LP: the zsa zsa gabors – life’s routine

The Zsa Zsa Gabors, benannt nach einer US-Amerikanischen Schauspielerin, kommen aus Österreich und machen Power-Pop-Punk.

Gleich der Titelgebende Track des Albums „life’s rouine“ startet mit einer so honigschmalzenden Melodie in die 13 Songs, plus einer Singalong-Hook, dass mir vor lauter Zucker ganz bunt vor Augen wird.

Mal der Reihe nach.
Die Zsa Zsa Gabors gibt es nun seit über 10 Jahren und haben schon einige Releases rausgehauen.
Sie haben, glücklicherweise, ein Infosheet dabei, auf dem einige sehr gute Infos stehen, auf der andern Seite auch Linernotes und Texte. Allerdings sind die nicht unbedingt Deckungsgleich.
Mir geht es da vor allem als erstes um die KI – Inhalte, die sie generieren haben lassen – das Artwork – und dies auch klar kommunizieren.
Sie haben aktiv einen Song über den Umgang mit KI geschrieben und sind gegen eine Nutzung, bzw Beeinflussung der Musik.
Ich finde das total gut, allerdings weiß ich dann nicht, warum man das nicht gleich vorne auch auf Cover schreibt?
Ich stoße mich da aber eher dran, weil ja alles so vorgehen: niemand kennzeichnet ganz klar mit einem Sticker / Ettiket / wasimmer „KI-generiert“ oder so. Ich will das doch nicht immer selbst rausfinden.

„life’s routine“ ist das sechste Studioalbum. In der „kurzen“ Zeit doch ein recht bemerkenswerter Output.
Sie haben da wirklich gute Gedanken und reflektieren das Thema. Ist es DIE zukunftsweisende Technologie oder ist es ein Tool? Oder sollten wir uns das erstmal in Ruhe anschauen, wie das funktioniert.

Der Sound erinnert mich an die Neat Mentals, 77er Garage, allerdings sehr viel poppiger und eingängiger. Nach vorne gespielt, ja, Punk, man kann auf einem Konzert sicher das komplette Konzert von ihnen mit der Faust in der Luft, das Tanzbein schwingend, freudig mitgrölend verbringen.

Mit „the devil knows“ kommt ne astreine Rock’n’Roll Nummer, womit leider in meinen Ohren der Startschuß gegeben wird, dass die Band es nicht länger als eine Seite bei mir schaffen wird.
Versteht mich nicht falsch, die meisten Grindcore-Bands erzielen da ähnliche Ergebnisse.
„rich kids“ klingt etwas ernster, was ich zwischendurch mal als ganz gut empfinde!
Die Platte von den Zsa Zsa Gabors ist super durchkomponiert, komplett runder Sound!

Transparent blutrotes Vinyl mit schwarzen Schlieren, was richtig gut aussieht und super zum gesamten Artwork passt.
Bubble-Gum-Garage-Pop-Punk.
Im Grunde kann mensch nicht falsch liegen, wenn man auf melodische, eingängige Punkmucke steht.

Erschienen und zu haben bei Mad Butcher Records.

 

Zum Abschluß:
meine Plattensammlung ist beträchtlich angewachsen.
Durch Zukäufe, Neuerwerb oder die vielen Reviews, die ich hier mit Freude schreiben darf.
Ich habe alle Releases mal bei Discogs eingestellt, die nicht bleiben wollen und versuche die Labels nicht zu unterbieten! Würde mich sehr freuen, wenn die ein oder andere Scheibe/MC  einen neuen Besitzer*in finden würde.

lesung: jan off im KOHI Karlsruhe 20.04.2026

Damit ich der Geschichte „ich fülle mein Printzine mit 80tausend Konzertberichten“, fang ich jetzt mal mit dem aktuellsten Ereignis an.
Und wenn ihr das lest, dann ist das ja auch schon wieder Tage her und am Ende hött ichs dann aber auch ins Zine packen können, dann wäre nur wieder irgendwer maulig geworden „wer will das denn alles lesen, wo der war“.

Der heutige Bericht handelt also von einem Autoren, der uns wissen ließ, dass er lieber vorgefährte Liegestütze hätte, als Applaus.
Nein, es geht niemand darauf ein.
Was der guten Stimmung von Jan aber absolut nicht abträglich ist. Denn natürlich reden wir am 20.04. über den Scheiß-Geburtstag von Scheiß-Hitler. Nicht ganz so unflätig wie ich jetzt gerade schreibe; muss gestehen, geht mir auf den Sack. Auch wenn es witzig gemeint ist.

Aber es geht heute um seinen neuen Roman Cumulus 2161, aus dem er uns drei Kapitel vorliest.
Als ich es gelesen habe, kam mir das wesentlich ernsthafter vor, als heute Abend. Ob das an seinen Entertainerqualitäten liegt?
Jedenfalls liest er so in etwa vom Anfang, Mitte und Ende ein Kapitel vor. Es wird immer blutrünstiger und er schafft es, einige davon zu überzeugen ein neues Buch zu kaufen.
Zeitweise habe ich, Anhand der Reaktionen, das Gefühl der Einzige zu sein, der Cumulus 2161 schon gelesen hat.

Vor einer kommenden Pause liest er dann noch ein oder zwei Kurzgeschichten vor, wir sprechen über Natursektspiele, vollgepinkelte Badewannen und hören, wie sich Vladimir Vladimirowitsch Putin selbst ficken kann und am Ende der Geschichte einpinkelt und sich dabei vorstellt es seien die Tränen …. nein, ich werde nicht alles verraten. Es ist wirklich wahnsinnig witzig!

Auch über die unvergleiche Sahra Wagenknecht gibt es eine herzerfrischende Kurzgeschichte namens „Warzenschwein gehabt“.
Ich bin begeistert, denn ich habe sehr viel von ihm gelesen und doch kenne ich nicht alles. Das freut mich.
Gegen Ende gibt es einen Text über 50 Jahre Punkrock zu hören, er erinnert sich da an ein Gesöff namens Mäusepisse (Korn + Milch) – lecker.
Da gehe ich mit ihm konform, die Kinder von heute haben (fast) nichts zu rebellieren und provozieren uns wohl eher mit ihren Bomberjacken als mit Punkrock. Schade auch.
Punkrock ist so viel bunter und lustiger. Egal wie alt.
Eigentlich ist es so, wenn ich diese persönliche Note hier einfügen darf, dass Punkrock am Anfang des Hörens und Erlebens nicht immer leicht zugänglich ist. Doch mit den Jahren wird es besser; man kann sich aussuchen, was einem gefällt, man kann still dabei sein oder Frontrow, man kann aktiv sein und Fanzines machen, Platten rausbringen, kein Instrument spielen können und trotzdem eine Band machen – ist das nicht geil?
Wider der schlechten Laune dieser Fascho-Deppen!
Für immer Punk.

 

LP: anti-corpos – backlash

Erstmal: saucooles Cover!
Und als die Musik läuft hab ich Bilder meiner Jugend vor Augen.
In den 90ern gab es einige Bands, leider meistens ohne weibliche Beteiligte, die einen derart krassen Lärm gemacht haben.
Damals gab es den Begriff Screamo auch noch nicht.
Aber laute Gitarren, Wände aus Zorn durch Mirkofon geschrieen, gerufen, und in diesem Fall von Anti-Corpos auch gesungen, Drums die Schläge richtig wegknallen.
omg. I love that!

Anti-Corpos sind eine all-female, queer-feministische Band aus Berlin, die ihre Ursprünge in Brasilien hat.
Ich bin fassungslos begeistert von dieser Band!
Der stürmische Sound, von drei Frauen in einer Düsternis und Energie vorgetragen, dass mir die Spucke erstmal wegbleibt.
„backlash“ ist das Resultat von 20 Jahren gemeinsamer Bandgeschichte, Anti-Corpos sind komplett an mir vorbeigegangen, bis jetzt!
Zeitweise waren sie wohl mal auch zu viert, wenn ich die Fotos richtig deute. Ich tauche tiefer ein ins Internet für eine Recherche.

Es ist nun also keine Band, die aus #punktoo oder aktuellen Diskussionen und Diskursen über den Anteil von Frauen in der Punkszene und der sehr männliche Umgang mit ihnen, entstanden ist. Diese Frauen stehen schon sehr lange genau dafür ein: ihre Rechte, ihre Lautstärke, diese vorzutragen. Sie haben sich 2002 in Brasilien gegründet und sind inzwischen in Berlin ansäßig.
Diese queere Band ist, ich habe mich kurz mal durch ihre üppige Diskographie bei Bandcamp gehört, gewachsen und ganz sicher lauter und wütender geworden. Sie haben wohl eher mal mit Straight-Edge-Hardcore angefangen, als mit dem dystopischen Hardcore, der auf dieser Platte seinen Ausbruch gefunden hat. Das liegt vermutlich am Weggang der Sängerin und der Gitarristin, denn nun haben sie eine neue Gitarristin, die das Trio komplettiert.
Adriessa Souza – Vocals/Bass (Eat My Fear, Dominatrix), Helena Krausz – Drums (Eat My Fear, Gegenüber), and Irem Kara – Vocals/Guitar, seit 2022 (Nervöus, Hoarse)
Der Sound ist richtig heavy und maximaler Output. Abwechslungsreich in den Vocals. Inhaltlich, „backlash“ bedeutet Gegenreaktion, ganz klar gegen Männlichkeit, gegen Rassismus und pro feministisch, vor allem aber mit einem Augenmerk darauf, als Südamerikanerinnen hier im weißen Europa unterwegs zu sein.

Triggerwarnung wg. Strobo-Effekten:

Das Label No Gods No Masters ist von Anfang Teil ihrer Reise. Und das ist eben in Brasilien angesiedelt. Ich kenne zwei Bands, die ich entdeckt habe, Renegades of Punk und Àgua. Give it a listen!
Zusätzlich sind Refuse Records (Europa-Release) und Emancypunx beteiligt.

Für meinen Teil als Mann empfinde ich die Musik von Anti-Corpos als Testo-geschwängerte, verzerrte Hardcoremusik, die den männlichen Kollegen in nichts nachsteht. Nur die Inhalte der Texte sind klar anders und sehr direkt formuliert.
Wie bspw in dem oben eingefügten Video.
Die erste Seite ist in meinen Ohren etwas bedachter, sie hat mehr Druck und Power im Sinner einer Tanzbarkeit. Und die zweite Seite ist mehr nach vorne gespielt, mehr geknüppelt.
Adriessa und Irem teilen sich die Vocals und das passt ins musikalische Konzept total gut rein. Es ist „nicht einfach nur“ wütend, sondern es knallt.
Meist kreisen die Songs um die zwei Minuten und Anti-Corpos holen im Songwriting raus, was in der Kürze der Zeit geht, fügen noch eine ordentliche Prise Gitarrenkrach dazu. Manchmal am Ende eines Songs ein kleiner Twist, der gut funktioniert und ein I-Tüpfelchen ist.

„scream for a change“ erzählt in einer persönlichen Weise von den dissonanten Akkorden, die man rausschreit, in seiner winzigen Welt, in der man unterwegs ist, man aber von diesem Wechsel träumt! Das unter der Oberfläche von Normen, von der Vorstellung von Körpern und Geschlechtern, dass es darunter eine Welt gibt, die ausbrechen sollte, Wirklichkeit werden!
Das, was viele falsch verstehen und dann als Linke Diktatur bezeichnen, aus Gründen der Ahnungslosigkeit „woke“ nicht verstehen wollen. Das diese schöne Welt, diese Liebe zum Vorschein kommen sollte; so hart und brutal sie sich auch mal anhört!
„migrant heart“ kann ich total nachvollziehen. Dass das Herz, dass aus einem anderen Land kommt, die Kälte sieht, spürt, die gerade immer größer wird in der Gesellschaft.

9 Songs. Emotionale Brachialität. Super produziert. Hochglanzcover. Schwarzes Vinyl und Textblatt. Gibt es auch in zwei farbigen Varianten bei Refuse Records (Link oben!)

Diese Review erscheint/erschien auch bei vinyl-keks

LP: spitlicker – s/t

In einer süßen, kleinen Facebook-Gruppe namens Punkfreaks bin ich auf die Band Spitlicker gestoßen. Ein ganz famos schlimmes Cover grinste mich an: kauf mich und hör die Mucke!
Ein wenig sieht es so aus, als hätte der eine dem andern gerade am Anus gerochen und würde sich nun darüber freuen.

Spitlicker sind eine vierköpfige Band, erschienen ist die Platte bei Aktiver Ausstand in Plastik, SM-Musik und eben Punkfreaks.
Ich leg die Platte auf und – entschuldigt das folgende, militaristische Bild, das ich zeichne – es wird in der Mitte eines Raumes ein Maschinengewehr aufgebaut und losgeballert. Mega!
Man wird mit total gutem Crust-Punk mit zynischen Texten beschossen, bis auch wirklich alle mindestens einmal getroffen wurden.
Die Songtitel sind auch erwähnenswert „natural born asozial“, vielleicht auch nur was für so alte FIlmhasen, wie mich, der da gleich den Film von Oliver Stone im Sinn hat „natural born killers“.
Jedenfalls „revolutionsausverkauf“ und „haben ist besser als brauchen“ sind ganz wunderbare Beispiele für scharf geschossene Worte.
In „masken“ die Aufforderung, die Dinger einfach aufzubehalten (ja! ja!, wie hab ich mir das gewünscht!), denn die Luete haben sich ihre hohlen Worte ja eh nur bei Facebook abgeholt.
Ganz weit vorne „haben ist besser als brauchen“

ich will das haben, was du brauchst
ich brauch es nicht, will es nur haben
will es haben, damit du es nicht haben kannst
und lass es in der ecke des regal verstauben
haben ist besser als brauchen, das hat schon meine mama gesagt
haben ist besser als brauchen, und was du hast, das hast du.

Ein Beiblatt mit abgerundeten Ecken ist in the Inside mit Fotos und Texten.
Sehr cooler DIY-Release. Dieses bewusst Asoziale von Hammerhead in den 90ern nach 4 Jahrzehnte später geschleppt und mit einem Vorschlaghammer ins Aufnahmegerät gezimmert. Jeder Song ein Nagel an deinem Sarg der Gewöhnlichkeit.

 

LP: alcoholic breakdance massacre – sucht und ordnung

ABM, was in diesem Fall Alcoholic Breakdance Massacre heißt, habe ich ne Platte zugeschickt bekommen.
Und hier kommt nun meine unqualifizierte Meinung dazu, respektive, hohl aneinandergerehte Worte, die dem geneigten Leser das Gefühl geben, ich hätte diese Platte angehört.
Zum 25ten Jubiläum haben sie ihre dritte LP „sucht und ordnung“ rausgebracht. Es sscheint offensichtlich, dass ABM sich mehr mit der Sucht beschäftigen, als mit der Ordnung, würden sie nicht sonst mehr Songs schreiben?
Oder ist das auf dieser Platte enthaltene Liedgut etwa extraordinär, eine Aneinanderreihung von Kleinoden des Deutschpunk?

Ich werde angeschrieben mit: „ich tu mich etwas schwer mit selbstdarstellungen, hier ein versuch: (…)“
Und ich tue mich immer etwas schwer mit Reviews, hehe, hier ein Versuch:

Im Frühjahr 2024 wurde diese Platte aufgenommen.
Huch, ja, die Töne schallen los, es ist Deutschpunk.
Streetpunk, vielleicht. Einverstanden?
Sehr zynisch in der Wortwahl, es wird auch innerhalb der Punkszene ausgeteilt. Die Band kommt, wenn ich das richtig zuordne, aus dem Havelland und man ist da schon ein sehr eingeschworener Zirkel punkiger Menschen. Falls es dort eine Szene gab, ist sie inzwischen ordentlich geschrumpft und ich nehme an, man kann dort noch entweder Fascho werden oder Zyniker.
Hier also die Zyniker von ABM. Sie kleiden ihre Texte in einen Sound, der nicht gleich nach Deutschpunk klingt, auch nicht glattgebügelt ist, einfach seine Eigenheit hat. Recorded and mixed von/bei Moon Records.
Die Gitarre etwas sägender, dafür der Bass eher klar im Sound.

„mittelschicht“ finde ich einen ganz guten Song, ja, doch.
Ab und zu driften sie in Ska-Off-Beat- Parts.
Auf dem Textbeiblatt sind jede Menge Flyer abgedruckt; und eben auch die Texte.
12 Songs und ein bisschen Skapunk, finde es ist oke geworden.

Hab leider keinen aktuellen BC Link für euch. Hier die letzte VÖ „klassenkampf und drogen“
Wer den Eindruck hat, ich hätte die Platte gar nicht gehört, weil ich zu wenig auf einzelne Songs eingehe, der möge sie sich bitte bestellen und selbst hören.

Die Band hat – ganz klassisch, will man schon sagen – eine Homepage und dort gibt es die Platte auf schwarzem Vinyl zu erwerben. Wohl auch als MC (Zehnagel Records) oder CD.
Alcoholic Breakdance Massacre

 

interview: #3 – außer ich – punkrock, siegen (r.i.p.)

Vorklapp:
Nach und nach werde ich – bis (in 2025 hatte ich euch nicht verraten, welches) Weihnachten – mal alle Printinterviews, auch längst verblichener Bands, hier online stellen. Ich pimp die noch ein wenig, Musik, Links, Fotos. IMMER DONNERSTAGS – zur Tea-Time.Auch die bereits veröffentlichten bekommen einen neuen Termin und werden angepasst.
Alle Ausgaben sind Out of Print und werden nicht wieder aufgelegt.
Ausgabe 13 eventuell in 2026!

Ein Tip von Twinky kam reingeflattert und ich stürzte mich sogleich darauf. Das Punkrockende Trio (Matze, Dennis und Thomas kommt aus Siegen. Die LP / CD „Punkmonium“ ist nicht ihre erste Scheibe, aber die Erste, die eben bei mir reingeflättert kam.
Da der Etat für Reisen bei der Postille extrem zusammengekürzt wurde, schickten wir uns das Frage-Antwort-Spiel einfach hin und her.

PP:
Hallo ihr! Heisst das nicht „außer sich“? Oder „außer mir“?

Thomas:
Evtl. waren wir ja zu denk- und recherchefaul um den korrekten Terminus zu benutzen, aber vielleicht war uns dieser Umstand bisher auch noch gar nicht bewusst, weil wir vorgeben aus bildungsfernen Schichten (um die Streetcredibility zu erhöhen…) kommen.
Matze:
Wir setzen dass, bewusst falsch ein, um zu irritieren.
Dennis:
Für mich war das immer eine deutsche, schwächere und grauere Form von AGAINST ME. Da in Deutschland eh alles etwas grauer ist, sogar der Punk. Man kann sich aber auch einen Doppelpunkt zwischen „außer“ und „ich“ vorstellen. Es ist aber definitiv nicht: „außer sich“ oder „außer mir“

PP:
Ich habe eure Scheibe „punkmonium“ gleich mehrfach durchgehört. Gefällt mir nämlich. Viel Distortion auf der Klampfe, ist ja nicht mehr so gefragt in letzter Zeit. Es geht ja mit „eins, zwei“ recht frustriert los über unsere digitale Gesellschaft.
Wieso stört euch das? Glaubt ihr nicht, daß die Digitale eine unabdingbare Entwicklung ist?

Thomas:
Genau genommen geht es in dem Text darum, dass sich die Menschen so verhalten, wie es von ihnen erwartet wird, dadurch entsteht quasi eine äußerliche und charakterliche Deckungsgleichheit. Objektiv betrachtet ist das Einheitsbrei, subjektiv gesehen, behauptet man, daran nicht beteiligt zu sein, richtig ist aber, dass man mittendrin steckt. Und nur weil
man etwas kritisiert, heißt das ja nicht, dass man sich von der Kritik ausnimmt.
Matze:
Die digitalen Medien sorgen dafür, dass wir daran teilhaben, wie besonders
sich einige fühlen, obwohl diese Besonderheiten kaum noch sichtbar werden. Für das Punkkonzert entscheidest du dich letztendlich doch für die Vans. Selbst wenn man sich bemüht, anders zu sein, landet man in einer Schublade auf der dann vielleicht steht „Leute, die zwanghaft versuchen, anders zu sein“.
Jeder bastelt am Paninialbum seines Lebens auf Facebook. Jetzt haben wir
es schon wieder getan.

PP:
Ist nicht auch heute Punkrock zu machen etwas irre Konservatives geworden?
Die ewige Kritik von schlauen Bands, die kaum jemand hört, und all den PopPunkBands, die die eingängigen Hits raushauen und die Konzerte abgreifen.

Thomas:
Über Punkmonium wurde einmal nicht zu Unrecht sinngemäß geschrieben, dass das Album zu seicht für die einen und zu rau für die anderen sei. Es gäbe somit kaum einen Markt für solche Musik. Textlich sieht das ähnlich aus. In unseren beiden Alben haben wir ernste und auch nicht ernst gemeinte Texte. Oft fällt mir bei Punkbands auf, dass sie entweder das eine oder das andere bedienen. Vor allem dann, wenn sie vergleichsweise erfolgreich sind.
Wir haben das nie so richtig verstanden, weil meiner Meinung nach die Texte aus dem Bauch heraus entstehen und nicht schablonenartig wirken sollten.
Es werden ja eigentlich Gefühle in Texten abgebildet und in der heutigen Gesellschaft ist kaum jemand ausschließlich wütend, traurig, verletzt, lustig oder sonst was.
Wir haben eher das Gefühl, dass der Schlüssel zum Erfolg aktuell heißt, intelligent zu wirken. Kryptische Texte: Personalpronomen streichen, ein zwei Wortspiele, rethorische Fragen mit Pathos raushauen als hätten sie Bedeutung.
Das ist wirklich keine Kunst, aber erfolgreich. Konkrete Texte zu schreiben ist unserer Meinung viel schwieriger. Vor ein paar Jahren hatten alle auch noch mehr Humor, da gabs keine LP ohne nicht mindestens einen witzigen Sample aus einem Film oder einer Serie.
Um auf deine Frage zurück zu kommen: Konservativ finden wir das nicht unbedingt, aber irgendwie absurd.
Konservativ finden wir die Tatsache, dass zu viele Leute bei Konzerten absichtlich Vorbands verpassen, ohne sie vorher mal gehört zu haben. Wir arbeiten aktuell daran, die beste Vorband aller Zeiten zu werden, aber das ist leider auch ziemlich konservativ.

PP:
Was du ansprichst mit der „marktkompabilität“ kenne ich sehr gut von meiner eigenen Band. Da gab es die Zeit, wo das mit den Photoshopcover immer populärer wurde.
Früher konnte man die Musikrichtung noch am Cover erkennen. Wir haben dann nen Punk, der ne Mülltonne schmeisst aufs Cover gemalt. Da wurde dann sofortgeschrieben: Boa hey, das Cover sieht aus, als wären da die HannenAlks oder BecksPistols drin.
Wir Szenegreise (alle Ü30) machen viel Meinung. Auf der anderen Seite guck
en wir uns heute noch Bands an, die vor 25, 30 Jahren schon tourten.
Zurück zum Interview:
Manche eurer Lyrics haben eine gute Kraft, obwohl sie sich in melancholischer, sehnsüchtiger Verzweiflung suhlen. „setz dich mit dem Ipad an den Strand und schau dir dabei Fotos an; vom Meer“
Wer schreibt die Texte? Woher nehmt ihr die Inspiration dafür?

Thomas:
In dem Refrain von „Fotos“, den du ausgewählt hast, wird eine ziemlich absurde Situation beschrieben. Solche Situationen sind häufig Inspiration für die Texte. Letztendlich ändert sich aber sowas mit der Zeit und die Texte hängen stark von dem jeweiligen Geschmack zu dem Zeitpunkt ab.
Bei den ersten beiden Alben wurden oft selbst erlebte Situationen aufgegriffen und meistens überspitzt weitergesponnen oder Stereotypen thematisiert.
Bei den neuen Sachen geht es vielmehr um Menschen in emotionalen Extremsituationen, die stellvertretend für gesellschaftliche oder persönliche Zustände stehen können. Wir finden die Entwicklung unserer Texte, besonders im Wissen derer des kommenden Albums gut.

PP:
Wie geht’s weiter bei euch? Ein weiteres Album in Planung?

Matze:
Tatsächlich haben wir vor kurzem ein neues Album aufgenommen. Vorher gibt es aber noch eine Split 7inch mit Senor Karoshi. Wenn das alles draußen ist, hoffen wir, vor allem mal mehr Konzerte spielen zu können.
Wie das geht, konnten wir aber bisher noch nicht herausfinden. Das kann natürlich daran liegen, dass wir die digitale Entwicklung eher als stille Beobachter an uns vorbeiziehen sehen.

PP:
Tausend Dank für das Interview. Wir hören uns!

Nachklapp:

Außer Ich Discographie:
2011     von vornherein schade CD
2014    punkmonium LP (review)
2016    split 7inch /w Senor Karoshi (review)
2017    split LP /w Guilo Galaxis, Duesenjaeger, Disco // Oslo (review)

dieses famose Video haben sie zur LP rausgebracht!

Auf ihrem Kanal gibt es die erste CD komplett zu hören und einen Vorgeschmack auf ein Album, welches in 2016 dann nicht mehr kam.

 

LP: ferien auf der ratiofarm – monument der hingabe

Die Band mit dem momentan längsten Bandnamen Ferien auf der Ratiofarm kommt mit ihrem ersten Album bei Lighthouse Records & Sterbt alle Records in meine Anlage.
Mit dem Bandnamen kann ich mal so gar nichts assoziieren und auch das Cover gibt nun nicht wirklich Aufschluss darüber, was denn da für Musik drinstecken könnte. Midwestern Emo? Loungemusik?
Das Cover sieht aus, als wäre es ein Sonnenaufgang, wenn man ein drittes Mal hinschaut, fällt einem auf, dass das eine schnöde Lampe an einer Wand mit weißen Tapete ist. Witzig!

Es geht los mit Indie und bleibt dann auch dabei.
Da ich gänzlich unbeleckt bin bei der Band Ferien auf der Ratiofarm, kann es also einfach mal losgehen.
Texte sehr zwischenmenschlich, eher poetisch als direkt. Also Kettcar als Vorbilder.
Vegan oder vegetarisch ist nicht die Frage, sondern erstmal büschn chillen. Meist alles mit einem ordentlich Augenzwinkern serviert.
Der Schlagzeuger, finde ich, da ich ein wenig Affinität zum Getrommel habe, ziemlich gut. Das Songwriting funktioniert im Kosmos Indie / Poppunk sehr gut, ist allerdings bei mir eine Platte, die maximal im Hintergrund laufen wird, dafür reißt mich der Sound nicht wirklich mit.
Gute Straightness, Hooks zum Mitsingen, glücklicherweise kein Grunge.
Gut eingespielt, guter Sound!

Anspieltipp:

Die Songs sind wohl alle schon 2022 eingespielt und 2023 gemastert worden. Es hat wohl ein bisschen gedauert, bis diese gute Platte auf Vinyl erscheinen konnte.

Im Abgang bin ich dann mit den ganzen Namen und der Suchmaschine an ein Ende im Internet gekommen. „ratiopharm“…. Lighthouse Records hat keine Seite und bei Sterbt Alle gibt’s die Platte nicht im Shop.
Gut. Dann nicht.

 

 

Zum Abschluß:
meine Plattensammlung ist beträchtlich angewachsen.
Durch Zukäufe, Neuerwerb oder die vielen Reviews, die ich hier mit Freude schreiben darf.
Ich habe alle Releases mal bei Discogs eingestellt, die nicht bleiben wollen und versuche die Labels nicht zu unterbieten! Würde mich sehr freuen, wenn die ein oder andere Scheibe/MC  einen neuen Besitzer*in finden würde.

MC: pascow – discografie box „7“

Ein Review, von dem ich gedacht hätte, dass er schneller von der Hand geht und fixer hier reingeballert ist.
Nun, Pascow haben etwas wirklich supergeniales gemacht, für mich als alten Tapenerd:
Es gibt alle Releases in einer toll aufgemachten MC-Box.

Jedenfalls ist es eine prima Gelegenheit, mir mal nach und nach die Tapes ins Auto zu legen und unterwegs zu hören.
Ich bin erst wirklich eingestiegen bei der „nächster halt gefließter boden“, weil ich sie damals im Artcanrobert mit Antitainment sah und von beiden Bands echt hart geflasht war.
Anfangs hatten mich Pascow mit ihrer Art Deutschpunk so gar nicht angeholt. Aber wenn man dann einmal auf die MS Pascow zugestiegen ist, dann geht man nur ab und zu mal für eine Exkursion von Bord.

Erschienen in Coop von Kidnap Music (Pascow-Label) und Raccoone Records. Das Ding ist natürlich schon längst ausverkauft und bei Discogs für einen halbwegs schlimmen Preis zu erstehen.
Das Artwork ist bemerkenswert eingängig gemacht, ein Hingucker, Peter Pan, wenn man die Taperücken in der Box betrachtet; natürlich alle Cover im Original  vorne drauf.
Naja, vielleicht hauen sie uns die einzelnen Tapes auch noch einzeln um die Ohren. Wenn mich nicht alles täuscht wurden 100 Stück gemacht. Was ja auch schon, bei 7 einzelnen Tapes, ein irrsinniger Aufwand ist (700 Tapes all in all!)
Einzig schade ist, dass ausgerechnet das Demo, was nur auf Kassette erschienen ist, nicht zu den „7“ zählt. Klar, würde nicht zur Zählweise passen.

Die Tapetäter-Szene ist total unterstützenswert, mehr Underground geht nicht. Diese ganze Planung, um das dann am Ende für einen halbwegs erschwinglichen Preis rauszuhauen – mit Tapes macht man wirklich so gar keinen Gewinn.

MC: zukunft zwei – geister

Von der Band Zukunft Zwei habe ich mir via ihrer Bandcampseite ihr erstes Tape bestellt. Die Band kommt aus Pa-Pa-Paderborn und sie machen Punkrock im Stile von Lygo oder Herr Paulsen und das Zeitproblem vielleicht.
Sehnsucht und Melancholie wehen so durch dieses Demo, mir wird ganz kalt ums Herz, herrlich.
Emopunk, der ganz hervorragend aufgenommen, bzw. gemischt ist. Die vier Songs sind all in all echt rund. Haben ihre Ecken und ihren Pop.
Gut gesetzte Breaks, zwischen Hüpfen und straight-forward, ein paar Synthie-Teppiche, um den Sound noch voller zu kriegen. Gutes SOngwriting. Also bis hierhin schon mal alles richtig gemacht. Weiter!

Musikalisch echt abwechslungsreich, für einen Zwischendurch-Durchlauf, da die vier Songs echt kurzweilig sind, absolut gut geeignet!

DIY.

fanzine: proud to be punk #41

Die Nummer 41 ist, ja man kann sagen „wie immer“, ein umfassender Blick in die Szene von gestern bis heute geworfen worden.
Irre toll, wie akribisch und genau so ein Punkfanzine doch sein kann. Dadurch auch so wenig chaotisch. Lesbar, sozusagen, oder übersichtlich.

Dunkle Tage, eine Hardcorepunkband aus den 80ern, Bomb All, Parcours (ein Bildungsverein), den Angelic Upstarts, König Kurt Buchladen und „wir Punks vom Hinterland“ mit Broesel vom RubberXhead-Fanzine.
Das Menü wird getoppt von „ein tag ohne bier ist wie ein tag ohne wein -teil 7“.
Und beim Lesen dieser Anekdoten mir auffält, dass es im Bereich des Möglichen liegt, dass ich auch mal so drauf war; vor allem, wenn es um den Gebrauch von abgeschnittenen Colaflaschen ging.
Daraus folgend dann einige ihr Abi verpasst oder gerade so auf die Reihe gekriegt haben. Ersteres trifft dann auch mich zu.

Vor einigen Tagen hatte ich ein Telefonat mit eine Redaktionskollegen, der in Chemniz gelebt hat. Während ich das Interview mit dem Bildungsreisen veranstaltenden Verein Parcours las, dass er mir darüber erzählt hatte, dass aus einer Schulklasse schon Ende der 90er, nur drei Kids mitgehen durften bei einem Gedenkstättenbesuch, da die andern schon komplett rechtsradikal waren und man das nicht hätte verantworten können.
Angehängt ist ein Offener Brief an den Bürgermeister Chemitz‘, in dem auf Artikel 1 und 3 des Grundgesetzes aufmerksam gemacht wird, weil die Bullen dort die Linken einpacken und an Orte fahren, von denen sie nur scher wieder zurück in die Stadt kommen. (Irgendwie habe ich diese Praxis schon in Zusammenhang mit der DDR in Erinnerung…)
Oder gleich dorthin, wo „Betreten verboten“ dran steht, damit sie den Personen dann doch noch etwas anhängen können.
Ich fühle mich so hart an den Anfang der 90er Jahre erinnert.
Es hat sich, eine Zeitlang, etwas verbessert, beruhigt, oder ist aus dem Fokus gekommen; geändert hat sich nichts.

Ich könnte noch ein paar Sätze allein zu diesem Thema loswerden. Sehr anregende Lektüre!
Das Proud to be Punk ist da auch niemals verlegen um Worte, da wird hoch gestapelt – in der Anzahl.
Die Themenauswahl ist wieder super gewesen, kein Artikel hat „nur“ 4 Seiten. Meist sind es 8 bis 10.
Die Reviewseiten sind eingeteilt in „Sachsen Szenereport“ und auch dann der Rest der Republik im „Lauschangriff“, bzw. ab und an auch über den Tellerrand.
Sehr cool, auch darin finde ich mich bei so einigen Sachen wieder.

Kriegt ihr per Mail.