir verbringen den restlichen Abend am Lagerfeuer bei Currywurst und Kartoffelspalten mit Zwiebelstippe und freuen uns des Lebens. 23:30 Uhr archimedisiere ich mich in meinen Schlafsack und schlafe in der spartanischen Stockbett-Hütte 6 Std. straight durch. Stulle, der alte Penn-Artist, schnurchelt heimelig ins Ikea-Laken, und ich wittere Chancen, die das Leben evtl. gerade für mich anrichtet. Aufstehen, rausgehen.
Stapfe ungeduscht und ataktisch auf der Lichtung umher, schaue mir die Baracken an, die rauchende Lagerfeuerasche, die Autos und die Bühne, auf der ein halbes Schlagzeug und ein Trio toploser Boxen darauf warten, von Flechten, Moosen und Ranken überwuchert zu werden. 1936, als dieser Ort noch ein Schwimmbad war, campierten hier die italienischen Olympioniken. „Da war Bud Spencer bestimmt auch bei“, denkt mein benebeltes Hirn mir vor. Waldspaziergang wird nichts mangels Wald. Ich erklimme den Hang, auf dem die Schlafhütten stehen, und sehe im Horizontdunst den Salzberg des ehemaligen VEB Kaliwerke „Ernst Schneller“, Zielitz, quasi also den Ayers Rock von Sachsen-Anhalt. Peppone haben einen Song namens „Kalimandscharo“ über diesen fremdartig in der Landschaft liegenden beige-braunweißen Hügel geschrieben, und über den Acker, auf dem ich stehe, schiebt der kühle Wind Wolkenstränge verschiedener Grautöne. Endlich Herbst. Endlich wirklich Herbst. Jedes Jahr warte ich länger drauf.
Unterm kalten Wasserhahn des aufgerissenen Herrenklos Haare und Sonstiges waschen. Mal zur Straße gehen und schauen. Plötzlich nicht mehr pleite sein, weil am Wegesrand 10€ liegen. Zu Fuß nach Klein Ammensleben, weil sie da vielleicht Kaffee haben. Eine Einheimische versichert mir, daß es „…hier im Durf…“ GAR NICHTS gibt. Oder wie Detlef es heute Abend ausdrücken werden: Man sei durch jede Menge Orte gekommen, die irgendwas mit „-leben“ heißen, „…aber sah gar nicht nach Leben aus!“
Also wieder zurück zum Slot. Fremd in der Börde, und Alleinsein ist ein rares Gut in meinem derzeitigen Leben, so daß ich jede Minute, die ich unter rauschenden Bäumen dahergehe, genieße. Es ist der Morgen eines perfekten Tages.
Wenig später geben sich die Wohltaten schon die Klinke in die Hand und rennen bei uns offene Türen ein. Peppone tischen Frühstück auf, und die Sonne beginnt ihre Tagesschicht. Stulle und ich holen die Hobel aus den Futteraalen und daddeln rum. Simme, was macht der eigentlich? Schlaf nachholen, aufem Übungspad klöppeln? Mit Anlauf in den Wald förstern? Ordnungsgemäß die Grenze verzollen und simultan die Mutti verlinken? Sich gebenedeit ein paar unter die Tonsur mönchen? Sich gehörig was ins Keyboard klimpern oder einen hinter den Schnuffi atmen? Etwa die Rinne verzinken? Ich weiß es grad nicht.
Nachmittags Spaziergang zum Mittellandkanal mit Tuba (Ben Racken, Die fabelhaften Buckau-Boys undwasweißichnoch) & Felix (pADDELNoHNEkANU, Provinzpostille, Vinyl-Keks): Interessante Gespräche über Punkrock im Wandel der Zeiten, den Magdeburger FC und die Gegend, Beinahtuchfühlung mit Nandus und zunehmender Regen. Gut, daß Team Peppone bereits am späten Mittag zwei Pavillons direkt an die Bühne gezwirbelt haben. Unter ihnen werden sich nachher die Leute versammeln und wegen des Regens auch nicht weggehen. Sprich: Der ganze lange Abend wird eine einzige, herrliche BANDS-UND-LEUTE-SITUATION sein! (war gestern allerdings ohne Regen und Pavillons auch schon so!)
Als wir zurückkommen, hat Jens bereits Kürbissuppe auf dem Kocher. Ich habe schon so manche Kürbissuppe verkasematuckelt, aber diese gehört zu den Top-Pumpkin-Five! Dazu ein paar vegetarische Schmalzkniften, und schon fühl ich mich wie Steven Frame an einem Samstagabend mit Kürbissuppe und Schmalzkniften.
Grüner Star machen den Auftakt einer höchst abwechslungsreichen Handvoll Bands. Meine Sympathometer schlägt gleich ein wenig aus, weil der Gitarrist eine Fidel Bastro-Pudelmütze trägt. Man soll ja die Menschen nach ihrem VERHALTEN beurteilen, nicht nach ihrer KLEIDUNG, und eine Mütze aufzuziehen, das ist ja ein Verhalten. Der Sänger erinnert mich an Peter Hein, aber nur wegen seines idiosynkratischen Auftretens; halt einfach ein TYP, der authentisch sich selbst transportiert und eine menschliche Aussage macht, der ich mich nicht entziehen kann und möchte. Seine Gesangspausen nutzt er zum Tanzen mit geschlossenen Augen, aber ohne animatorischen Gestus. Für sich macht er das und zieht während der 40 Minuten, die Grüner Star bestreiten, eine Schneise in die Crowd. Kein Bad in der Menge, eher ein Vordringen. Baut Spannung auf und hält die Balance. Der Regen sei ihm und seinen Kollegen von Hamburg bis hierher gefolgt, erklärt er. Gut zu wissen, ich dachte nämlich, WIR wären das gewesen.
Die Musik bewegt sich im weiten Feld zwischen Indie und Punk, BPM-Quotienten von Midtempo bis Motorik, manchmal beginnend repetitiv und auf eine kratzbürstige Art fließend und offen. Kann ich auf Anhieb was mit anfangen, und später wird mir der wundervolle Felix ihr Album „Hauptsache, es bleibt friedlich“ für umsonst überreichen, was mich ziemlich vom Podest schwiemelt. Die Zeile „Ist dir die Luftfeuchtigkeit der Nacht in die Augen gefallen?“ soll mich heute noch ein wenig begleiten, repräsentativ für die überragenden Texte dieser Gruppe. Eine Entdeckung! Toll!
Unser eigenes Konzert (das siebente unserer Karriere) geht danach zu meiner vollsten Zufriedenheit über die Bühne, und das ist selten so. Die Leute gut, wir gut, Sound gut, Gelöte macht mit, Kommunikation funzt – eins der besten Konzerte, die ich je gegeben habe und unser bestes bisher. Hinterher wollen Zwei zuerst etwas von uns kaufen (aber wir haben ja nichts) und dann wissen, was wir beruflich machen. Vorher möchten sie aber raten und tippen bei mir auf Pfarrer. Das gefällt mir.
Selbst mit Hasenscheisse kann ich heute etwas anfangen. Ihre „acoustic guitar trash balladen“, aus denen ich mir einen gewissen Brecht/Weill-Einfluß heraushöre, sind nicht mein Ding, aber ich genieße den Auftritt und fühle mich blendend unterhalten. Extrem aktivierende Polka-Refrains wechseln sich mit rhythmisch offenen Intermezzi ab, in denen die Geschichte des jeweiligen Songs mehrstimmig weitergesponnen wird. Macht einfach Sauspaß, da zuzuhören. Und unterm Pavillondach fliegen die Extremitäten, während Stulle und ich uns die nächste Rutsche Kartoffelspalten reinmähen und uns von Anke und Otto vom Kali-Lauf erzählen lassen: Letztes Jahr hat Tuba auch mitgemacht und ist bei 35 Grad Celsius den Kalimandscharo hoch, aber da hatte Otto ihn längst abgehängt.
Den emotionalen Höhepunkt setzen aber Peppone, deren Energie, Fleiß und Liebe wir dieses rauschende Fest zu verdanken haben. Mag sein, daß es in musikalisch-technischer Hinsicht gar nicht ihr bester Auftritt ist, und auch der Sound ist zumindest anfangs echt brüllig, aber die großen Punkmomente der Geschichte haben diese Vorzeichen immer umgedreht, und deswegen waren sie so begeisternd und so gut. Punk handelt von Leuten, die was Eigenes auf die Beine stellen (klingt jetzt ein bißchen nach Jodeldiplom, ist aber auch wahr), und diese vier Typen sind so punk wie nur was. Endlich normale Leute!
Stunden später wird mir Stulle, der mit melancholodischem Punkrock wie diesem nicht automatisch was anfangen kann, erzählen, daß ihn die menschliche Größe, die hör- und lesbar in diese Musik und die Texte eingeflossen ist, unerwartet berührt hat; daß Hoffnung und Optimismus darin wären, trotz aller thematischen Heftigkeit (Flucht, Krebs, Tod, gescheiterte Existenzen). Er hat es erfaßt. Peppone sind die wahrhaftigste Band des Abends, sie sind Familie und holen sich ihre Lieben auf die Bühne. Jens‘ Tochter nimmt sich am Ende ihres Vokaleinsatzes einen dieser extrem süffigen Mexikanerschnäpse* vom Tablett und enteilt, ihn stürzend, in die Menge, am Vater vorbei, der ihr mit einem „Ach-so-ist-das-also“-Blick nachschaut. Riesenkurzfilm.
(*Alter Sombrero, dieser Mexi-Schnappes: Kurz vor meinem längst zur lieben Gewohnheit gewordenen „Shellober“-Gesangscameo stürze ich mit Simme einen dieser roten Teufel, und der fährt mir so hart und würzig ins Gedärm, daß ich zügig den Sanitärbereich aufsuchen muß. Längerfristige Folgen bleiben aus. Klammer zu)
(Zweite Klammer: Als Frank Mühr mir bescheinigt, „Shellober“ gut gesungen zu haben, weiß ich noch gar nicht, daß das FrFrank Mührst.)
Eigentlich braucht jetzt nichts mehr zu kommen. Simme und ich auf zwei Stühlen im verwühlten Backstage, und bei ihm gehen die Lampen aus, er wird quasi neurophysiologisch runtergedimmt und kündigt an, sich im Bus abzurollen. Ich erwäge kurz, es ihm gleichzutun, gehe dann aber doch wieder raus und kröne mir den Abend mit den fantastischen Detlef aus Köln; allein auch, weil ich aus alter Liebe schwer an einer Band vorbeigehen kann, in der Eine/r eine Firebird spielt – wie Frank Mühr.
„Gut gelaunter Haß“ ist Detlefs Credo, und das greift tiefer als „Funpunk“, aber ein ums andere Mal scheckig lachen müssen Stulle und ich uns bei Titeln wie „Scheiße ich muß pissen“, „Wie kann man sich nur nicht für Fußball interessieren“ oder „Barclay James Harvest“ doch. Gleichzeitig stehen diese Typen ganz klar auf der guten Seite, ohne im geringsten den Konfektionierungen des Punkrockbetriebes anheimgefallen zu sein, und beliebige Lustigheimer sind sie auch nicht. TYPEN!! Humor, verdammt! Authentizität, ja, ja, bla, bli, blumm, wir sind ja hier nicht im Personalityzoo, normale Leute halt, die beim Frühstück am nächsten Morgen auch mal „Kopulationspsychose“ sagen, ohne daß komische Vibes aufkommen. Und ein brachial geprügelter, aufs Nötigste reduzierter Zweiminüter tritt dem Vorigen in den Arsch. Keine der großzügig auf die Bühne gereichten Alkoholspenden (Durcheinandertrinken? Ja, bitte!) wird stehen gelassen. Texte über Saufen und saufen, ohne daß die Performance Kinken kriegt. Drummer spielt open handed, wirkt auch bei fliegenden Tempi völlig entspannt, und 2-3x pro Song nimmt ein verschmitztes Lächeln in seinem Gesicht Platz. Ich bin verliebt und kaufe mir von teils geliehenem Geld zwei Platten.
#längesterreviewallerzeiten und es kommt noch mehr!
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review: Grüner Star – hauptsache, es bleibt friedlich LP

„…und an jedem klapprigen Dorf klebt jetzt ein Hafen dran“ (Europas langer Ritt). So startet die Platte und ich kann meine tiefe Verneigung vor Nils Texten nicht wirklich in Worte fassen.
Doch Grüner Star sind natürlich nicht nur Nils Stimme und Art zu Schreiben, sondern auch die Musiker, die sich um ihn versammeln um auf der Bühne ihre Art des Indie-Punks zu schrammeln.
Das schrieb ich nur für den kaum versteckten Reim! Denn Geschrammelt wird hier ziemlich wenig; die ganze Platte ist schon beeindruckend exakt eingespielt. Grüner Star kommen mit „hauptsache, es bliebt friedlich“ mit ihrer zweiten Langspielplatte um die Ecke.
Außer Nils (sang schon bei den übergroßartigen Schneller Autos Organisation und Pankzerkroiza Polpotkin), spielen noch Florian Gelling von grafzahl mit, Andreas Reth von Der Fremde  und Stephan Fust (Die Charts, spielt hier auch mit Nils zusammen) an der Gitarre.
Die Musik würde ich als sehr persönlichen, ansprechenden Indierock benennen. Mit dieser subversiven, zynischen Art, die nur Punks und Linksalternative drauf haben. Eine Blickweise auf Musik, Texte und ihre gemeinsame Wirkung, wie sie nur lakonische Hamburger treffend haben können.

Der erwähnte erste Song spricht schon für sich. Weiter geht es mit „Homburg und Mannheim (Köln)“ einer lakonisch fröhlichen Ode an das Tourleben. Grüner Star haben ein Faible dafür mit ihren Songtiteln meist nicht ansatzweise zu verraten, um welchen Inhalt es sich handeln könnte. Und meist hat man den Eindruck am Ende des Liedes, nicht genau zu wissen, was gemeint ist, obschon alles gesagt wurde.
Da muss man als Hörer schon noch mal ran. Nach „Irgendwann ist die Luft kaputt“ bin ich ganz in ihren Kosmos eingetaucht.
Was gibt es noch zu sagen: eine sehr poetische Platte ist das geworden, „Saure Gurken“ bereits auf der Split 7inch mit Elmar drauf, die ein einzigartiges Gimmick mit bei hat. Zwinker. Bei Facebook gibts auch ein schönes Video.

Das wirklich schmucke Artwork ist von Hans Stützer, Nils verriet mir, dass das kein bestimmter Stil sei. Nun, es möge einer werden! 180 Gramm Vinyl, Booklet und Downloadcode. Am ersten April diesen Jahres erschienen.
Erschienen bei Dian Recordings. Zu haben bei der Band, Green Hell, Flight13 und und und… bei mir!

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review: GRÜNER STAR / ELMAR Split 7inch

Auf der ersten Seite legen ELMAR (ex-Mikrokosmos23 und Abenteuer Auftauen) los und die Herren klingen wie eine ganz wundervolle Mischung aus Krawehl und MuffPotter …. da reimt sich sogar der dritte Song der EP drauf…. Jedenfalls nimmt mich die Mucke sofort mit, ist auch sehr nach vorne gespielt und die Erinnerung an MuffPotter bleibt noch im Gesang, nicht in der Musik. Die Band gibt auf diesen kleinen, feinen Release echt VollgasGas mit ‚Grieg‘ und ‚Suffotter‘. Sie spielen schnellen Emo-Punkrock, was ganz wunderbar ist und verlieren dabei über keine Sekunde Ihren Drive. Durch die „Größe“ des Mediums dann eine recht kurzzeitige Angelegenheit. Hat wirklich Spaß gemacht und ich drehe um und hör mir die zweite Band Grüner Star an:

GRÜNER STAR (Mitglieder von den erwähnten SAO – Interview in der Ausgabe #4 – Graf Zahl, Kajak, die Grätenkinder) erinnern mich Aufgrund des Sängers Nils natürlich sofort an die über großartigen Schneller Autos Organisation. Sie starten mit ‚Saure Gurke‘ und legen noch einen zweiten Song ‚Dauerregen‘ drauf. Dabei bleiben sie immer im Indie verhaftet. Haben aber echt ein gutes Tempo, was sie abhebt von Softrockern wie Tocotronic oder Kettcar. Ich lieb die Lyrics und die Ausdrucksweise vom Sänger Nils und kann von beiden Bands,hier speziell von Grüner Star selbstverständlich die Platte nur wärmstens ans Herz legen. Wer beispielsweise die Orgel im letzten Stück mag, möge sich auf jeden Fall die zweite Platte von Schneller Autos Organisation anhören; und auch die Nachfolgeband die Charts ….

Die 7inch gibts bspw noch bei flight13 oder bei Daniel von Elfenart (btw: die 7inch ist übrigens so teuer, weil die Bands sich ein Schriftpassepartout, eine Schwarzfolie anbei haben, mit der man… guckt einfach selbst 😉 )